Sonderband des belgischen Comics Osnabrücker Maler Felix Nussbaum trifft Comic-Held Spirou

Von Corinna Berghahn


Osnabrück. Der belgische Hotelpage Spirou wird dieses Jahr 80 – und ihm zu Ehren wird es einen Comic-Band geben, in dem der Osnabrücker Maler Felix Nussbaum eine große Rolle spielen wird.

Die Geschichte des jüdischen Malers Felix Nussbaum ist tragisch: Jahrelang in Brüssel untergetaucht, wurden der Osnabrücker Maler und seine Frau Felka Platek im Juni 1944 denunziert und nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort wurden beide ermordet. Von der angesehenen Familie Nussbaum blieben die Bilder des Malers und im Osnabrücker Stadtbild eine Villa, die später zum Spekulationsobjekt wurde – und das vom Architekten Daniel Libeskind entworfene Felix-Nussbaum-Haus. (Weiterlesen: „Felix und Felka“: Ein Roman über Felix Nussbaum)

Hommage in der Popkultur

In diesem Jahr erfährt der Sohn der Stadt Osnabrück nun eine späte Hommage in der Popkultur: Zum 80. Geburtstag des frankobelgischen Comic-Helden Spirou erscheint ein Band, in dem der Hotelpage den Maler Felix und seine Frau Felka in Brüssel trifft, sich mit ihnen anfreundet und von ihnen über die Gräueltaten der Nationalsozialisten aufgeklärt wird.

Erste Bilder des Comics hat der Sohn des Osnabrückers Hartmut Böhm bei einem Frankreichurlaub schon gesehen. „Er kaufte einen Comic, in dem auf zukünftig erscheinende Bände hingewiesen wurden. Stutzen musst er, als er plötzlich eine Nachzeichnung des Selbstporträts des Malers im Lager Saint-Cyprien im Süden Frankreichs entdeckte.“ Böhms Sohn schickte seinem Vater sofort ein Foto. Aber auch Böhm senior wunderte sich und richtete die Frage an unsere Redaktion weiter.

Bände erscheinen ab dem Herbst 2018

Nachfrage also beim Carlsen Verlag, der hierzulande die Abenteuer rund um den Hotelpagen Spirou (siehe Infobox) verlegt: Von dort aus heißt es, dass Carlsen zusammen mit dem belgischen Verlag Dupuis insgesamt vier Bände herausbringen wird, die ab Oktober zeitgleich in Deutschland, Frankreich und Belgien erscheinen werden.

Alle drehen sich um Spirous Abenteuer im von den Deutschen besetzten Brüssel und lehnen an den 2013 erschienenen Band „Spirou. Porträt des Helden als junger Tor“ an. In diesem hätte der Hotelpage im Jahr 1938 fast den Ausbruch des Krieges verhindert. Gezeichnet werden die neuen Bände wie schon der aus dem Jahr 2013 vom französischen Zeichner Émile Bravo, der 2010 für seinen Comic „Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen“ mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.

In Osnabrück wusste man von nichts

„Die Felix-Nussbaum-Gesellschaft weiß nichts von dem Comic“, sagt Heiko Schlatermund, Geschäftsführer der Gesellschaft. Nichtsdestotrotz sei man hier sehr erfreut über „dieses spannende Projekt, das den Maler Felix Nussbaum sicher noch einem breiteren Publikum bekannt machen wird“.

Anne Sibylle Schwetter, Kuratorin im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus, muss auch erst stutzen, als sie von dem Auftritt des Malers in dem Spirou-Comic erfährt. Nach weitergehenden Recherchen* kann sie jedoch bestätigen, „dass der Carlsen-Verlag Ende 2013 mit uns in Verbindung getreten war und wir Herrn Bravo im Zusammenhang mit einigen Fragen zu Nussbaum unterstützt haben“.

Graphic Novels: Geschichte wird gemalt

Wurde das Comic-Genre noch vor wenigen Jahrzehnten als platte Unterhaltung für Kinder abgetan, hat sich sein Renommee komplett gewandelt. Einen Anteil daran hat der nachhaltige Erfolg sogenannter Graphic Novels – ein Begriff, der sich auch im Deutschen durchgesetzt hat und für Comic-Romane mit komplexen und schwierigen Themen steht.

Das Buch „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“, in dem der US-amerikanische Zeichner Art Spiegelman die Geschichte seines Vaters, eines Auschwitz-Überlebenden, und den Einfluss des Holocausts auf seine Familie darstellt, gilt beispielsweise als eines der frühen Meisterwerke der Graphic Novels. Spiegelman erhielt dafür im Jahr 1992 den Pulitzer-Preis.

Eine Nachzeichnung des Selbstporträts des Malers im Lager Saint-Cyprien machte den Leser stutzig. Das im Comic zu sehende Selbstbildnis hängt allerdings nicht in Osnabrück, sondern in New York. Foto: Dupuis/Hermann Pentermann

*in einer ersten Version des Artikels war von einer Anfrage des Verlags an das Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus noch nichts bekannt


Wer ist Spirou?

Am 21. April 1938 tauchte der Hotelpage Spirou zum ersten Mal auf einem Comic-Heft auf. Der komische Charakter entwickelte rasch einen Hang zum Abenteuer – und wurde zu einem der Protagonisten des frankobelgischen Comics; man darf sogar sagen: zur Marke. Denn Spirou zählt zu den Helden, die schnell eine ganze Ahnengalerie von Zeichnern beanspruchten. Entworfen hat ihn Rob-Vel, der während des Kriegsdienstes an seine Frau Davine übergab. Später übernahm Franquin die Geschicke der Figur, der den Stoff zugunsten seiner Anarcho-Serie „Gaston“ aber seinerseits weiterreichte – nicht ohne ihn mit dem Kumpel Fantasio, dem Eichhörnchen Pips und vielen anderen schrägen Vögeln um seine verrücktesten Stars zu bereichern: Franquin stellte Spirou auch das Marsupilami zur Seite, ein gelbes, schwarz geflecktes Urwaldtier mit der eindrucksvollen Schweiflänge von acht Metern. (dab)