Förderschulen Lernen gefordert Lehrer in der Region Osnabrück kritisieren Umsetzung der Inklusion

Von Jean-Charles Fays

Die Inklusion an Grundschulen läuft schlecht: Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die die Kreiselternratsvorsitzende Bärbel Bosse (l.) und der Stadtelternratsvorsitzende Wolfgang Schaefer (2.v.l.) im Kreishaus vorstellten. Foto: Michael GründelDie Inklusion an Grundschulen läuft schlecht: Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die die Kreiselternratsvorsitzende Bärbel Bosse (l.) und der Stadtelternratsvorsitzende Wolfgang Schaefer (2.v.l.) im Kreishaus vorstellten. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Grundschullehrer aus Stadt und Landkreis Osnabrück sind sehr unzufrieden mit der Umsetzung der Inklusion. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die Stadt- und Kreiselternrat jetzt vorgestellt und dem niedersächsischen Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) im Kreishaus vor rund 130 Lehrern und Eltern aus der Region übergeben haben.

Insgesamt hatten sich laut der Vorsitzenden des Kreiselternrats, Bärbel Bosse, rund 450 Grundschullehrer und damit ein Viertel aller Grundschullehrer in der Region an der Umfrage beteiligt. Mehr als zwei Drittel davon gaben an, dass die Inklusion an ihrer Schule „nicht gut“ läuft. Sogar 78 Prozent waren der Ansicht, für die täglichen Herausforderungen der inklusiven Schule nicht ausreichend fortgebildet und vorbereitet zu sein. Sie bemängelten mehrheitlich, dass Schulungen kein Förderschulstudium ersetzen können und die entsprechenden Nachschulungen wenig praxisbezogen sind. Mit 98 Prozent waren fast alle der befragten Grundschullehrer der Ansicht, dass die vom Schulgesetz vorgesehenen Stunden der sonderpädagogischen Unterstützung nicht ausreichen.

Nur die Hälfte der vorgesehenen Förderschullehrerstunden kommt an

Bislang stehen Grundschulen nur zwei Förderschullehrerstunden pro Woche und Klasse zu. Bosse hatte im Vorfeld der Umfrage erfahren, dass die wenigen Stunden der Förderschullehrer oft genutzt würden, um die allgemeine Unterrichtsversorgung gewährleisten zu können und nicht zusätzlich erteilt würden. In der Umfrage gehen die Einschätzungen dazu, wie viele der vorgesehenen Stunden sonderpädagogischer Unterstützung wirklich beim Kind ankommen auseinander, Sie reichen von 0 Prozent bis zu 100 Prozent. Im Schnitt kommt nach Einschätzung der Lehrer aber nur die Hälfte der Soll-Stunden an. Bosse und der Vorsitzende des Stadtelternrats, Wolfgang Schaefer, zeigen sich sehr zufrieden mit der Resonanz der Lehrer. Sie führen die hohe Rücklaufquote darauf zurück, dass Lehrer die Möglichkeit hatten, die Umfrage zum aktuellen Stand der Inklusion anonym auszufüllen.

Erhalt der Förderschulen ab der ersten Klasse gefordert

Sie leiteten aus den Ergebnissen verschiedene Forderungen ab, mit denen sie Kultusminister Tonne bei der Diskussionsveranstaltung im großen Sitzungssaal des Kreishauses direkt konfrontierten. Die wichtigste darunter war der Erhalt der Förderschulen ab der ersten Klasse. Damit nahmen sie Bezug auf die vor Kurzem im Landtag beschlossene Novelle des Schulgesetzes, wonach Förderschulen in Niedersachsen länger erhalten bleiben als geplant. Das gilt jedoch nur für weiterführende Schulen und nicht für Grundschulen. Kommunen als Schulträger können für weiterführende Schulen beantragen, dass Förderschulen bis zum Beginn des Schuljahres 2022/23 Schüler der Klasse 5 aufnehmen dürfen. Vor der Novelle hatte die Landespolitik noch geplant, dass zum laufenden Schuljahr auch die Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen keine Schüler mehr in der fünften Klasse aufnehmen dürfen. Nach der laut Umfrage mangelnden sonderpädagogischen Unterstützung in den Grundschulen halten es Bosse und Schaefer aber für nötig, dass die für weiterführende Schulen gültige Regelung nun auch auf Grundschulen ausgeweitet wird. Darüber hinaus wünschen sie sich mehr Sozial- und Sonderpädagogen für die erfolgreiche Umsetzung der Inklusion. „Solange wir nicht die geforderte Doppelbesetzung aus Lehrern und Förderschullehrer haben, möchten wir, dass an den Grundschulen wieder das Wahlrecht zwischen Regelschule und Förderschule eingeführt wird“, resümierte Bosse.

Blauer Brief an die Politik

Kultusminister Tonne versprach, „die Studie mit ins Ministerium zu nehmen“, machte insgesamt jedoch wenig Hoffnung, dass die Landespolitik die Wünsche erfüllen wird: „Die Förderschule Lernen werden wir an den Grundschulen nicht wieder einführen. Es wird keine Rolle rückwärts geben“, sagte Tonne nach der Diskussionsveranstaltung zur Umfrage mit Eltern und Lehrern auf Anfrage unserer Redaktion. Er wies darauf hin, dass viele Förderschullehrer aktuell noch ausgebildet werden. Tonne wurde mit wütenden Reaktionen aus dem Publikum konfrontiert, die dem Kultusministerium schlechte Noten ausstellten und hofften, dass es nach diesem „Blauen Brief“ noch die Kurve kriegt. Tonne versprach, „deutlich besser zu werden“. So sei etwa geplant, mit einem „möglichst breiten Mix an Maßnahmen die Unterrichtsversorgung zu stabilisieren“.


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