Jahrestag der Bücherverbrennung Gedenkveranstaltung in Osnabrück am Mahnmal im Hof Hanesch

Von Kerstin Balks

85 Jahre danach: Am Mahnmal von Dominikus Witte in Osnabrück fand eine Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung statt. Foto: Kerstin Balks85 Jahre danach: Am Mahnmal von Dominikus Witte in Osnabrück fand eine Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung statt. Foto: Kerstin Balks

Osnabrück. Bereits am 10. Mai jährte sich die Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten zum 85. Mal. Gut einen Monat später fand nun in der Siedlung Hof Hanesch im Stadtteil Dodesheide eine Gedenkveranstaltung statt. Dass die Themen Meinungsfreiheit, Toleranz und Menschenrechte aber gleichsam aktuell wie zeitlos sind, zeigen dabei verlesene Texte der damals verfolgten Autoren.

„Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“ – wie eine Prophezeiung wirkt aus heutiger Sicht Heinrich Heines Zitat aus dem Jahre 1821. Das Dichterwort und dessen traurige Bewahrheitung durch die Bücherverbrennung mehr als 100 Jahre später hatten den Haster Künstler Dominikus Witte 1986 zu seinem Mahnmal im Hof Hanesch bewegt, jenem Wohngebiet im Stadtteil Dodesheide, dessen Straßen die Namen einiger der von den Nazis verfolgten Schriftsteller tragen: Reinhold-Schneider, Kurt Tucholsky, Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Stefan Zweig und Lion Feuchtwanger.

Würdigung der Emigranten

Knapp 30 Teilnehmer, hauptsächlich Anwohner, waren der Einladung des DGB zur Gedenkfeier gefolgt. Aus den Werken der Schriftsteller rezitierten Karin Jabs-Kiesler, Birgit Strangmann, Giesela Brandes-Steggewentz und Derk-Olaf Steggewentz in den jeweiligen Straßen, musikalisch untermalt wurde die Veranstaltung von den syrischen Musikern Maher und Feras Jahir.

„Zu erinnern und zu mahnen, dass weder die Taten noch deren Wirkung Themen der Vergangenheit sind“, hieß es in der Einladung zu dem Rundgang. Dieser sei gedacht als „Beitrag, um die Wachsamkeit zu stärken und die Freiheit zu schützen“, wie es die frühere Bürgermeisterin Jabs-Kiesler formulierte. Sie vermisst eine Würdigung all jener, die, wie die genannten Autoren, von den Nazis verfolgt, ins ausländische oder ins innere Exil gehen mussten.

Tatsächlich wurde in vielen Zitaten aus Essays und Briefen deutlich, wie sehr die Künstler haderten – natürlich mit dem faschistischen Regime, aber auch mit sich selbst. Zwar sah etwa Heinrich Mann die Emigration als „die Stimme ihres stumm gewordenen Volkes, sie sollte es sein vor aller Welt“. Doch Stefan Zweig schrieb 1933 an den belgischen Maler Frans Masereel, er habe „die stärkste Abneigung, Emigrant zu werden, denn ich weiß, dass alles Emigrantentum gefährlich ist, man macht dadurch die Zurückgebliebenen zu Geiseln und erschwert ihnen das Leben“. Nicht nur Zweig sah die verhängnisvollen Entwicklungen voraus, von denen die Bücherverbrennung erst der Anfang waren, auch Kurt Tucholsky warnte bereits 1932 in seinem Gedicht „Europa“, wie Nationalismus, Abschottung der Grenzen und Protektionismus bei gleichzeitiger Exportorientierung dazu führen könnten, dass „die Neuzeit ins Mittelalter tanzt“.

Jährliche Gedenkfeier geplant

Nicht zuletzt angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen planen die Veranstalter, die Gedenkveranstaltung, die bislang erst einmal, nämlich 2013 zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung, stattgefunden hatte, in jedem Jahr durchzuführen – und dann möglichst pünktlich am eigentlichen Jahrestag, dem 10. Mai. „2019 wollen wir zeitiger in die Planung einsteigen“, kündigte Derk-Olaf Steggewentz an.


Am 10. Mai 1933 wurden auf dem Berliner Opernplatz, heute Bebelplatz, unter anderem Werke von Karl Marx, Heinrich Heine, Sigmund Freud, Thomas und Heinrich Mann, Erich Maria Remarque, Bertolt Brecht, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky und Alfred Kerr verbrannt. Diese öffentlich inszenierten Verbrennungen fanden in vielen deutschen Universitätsstädten statt, in Münster hielt der Osnabrücker Professor Kötteritz die Hauptrede. Die Bücherverbrennungen bildeten den Auftakt zur sogenannten „kulturellen Gleichschaltung“. Von den Nationalsozialisten unerwünschte Literatur verschwand aus den Bibliotheken, Schriftsteller wurden verfolgt, in „Schutzhaft“ genommen, mussten das Land verlassen oder wurden in Lagern umgebracht.

Das viel bemühte Heine-Zitat „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“ stammt aus dessen Tragödie „Almansor“ und bezieht sich auf die Verbrennung des Korans nach der Eroberung des spanischen Granada durch christliche Ritter unter dem inquisitorischen Kardinal Gonzalo Jiménez de Cisneros im Jahre 1499.