Anlieger haben schwere Bedenken Mit Tempo 77 über den Radschnellweg von Osnabrück nach Belm?

Von Rainer Lahmann-Lammert

Konfliktpotenzial gibt es am Kalkrieser Weg, weil Ausfahrten auf den geplanten Radschnellweg münden. Deshalb soll dieser Abschnitt lediglich als Fahrradstraße ausgewiesen werden. Foto: Michael GründelKonfliktpotenzial gibt es am Kalkrieser Weg, weil Ausfahrten auf den geplanten Radschnellweg münden. Deshalb soll dieser Abschnitt lediglich als Fahrradstraße ausgewiesen werden. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Am Montag informiert die Stadt über den geplanten Radschnellweg zwischen Osnabrück und Belm. Im Widukindland schlägt den Planern Misstrauen entgegen. Fußgänger sorgen sich um ihre Sicherheit, Anwohner um ihr Geld. Und dass sie nicht mehr mit dem Auto aufs Grundstück fahren dürfen.

Für die Stadt Osnabrück ist der Radschnellweg entlang der Bahnstrecke das Vorzeigeprojekt in Sachen Klimaschutz. Pendler aus dem Nordosten sollen ihr Auto stehen lassen und tonnenweise CO2 vermeiden, indem sie aufs Rad umsteigen. Für 90 Prozent der Kosten wollen Bund und Land aufkommen. Aber an der Strecke ist wenig Begeisterung für das 7,5-Millionen-Euro-Vorhaben zu spüren. So viel Geld, damit Radfahrer das Privileg bekommen, ohne Rücksicht über eine Piste zu brettern, die ihnen doch längst zur Verfügung steht?

Auf Argwohn ist die Ankündigung von Politikern gestoßen, dass der Radschnellweg auf jeden Fall gebaut werde, wenngleich die Details noch geregelt werden müssten. Anwohner meinen, dass die Entscheidung erst nach der Bürgerbeteiligung getroffen werden dürfte. Inzwischen richtet sich im Widukindland die Stimmung vieler gegen den Radschnellweg.

Kampfradler-Armada

Schon beim Bürgerforum im März tauchte die Frage auf, wie viele Pedalisten die Stadt denn da erwarte. Sind es nur wenige, dann steht der Vorwurf von der Verschwendung öffentlicher Mittel im Raum. Sind es viele, dann fürchten Fußgänger, von einer Armada rasender Kampfradler überrollt zu werden. In einer früheren Phase hatten die Planer mal eine Größenordnung von 1700 Nutzern pro Tag genannt. Aber auf Nachfrage wollte sich Stadtbaurat Frank Otte mit dem Hinweis auf allerlei Unwägbarkeiten nicht auf eine Zahl festlegen. Skeptische Naturen witterten daraufhin, ihnen werde etwas verschwiegen.

Wie sich da Bedenken aufschaukeln, zeigt sich schon am Beispiel der möglichen Geschwindigkeiten. Die Stadt hatte einmal verlauten lassen, auch Kurven sollten so ausgebaut werden, dass sie noch mit 30 km/h genommen werden könnten. „Dann sind sicherlich Geschwindigkeiten auf der Geraden von 40 bis 50 km/h nicht selten“, argwöhnen Anwohner der Petermannstraße, deren Sprecher Martin Viecenz einen langen Fragenkatalog formuliert hat.

Warten auf Antworten

Schon im Oktober habe er die Stadt um Klärung gebeten, sagt der technische Angestellte, aber viele Fragen seien bis heute „nur allgemein beantwortet“ worden. Und obwohl er darum gebeten habe, sei er niemals zurückgerufen worden. Stattdessen gebe es irritierende Äußerungen, denen niemand widerspreche. So soll ein grüner Politiker mal behauptet haben, über den Radschnellweg könne man in fünf Minuten von Belm nach Osnabrück gelangen.

Da lohnt es sich, nachzurechnen: Wer die 6,4 km in fünf Minuten schafft, kommt auf ein Durchschnittstempo von 77 km/h. Selbst einem Hochleistungssportler mit elektrischem Zusatzantrieb dürfte das nicht gelingen. Für realistisch hält Verkehrsplanerin Heike Stumberg Geschwindigkeiten um die 30 km/h. Sie bedauert, dass die Stadt nicht alle Antworten sofort liefern konnte: „Wir waren noch nicht so weit in der Planung“. Aber sie gibt sich zuversichtlich, dass für jedes Problem eine angemessene Lösung gefunden werde.

Gefahr droht an vielen Stellen. Damit Fußgänger nicht unter die Räder kommen, soll es für sie einen eigenen Gehweg geben, abgetrennt möglichst mit einem Grünstreifen. Konflikte werden aber auch mit Autos erwartet. Etliche Garten- und Garagenzufahrten am Kalkrieser Weg und am Hunteburger Weg münden auf den künftigen Radschnellweg. Und weil sich die tiefen Grundstücke für das Bauen in der zweiten Reihe anbieten, entstehen immer mehr Häuser, zu denen immer mehr Autos gehören, die den schnellen Radlern in die Quere kommen können.

Anwohner fürchten schon, dass sie bald nicht mehr mit dem Pkw aufs eigene Grundstück dürfen. Aber die Verkehrsplanerin stellt klar, dass die die Erreichbarkeit für den Anlieferverkehr gewahrt bleibe, auch für Lkw, Fahrzeuge mit Anhänger und die Feuerwehr. Deshalb soll der Radschnellweg streckenweise als Fahrradstraße ausgewiesen werden, und auf der sind Autos zugelassen, wenn sie nicht schneller als mit Tempo 30 bewegt werden.

Schnee fegen muss die Stadt

Auch ums Geld geht es den Bedenkenträgern aus dem Widukindland. Könnte ja sein, dass die Stadt ihnen die Kosten für den Ausbau in Rechnung stellt, lautet die Sorge. Ja, Anliegerbeiträge würden erhoben, räumt Heike Stumberg ein, aber die seien beim Radschnellweg deutlich geringer als bei einer gewöhnlichen Straße. Geklärt ist auch, wer für den Winterdienst zuständig ist: Den Fußweg kehren die Anwohner, den Radschnellweg die Stadt.