Raus aus der Stille Selbsthilfegruppe Cochlea-Implantate für Gehörgeschädigte

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Osnabrück. Nicole Determann, Martina Meyer-Hinsenbrock und Willi Kaiser, Mitglieder einer Osnabrücker Selbsthilfegruppe, tragen ein Cochlea-Implantat (CI). Diese medizintechnische Revolution ermöglicht seit einigen Jahren, dass auch Gehörlose wieder gut hören lernen können und so die Möglichkeiten direkter akustischer Verständigung erleben.

Cochlea ist der lateinische Name für die knöcherne Hörschnecke im Innenohr. In diesem erbsengroßen Organ befinden sich etwa 20000 Haarzellen, die als Hörrezeptoren Schall in elektrische Signale umwandeln. Über den Hörnerv werden die Impulse ins Hörzentrum des Gehirns geleitet und dort „dechiffriert“.

Feine Haarzellen

Bei vielen Hörgeschädigten ist der Hörnerv noch intakt, die feinen Haarzellen aber funktionieren nicht mehr. Herkömmliche Hörgeräte verstärken den Schall, aber wenn dessen Umwandlung in vom Gehirn erkennbare Signale gestört ist, nützt das nichts. Diese Erfahrung machte Martina Meyer-Hinsenbrock. Seit ihrem 33. Lebensjahr trägt sie Hörgeräte. Ihr Hörvermögen verschlechterte sich kontinuierlich und betrug vor drei Jahren trotz Hörgerät nur noch 25 Prozent. „Als meine Kinder wichtige Dinge nur noch mit dem Vater besprachen, stand meine Entscheidung fest.“ Obwohl sie sich ein wenig vor der Operation fürchtete, entschied sie sich für ein Cochlea-Implantat.

Innenohrprothese

Das ist eine Innenohrprothese, die selbst Taube hörend machen kann - zumindest, wenn der Hörnerv noch funktionstüchtig ist. Anders als Hörgeräte umgehen Cochlea-Implantate die geschädigten Bereiche im Innenohr und senden elektrische Signale direkt an den Hörnerv. Dazu werden feinste Elektroden in die Hörschnecke implantiert, verbunden mit einem Chip (Empfangsspule) unter der Kopfhaut. Ergänzt wird das Ensemble durch einen außen hinter der Ohrmuschel angebrachten Soundprozessor, der Schallfrequenzen in digitale Signale umwandelt. Die Weiterleitung übernimmt eine Sendespule, die magnetisch auf der Haut an den innen liegenden Chip andockt.

Fast ein Routine-Eingriff

Die Operation sei inzwischen schon fast Routine, berichtet Willi Kaiser, man sei nach drei Tagen wieder zuhause und die Kosten würden von den Krankenkassen übernommen. Dennoch ist es – so nahe dem Gehirn - ein keineswegs harmloser Eingriff, den es mit äußerster Vorsicht und Sorgfalt durchzuführen gilt. Für Martina Meyer-Hinsenbrock war der Hörerfolg so durchschlagend gut, dass sie sich im folgenden Jahr auch am anderen Ohr ein CI einsetzen ließ. „Damit fühle ich mich fast wieder normal, ich höre deutlich besser, wenngleich ich immer hörbehindert bleibe“, erklärt die 53-Jährige. „Früher konnte ich bei der hohen Geräuschkulisse unseres Kegelabends überhaupt nichts von den Gesprächen verstehen, heute lege ich einfach meinen Pen auf den Tisch, und höre noch auf der Kegelbahn, was am Tisch gesprochen wird, da der Pen mir die Gespräche auf meine Prozessoren überträgt.“

„Manche sagen auch Micky-Maus-artig“

„Das Hören ist allerdings etwas anders, schließlich sind es nur 22 Elektroden, die 20000 Haarzellen ersetzen sollen“, führt Willi Kaiser aus. Der Klang sei „metallischer, manche sagen auch Micky-Maus-artig“, meint er, aber nach kurzer Eingewöhnungszeit falle das nicht mehr ins Gewicht, die Vorteile würden eindeutig überwiegen. Bei ihm leistet das Gehirn insofern eine besondere Anpassung, als er in einem Ohr ein CI und im anderen ein herkömmliches Hörgerät trägt.

Schon als Kind stark schwerhörig

Nicole Determann war schon als Kind stark schwerhörig. Sie hat damals die Schule für Hörgeschädigte besucht und dort die Gebärdensprache erlernt. Vor einigen Jahren ließ sie sich Cochlea-Implantate einsetzen und freut sich seitdem über 80 Prozent mehr Sprachverständnis. Damit ist ihr Aktionsradius deutlich erweitert worden, denn nun kommuniziert sie auch gern mit Menschen, die nicht die Gebärdensprache beherrschen. Und, was noch wichtiger ist: „Die Angst, jemanden nicht zu verstehen, die mich früher daran hinderte, mit fremden Menschen zu sprechen, ist verschwunden.“

Erfahrungsaustausch in der Gruppe

In der Osnabrücker Selbsthilfegruppe, die mit der Hannoverschen Cochlea-Gesellschaft kooperiert, tauschen sich an jedem dritten Montag im Monat ab 17.30 Uhr etwa acht bis zwölf Betroffene im Haus der Gesundheit, Hakenstraße 6, über ihre Erfahrungen aus. In welchen Kliniken wird die OP ausgeführt, wie ist die anschließende technische Kontrolle? Wie können Ansprüche auf Reha oder Kostenübernahmen für Zubehör durchgesetzt werden? Wo gibt es Barrierefreiheit für Hörgeschädigte – im Theater, in Kirchen, Bahnhöfen. Welche neuen Apps synchronisieren Kinofilme und spielen die Untertitel aufs Handy?

Frühzeitig etwas unternehmen

Die SHG-Mitglieder raten vor allem Menschen, die ihre Schwerhörigkeit nicht wahrhaben wollen, möglichst frühzeitig etwas zu unternehmen, denn das Hörzentrum sei wie ein Muskel, der regelmäßiger Übung bedürfe, um nicht in seiner Leistung nachzulassen. Wer beizeiten beginne, mit einem CI zu hören, lerne schneller. Und: „Man muss trainieren.“

Info: www.ci-shg-os.de

Kontakt: ci-shg-os@gmx.de


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