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In Ägypten US-Archäologin entdeckt (neue?) Pyramiden via „Google Earth“-Aufnahmen

Von Waltraud Messmann


Osnabrück. Das waren noch Zeiten: Auf der Jagd nach verlorenen Schätzen warteten auf Indiana Jones tödliche Gefahren. Der moderne Schatzsucher braucht eigentlich nur zwei Dinge – Google Earth und ganz viel Geduld: Zehn Jahre scrollte und klickte sich die Amerikanerin Angela Micol durch die Satellitenaufnahmen des Internetanbieters. Jetzt hat sie möglicherweise mehrere bislang unbekannte Pyramidenkomplexe in Ägypten entdeckt. Wo genau sich die vermeintlichen Kollosalbauten befinden, bleibt vorerst natürlich geheim.

Die Funde sollen der Archäologin zufolge erst bestätigt und entsprechend abgesichert werden. Zu diesem Zweck möchte die Wissenschaftlerin die Region am liebsten persönlich besuchen. Micol selbst ist überzeugt, dass „an den Standorten mehr dran ist: Die Aufnahmen sprechen für sich.“ Interessierte können sich auf der Seite www.googleearthanomalies.com selbst ein Bild machen.

Die pyramidenförmigen Strukturen erspähte Micol an gleich zwei Standorten in Ägypten. Eine von ihnen misst in der Breite rund 42 Meter. In der Nähe befinden sich drei kleinere diagonal angeordnete Hügel, die ähnlich angelegt sind, wie die Pyramiden von Gizeh. Der zweite Komplex besteht aus vier Hügeln und soll in der Nähe der Stadt Abu Sidhu liegen.

Im Internet wird jetzt heftig darüber gestritten, ob es sich tatsächlich um Bauten oder doch nur um Steinformationen handelt. Der Ägyptologe Nabil Selim meint in dem Blog „News Network Archaelogy“ , dass die kleineren Pyramiden ihn von ihrer Größe her an vergleichbare Funde aus der 13. Ägyptischen Dynastie, die ungefähr auf 1785 bis 1880 vor Christus datiert wird, erinnern.

Schon geplündert?

Auch Tobias Poremba, Chef der in Isernhagen bei Hannover ansässigen Fachfirma für Archäologie ArchaeoFirm, hält es für möglich, dass es sich bei den von Micol entdeckten Formationen tatsächlich um archäologisch interessante Funde handelt: „Was ich da auf den Bildern gesehen habe, sah pyramidal aus. Diese quadratischen, runden oder ovalen Formen deuten schon darauf hin, dass der Mensch seine Hände im Spiel gehabt hat.“ Natürlich gebe es auch viele von der Natur geformte Objekte und Steinformationen. „Aber so wie das da im Bild auf den ersten Blick aussieht, würde ich eher zu einer Pyramide tendieren.“

Micol selbst glaubt auf einigen Detailaufnahmen sogar aufgetürmte Erdwälle und Gräben zu entdecken, die darauf hindeuten, dass dort bereits Plünderer am Werk gewesen sind.

„Es scheint, als sei Angela Micol eine der sogenannten ,Pyramidioten‘, die überall Pyramiden sehen“, schimpft dagegen der Experte für archäologische Geologie, James Harrell, in dem Online-Portal „Life’s Little Mysteries“. Er spielt damit auch auf die vielen Hobbyarchäologen an, die einige Experten zunehmend nerven. Was Micol auf den Satellitenbildern von Google Earth gesichtet habe, seien nichts weiter als sogenannte Spitzkuppen – teilweise erodierte Gesteinshügel.

Tobias Poremba weiß aus Erfahrung, dass das Verhältnis seiner Zunft zu Hobbyarchäologen oft nicht ohne Spannungen ist: „Viele Experten lehnen vor allem die sogenannten Detektorgänger ab, weil sie befürchten, dass die nicht alle Funde melden.“ Dabei seien die meisten „begeisterte Hobbyarchäologen, die sich über jeden Fund freuen und dementsprechend dann auch stolz den Experten vorlegen“, meint Poremba, der von „ganz wenigen schwarzen Schafen“ spricht. Durch ihre Begehungen von Äckern und anderen Flächen würden sie auch für die Experten neue Fundplätze erschließen. Die Spannungen zwischen Hobbyarchäologen und Experten seien wohl auch „ein Generationending“, bringt es Poremba auf den Punkt. „Die ältere Generation hat sich mit diesem Thema bisher nicht so anfreunden können. Aber da findet jetzt schon ein Wechsel statt,“ zeigt er sich für die Zukunft optimistisch.

Moderne Technik aber gehört schon lange zur Grundausstattung auch sonst konservativer Experten. Auch die Luftbildarchäologie spielt laut Poremba eine immer größere Rolle. „Dabei stehen stehen Luftbildaufnahmen, die eben nicht mit Satellit erstellt wurden, sondern mit Flugzeugen oder vielmehr mit Kameras, die an Flugzeugen angebracht sind, im Mittelpunkt.“

So wie die Arbeit der amerikanischen Archäologin Sarah Parcak, die anhand von Satellitenbildern sieben Pyramiden sowie mehr als tausend Gräber und alte Siedlungen in Ägypten identifizieren. Allerdings sind die Methoden von Parcak nicht unumstritten.

Im gleichen Jahr machte ein Australier über Google Earth fast 2000 potenzielle Ausgrabungsorte in Saudi- Arabien ausfindig, darunter über 1000 Steingräber. Und in der Wüste Gobi wurde mithilfe des Internetdienstes ein bisher unbekanntes Stück der Chinesischen Mauer entdeckt.

Es gibt auch absolute Zufallsfunde: Der italienische Programmierer Luca Mori wollte nur die Gegend rund um seine Heimatstadt Parma mit dem virtuellen Globus erkunden. Dabei fiel ihm in der Nähe des Dörfchens Sorbolo eine ovale Form mit einem Durchmesser von etwa 500 Metern auf. Es handelte sich, wie sich dann herausstellte, um die Überreste einer antiken römischen Villa.

Mit anderen geht bei der Suche auch schon mal die Fantasie durch. So behauptete vor wenigen Jahren ein britischer Luftfahrtingenieur, er habe Atlantis entdeckt. 500 Kilometer nordwestlich der Kanarischen Inseln hatte er auf dem Bildangebot des Internetdienstes ein quadratisches Netz schnurgerader, rechtwinklig aufeinanderstehender Linien ausgemacht und war überzeugt, die versunkene Stadt gefunden zu haben.

Google selbst blieb es überlassen, den Irrtum aufzudecken: Die Linien auf den Fotos stammten von einem Schiff, das den Meeresgrund mit einem neuartigen Sonargerät vermessen habe, deckte der Internetdienst auf.

Scott Madry, Professor für Anthropologie an der Universität von North Carolina, kennt solche Beispiele zuhauf. „Ich bekomme Hunderte E-Mails von Leuten, die denken, sie hätten mittelalterliche Burgen, römische Villen oder die Arche Noah gefunden“, sagt er der Zeitung „Die Welt“. Da die Hobby-Archäologen keine Experten seien, könnten sie nur schlecht differenzieren, wobei es sich um einen echten Fund handele oder nicht.

Den enormen Wert von Satellitenbildern für die moderne Archäologie kennt aber auch er. Und Google Earth treibe diese Entwicklung nun weiter voran. Madry selbst unterweist Wissenschaftler im Umgang mit Google Earth in der archäologischen Forschung. Er selbst war oft im französischen Burgund unterwegs: „Ich habe 25 Jahre lang in dieser Gegend gearbeitet und etwa 20 archäologische Stätten gefunden“, erzählt Madry in der „Welt“. „Mit Google Earth habe ich in wenigen Monaten mehr als 100 Stätten entdeckt.“

Grab des Dschingis Khan

Die Möglichkeiten von Google Earth möchten sich auch die Macher eines von der National Geographic Society geförderten Projektes in der Mongolei zunutze machen. Sie veröffentlicht fortwährend Satellitenaufnahmen von dem Gebiet, in der das Grab des Dschingis Khan vermutet wird. Die Nutzer werden ausdrücklich gebeten, auffällige Stellen und Stätten zu markieren.