Holzschnitt und Magie Vor der Premiere: Regisseurin Andrea Schwalbach über Busonis Faust

Von Jan Kampmeier

Entstanden ist die Oper „Doktor Faust“ in den 1920ern, was sich nur musikalisch, aber nicht szenisch in der Inszenierung widerspiegele, sagt Regisseurin Andrea Schwalbach. Foto: David EbenerEntstanden ist die Oper „Doktor Faust“ in den 1920ern, was sich nur musikalisch, aber nicht szenisch in der Inszenierung widerspiegele, sagt Regisseurin Andrea Schwalbach. Foto: David Ebener

Osnabrück. Andrea Schwalbachs Inszenierung von Ferruccio Busonis Oper Doktor Faust hat am Samstag Premiere. Im Vorfeld verrät die Regisseurin etwas zu ihrer Sicht auf das Stück.

Gerade beim Fototermin sagten Sie schon, Busoni baue mit dieser Oper eine riesige Welt auf, die sehr schwer umzusetzen sei. Was meinen Sie damit? Er schreibt diese Chöre, Stimmen aus dem Himmel, Stimmen des Teufels, die sollen aus dem Orchestergraben kommen, von den Beleuchtungstürmen, große Chöre wie das Credo, die aus der Ferne kommen sollen, wir haben da fast 60 Menschen, die das singen. Erst haben wir versucht, das unverstärkt zu machen, wie das Herr Busoni sich auch vorgestellt hat, aber wahrscheinlich waren die Opernhäuser damals anders. Das ist eine große Aktion, das musikalisch zusammen zu bekommen oder auch herauszufinden, was klingt schön, was klingt mystisch. Da haben wir viel ausprobiert.

Ist dafür nicht der Dirigent zuständig? Ich bin eine Musiktheaterregisseurin, bin Musikerin! Oper funktioniert nur wenn man alles gemeinsam macht. Wir sind, glaube ich, die komplexeste Kunstart: Wenn wir alle zusammen arbeiten – und eigentlich geht das gar nicht – dann kommt was tolles dabei raus.

Bei „Faust“ denkt man ja automatisch „Goethe“, aber Busoni hat sich auf dessen Fassung ja gerade nicht bezogen… Genau, viel archaischer, er ist zurückgegangen auf das Puppenspiel aus dem Mittelalter. Die Schuld am Tod Gretels bringt Faust in dieser Geschichte erst dazu, Mephisto (Jürgen Müller über seine Rolle als Mephisto) seine Seele zu verschreiben.

Ganz anders als bei Goethe… Ja, aber Faust bleibt ein Mensch, der nach dem Unmöglichen sucht, nach dem Unfassbaren, der das, was vor seiner Nase ist, nie wertschätzt, also wirklich ein kolonialistischer Geist, der immer strebt.

Das Ganze spielt im „finsteren“ Mittelalter, da ist alles magisch, mysteriös, alptraumhaft. Wird das auch die Stimmung in der Inszenierung sein? Ja, um das Zaubern und das Magische kommt man nicht drum rum. Wir spielen in einem alten Raum, aber der ist normal für uns, denn wir leben ja auch in 200 oder 300 Jahre alten Häusern. Aber das Puppentheater habe ich sehr ernst genommen, das ist dieses Holzschnitt-artige. Wir zaubern, aber das Zaubern ist aber sehr menschgemacht, und das sieht man. Deshalb ist es nicht weniger magisch, man weiß nur, wie‘s geht – und es wird dann nicht albern.

Spiegelt sich auch die Entstehungszeit der Oper in den 1920ern in der Inszenierung wider? Nein, nur musikalisch, szenisch hat mich das nicht interessiert. Dabei liebe ich diese Zeit.

Was fasziniert sie denn daran? Das sind hoch intellektuelle Stücke, die hatten immer die Idee des absoluten Künstlers, und daran ist Busoni gescheitert, ganz klar. Das ist faustisch: Er konnte es nicht zu Ende schreiben, weil es nicht perfekt war. Die Vollendung gibt es nicht, da kann man Künstler und Werk, glaube ich, übereinander legen. Das spürt man auch, dieses wahnsinnige Streben, dieses Suchen des Absoluten.

Nun wird Busonis Doktor Faust nicht allzu oft gespielt… Mir ist das Stück schon oft begegnet, weil ich‘s ganz großartig finde.

Aber was meinen Sie, warum es sich nicht wirklich durchsetzen konnte? Weil es ein unglaublicher Kraftakt für ein Haus ist. Das kann man nicht einfach so in den Spielplan nehmen, sondern muss es sich sehr genau überlegen. Aber Busoni hat das wunderbar gemacht, denn es bleibt immer dieses Holzschnitt-artige dabei, man hat immer noch dieses Puppenspiel vor sich.

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Am Ende tritt ein Dichter vor den Vorhang und fordert das Publikum auf, gefälligst etwas daraus zu lernen... Das ist ein Stück über Schuld. Die hat Faust schon vor der Handlung auf sich geladen, aber er kommt nicht raus, deswegen geht‘s nicht anders, als dass er sterben muss.