Ein neues Kreativquartier soll entstehen Nach Jahren des Leerstands: Die Speicher am Hafen sind verkauft

Von Jörg Sanders

Nach Jahren des Leerstands verkauft: zwei Speicher am Hafen. Foto: Jörn MartensNach Jahren des Leerstands verkauft: zwei Speicher am Hafen. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Im Osnabrücker Hafen kehrt weiteres neues Leben ein: Die alten Getreidespeicher an der Elbestraße sind verkauft. Die Erschließungsgesellschaft ESOS, eine hundertprozentige Tochter der Stadtwerke, veräußerte die beiden Kolosse aus den 30er-Jahren an die neu gegründete Osnabrücker Speicher GbR. Die Pläne für die künftige Nutzung sind schon recht konkret.

Hinter dem Erwerb der beiden 60 Meter langen und fünf Stockwerke hohen Getreidespeicher aus der NS-Zeit steckt die Speicher GbR, gegründet von vier Unternehmern aus Osnabrück und Umgebung: Matthias Folkers, Vorstand der Osnabrücker Pion Technology AG und Gründer von Billsafe (2011 von Paypal gekauft), Martina Bensmann-Krebs, Geschäftsführerin der Wellentaucher Beratungsgesellschaft in GMHütte (www.meinesauna.de), sowie Max und Benedictus Lingens. Die Brüder sind die Geschäftsführer der Corso Sauna Manufaktur aus Bramsche-Hesepe. 

Stadtwerke-Sprecher Marco Hörmeyer sowie Max Lingens bestätigten das Geschäft auf Anfrage unserer Redaktion. Zum Kaufpreis schweigen sich beiden Seiten aus. 

„Ziel und Hauptaufgabe ist es, das Viertel zum Leben zu erwecken, zu einem jungen und dynamischen Viertel.”Max Lingens (Speicher GbR)

Stadt begrüßt die Entwicklung am Hafen

Mit der Stadt führt die Speicher GbR bereits Gespräche. Die künftige Nutzung soll im Sinne eines Kreativquartiers sein, sagt Max Lingens. „Ziel und Hauptaufgabe ist es, das Viertel zum Leben zu erwecken, zu einem jungen und dynamischen Viertel.“ Er glaube an den Standort und das Projekt. „Wir freuen uns darauf, das wird bestimmt ein gutes Projekt.“ 

Aus der Stadtverwaltung ist zu hören, die Stadt begrüße die Entwicklung im Sinne eines des Stadtentwicklungskonzeptes zum Kreativstandort. Schon vor sieben Jahren hatte die Stadt die Speicher sowie umliegenden Gebäude als Kreativquartier Hafen perspektivisch beschrieben.

Lauter und leiser Speicher

Die Käufer haben schon konkrete Ideen für die künftige Nutzung für die 4700 Quadratmeter Nettogrundfläche. „Es wird einen lauten und einen leisen Speicher geben”, sagt Max Lingens. Grundsätzlich soll der industrielle Charakter der Gebäude erhalten bleiben, sagt er. Die Räume könnten mit großen Fenstern und viel Licht Loftcharakter erhalten. Früh will er mit künftigen Mietern ins Gespräch kommen, um die Räume an deren Bedürfnissen ausrichten zu können.

Die Speicher bieten viel Platz. Foto: Osnabrücker Speicher GbR/Tom Bendix

Im leisen Speicher sollen Ateliers und Büroräume für etwa Architekten, Designer, Makler und Eventagenturen entstehen. Auch Gastronomie wäre dankbar, sagt der Unternehmer.

Die Sanierungsarbeiten am lauten Speicher sollen schon bald starten. Foto: Osnabrücker Speicher GbR/Tom Bendix

Musiker der Stadt können sich freuen 

Im lauten Speicher sollen Proberäume entstehen – „das bietet sich dort förmlich an”. Und überdies würden diese derzeit händeringend gesucht. Zur Erinnerung: Ende des Jahres muss das Kulturzentrum Petersburg den Güterbahnhof verlassen – mitsamt der Proberäume. Und auch die Proberäume auf dem ehemaligen Briten-Areal am Limberg sind bald Geschichte. „60, 80 oder auch mehr Proberäume könnten im lauten Speicher entstehen”, sagt Lingens. 

Warum Proberäume? „Durch persönliche Kontakte in dieser Szene und die Begeisterung für die coole, handgemachte Musik, die hier von vielen hobbymäßig und mit großer Leidenschaft gemacht wird, haben wir uns infizieren lassen.” Es gehe nicht darum, das große Geld zu machen. 

Auch Tänzer, Künstler wie etwa Bildhauer und Musikschulen könnten dort eine Heimat finden. „Es gibt viele Möglichkeiten für den lauten Speicher.” Denkbar wären zudem kleine Konzerte.

Handwerker sollen bald anrücken

Für den lauten Speicher habe Lingens die Baugenehmigung übernehmen können, den Bauantrag will die Speicher GbR bald stellen. „Dann sollen die Bauarbeiten beginnen”, sagt Lingens – sofern die Denkmalbehörde mitspielt. „Wir wollen jedenfalls nicht kaputtsanieren”, versichert er. 

Schon Ende dieses Jahres könnten dort die ersten Bands auf einer Etage proben. „Das ist ambitioniert – aber so sind wir”, sagt Lingens. 

Es gibt viel zu tun

Brandschutz, Stromleitungen, sanitäre Einrichtungen – bevor die ersten Mieter einziehen, gibt es aber noch viel zu tun. Lingens hofft, dass die Sanierung nicht allzu teuer wird. „Wir wollen ja Mieten zu moderaten Preisen.” Zumindest die Gebäudesubstanz sei gut. Künftig sollen die Speicher ökologisch genutzt werden, etwa mit Fernwärme. „Tatsächlich sind wir in mehreren Bereichen aktiv und betreiben auch eine Firma für Altbausanierung. Das Fachwissen in puncto Sanierung und Baustoffe kommt uns jetzt natürlich sehr zu gute”, teilt Lingens mit.

Aus der Stadtverwaltung heißt es, sie werde zeitnah alle notwendigen Unterlagen für die Baugenehmigung vorbereiten. Sofern alle benötigten Unterlagen korrekt sind, könne der enge Zeitplan funktionieren.

Nach Jahren des Leerstands verkauft: der Speicher am alten Hafen. Foto: Jörn Martens

Die Geschichte der Speicher

In den 30er Jahren hatte Hitler in Deutschland nahezu baugleiche Heeresverpflegungslager errichten lassen – als Vorbereitung auf den geplanten Krieg. Fünf dieser Speicher entstanden in Reih und Glied am Stichkanal sowie eine Getreidemühle und eine Bäckerei

Die zwei verbliebenen Speicher an der Elbestraße. Foto: Google

Als die Briten das Kommando in der Winkelhausenkaserne das Kommando übernahmen, ließen sie einen Speicher abreißen. Vier Speicher dienten ihnen als Möbellager, Büro, Mannschaftsräume und Casinos.

ESOS ließ zwei weitere Speicher abreißen

Zwei der verbliebenen vier Speicher ließ die ESOS 2016 abreißen, obgleich sie unter Denkmalschutz standen. Das Areal wurde als Containerumschlagsplatz benötigt.

Von den vier Getreidespeichern entlang der Elbestraße wurden die beiden nördlichen abgerissen. Archivfoto: Jörn Martens

Ursprünglich sollte sogar ein dritter Speicher abgerissen werden, letztlich wurde er erhalten.

Abriss zweier Getreidespeicher an der Elbestraße. Archivfoto: Michael Gründel

K.A.F.F. als Nachbar

Gegenüber vom alten Speicher hatte sich im vergangenen Jahr ein neues Kulturzentrum der Petersburg niedergelassen – das K.A.F.F. „K. am fantastischen Freihafen”. Das „K” könne für Vieles stehen, etwa Kunst oder Kultur. Zuvor hatte das K.A.F.F. unter dem Arbeitstitel Keimzelle firmiert. Das Gebäude, in dem der Verein untergebracht ist, hatte die Deutsche Rockmusik-Stiftung gekauft, Proberäume eingerichtet und Teile ans K.A.F.F. vermietet. Das Gebäude hatte 1933 als Heereslager fungiert, später als Wache der britischen Militärpolizei.

Gegenüber vom Speicher mit der Adresse Am Speicher 9 ist das K.A.F.F. entstanden. Archivfoto: Michael Gründel

Weitere Informationen zu den Speichern sind auf der Internetseite der Speicher GbR www.speicher-osnabrueck.de zu finden.