Boomende Start-Up-Szene Osnabrücker Delegation im gelobten Hightech-Land Israel

Von Sandra Dorn


Tel Aviv. Drohnen, die Fenster in ein Gebäude einsetzen: Das klingt nach Science Fiction, ist aber für einen Fensterbauer wie den Wallenhorster Unternehmer Thomas Richert ein gar nicht so unrealistischer Traum. Im Hightech-Land Israel gibt es Firmen, die genau so etwas schon entwickelt haben. Der Ursprung aller Innovation ist: das Militär.

Tel Aviv Das „Mindspace“ in Tel Aviv ist so was ähnliches wie das Innovationscentrum Osnabrück (ICO) – nur hipper und nicht mit öffentlichen Mitteln gefördert. Die Osnabrücker Delegation von Stadt und IHK hat es am Sonntag besucht. Rund 230 Unternehmen, überwiegend Start Ups, haben in zwei Gebäuden mit fünf und sechs Stockwerken kleine Büros gemietet, im Juli eröffnet Mindspace noch ein drittes Gebäude mit noch einmal so vielen Plätzen am mondänen Rothschild-Boulevard – der Flaniermeile Tel Avivs, da, wo draußen in den Cafés junge Leute mit Handy am Ohr neben jungen Leuten in Militäruniform und Maschinengewehr über der Schulter sitzen und Kaffee trinken.

In dem vor vier Jahren entstandenen Mindspace können Gründer starten, mit nichts weiter als einem Computer. Die gesamte Infrastruktur, inklusive rustikaler Einrichtung (Ledersofa, viel Holz), uriger Küche, Fitness-Center, Dachterrasse und Yogakursen, sind schon da. Inzwischen gibt es Mindspace auch in Berlin und London.

Israelische Start-Ups für deutsche Mittelständler

Oran Goldstein ist einer dieser jungen Unternehmer. Der 29-Jährige hat sich auf die Zusammenführung Israelischer Start-Ups mit deutschen Unternehmen, vorwiegend aus dem Mittelstand, spezialisiert und dafür mit einem Partner das Start-Up „Techbrücke“ gegründet. Gerade mal acht Monate ist das her. Er trägt Jeans und Hemd wie fast jeder hier – Krawatten sieht man nicht an Israelis, selbst der Tel Aviver Oberbürgermeister empfängt in kurzärmeligem Hemd.

„Unsere Mission ist zu verbinden“, sagt der 29-jährige Goldstein. Deutsche Mittelständler suchen nach neuen Technologien – und die können sie bei israelischen Start-Ups finden, so sein Konzept. Rein theoretisch könnte der Wallenhorster Fensterbauer Richert genau so ein Mittelständler sein. „Wir finden kaum noch Monteure“, sagt er. „Mit Drohnen Fenster einbauen: Das wäre ideal. Wir haben aber keine Software-Firmen, die solche Ideen umsetzen.“

Militär als Schmiede

Oran Goldstein hat acht Jahre beim Militär gedient, bevor er sich als Gründer selbstständig machte. Und genau dort ist die Keimzelle der Hightech-Entwicklung. Israel hat keine Bodenschätze, kein Wasser und keinen Platz. Es ist so groß wie Hessen und hat 8,8 Millionen Einwohner – 2,4 Millionen mehr als das Bundesland. Und weil der Staat so klein ist, kann er sich kein großes Militär leisten, fürchtet jedoch seit seiner Gründung, von den umgebenden arabischen Staaten wieder von der Landkarte getilgt zu werden. Die Lösung für beide Probleme: Forschung und Innovation. „Das Militär spielt eine zentrale Rolle als Technologieschmiede der Nation“, sagt Grisha Alroi-Arloser, Geschäftsführer der Israelisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Tel Aviv. Die Kapselendoskopie beispielsweise, bei der Patienten eine Kamerakapsel schlucken, die dem Internisten dann Bilder aus dem gesamten Darm liefert: ursprünglich eine Erfindung des Militärs.

Eliteeinheiten beschäftigen sich mit nichts anderem als mit Hochtechnologie – und am Militär kommt kein Israeli vorbei. Fünf bis sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes fließen in den Wehretat. Drei Jahre dauert der Wehrdienst für Männer, zwei Jahre für Frauen. Wer dabei in einer der Eliteeinheiten landet, kann hinterher durchstarten. 18-Jährige lernen dort, wie man Algorithmen programmiert. Allerdings profitiert fast nur diese gut ausgebildete Elite von dem Hightech-Boom, 78 Prozent der Arbeitsplätze Israels liegen in anderen Bereichen. Und: Die arabische Bevölkerung spielt beim Hightech-Boom kaum eine Rolle – für sie ist der Militärdienst nicht verpflichtend.

Scheitern erlaubt

Wer mit seinem Hightech-Wissen ein Start-Up gründet, kann mit staatlicher Förderung rechnen – und darf auch scheitern, noch so ein Mentalitätsding der Israelis. „Wer ein Unternehmen gegen die Wand fährt – und das ist bei neun von zehn Start-Ups der Fall – ist nicht gebranntmarkt“, sagt Grisha Alroi-Arloser. Das Motto „Geht nicht, gibt‘s nicht“ werde den Israelis schon im Kindergarten eingetrichtert. Allein dass dieser Staat existiert, der schon einen Tag nach seiner Gründung am 14. Mai 1948 von seinen arabischen Nachbarn angegriffen wurde, grenzt an ein Wunder. „Wir befinden uns in einer Notsituation – bis heute“, sagt Alroi-Arloser. Dadurch seien die Israelis risikofreudig.

In Tel Aviv boomt die Start-Up- und Hightech-Branche. Foto: Sandra Dorn

Die beiden Techbrücke-Gründer haben ein Büro in Mannheim, das andere in Tel Aviv, und beschäftigen zwei Mitarbeiter. Sie scouten, suchen also für deutsche Unternehmen passende israelische Start-Ups. „Unser Ziel in fünf Jahren ist, dass Start-Ups hier Technologien extra für deutsche Firmen entwickeln“, sagt Oran Goldstein.