Achtjähriger aus dem Landkreis Osnabrück Der Junge, der nicht zur Schule gehen darf

Von Cornelia Achenbach

Trotz Schulpflicht geht Marco seit mehr als einem Jahr nicht mehr zur Schule. Foto: dpaTrotz Schulpflicht geht Marco seit mehr als einem Jahr nicht mehr zur Schule. Foto: dpa

Osnabrück. Einen Jungen wie Marco* dürfte es eigentlich nicht geben. Denn Marco ist acht Jahre alt und geht trotz Schulpflicht seit mehr als einem Jahr nicht zur Schule. Der Junge aus dem Landkreis Osnabrück gilt als unbeschulbar.

Wie lebt ein Junge, der trotz persönlicher Begleitperson die Förderschule verlassen musste? Der aus einer betreuten Wohngruppe abgeholt werden musste und selbst in der Kinder- und Jugendpsychiatrie nur eine Nacht bleiben konnte?

Er lebt in einer Spielstraße in einem kleinen Ort im Landkreis Osnabrück. In den Gärten der Ein- und Mehrfamilienhäuser stehen Spieltürme und Kugelgrills. Kinderroller liegen auf den frisch gemähten Rasenflächen. Ganz am Ende dieser Straße wohnt Marco. Seine Mutter arbeitet als Podologin, ihr Lebensgefährte ist Drucker.

Marco öffnet die Tür. Er grüßt und führt ins Wohnzimmer. Seine Mutter schickt ihn nach oben, er soll sich duschen. Und nicht hören, dass über ihn gesprochen wird.

Im Kindergarten die ersten Probleme

Dass Marco anders ist als andere Kinder, zeigte sich erstmals, als er mit drei Jahren in den Kindergarten kam. „Es dauerte nur zwei Monate, da wurde ich zum ersten Mal zu einem Gespräch gebeten“, erinnert sich seine Mutter. Der Junge halte sich an keine Regeln, habe große Schwierigkeiten, sich zu integrieren. Auf Anraten der Erzieher wechselte Marco in einen Heilpädagogischen Kindergarten mit kleineren Gruppen. Anschließend besuchte er die Herman-Nohl-Schule in Osnabrück, eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung. Ein Fahrdienst des Landkreises brachte ihn jeden Morgen nach Osnabrück – so lange, bis es hieß: „Dieser Junge braucht Einzelfahrten.“ Und schließlich: „Diesen Jungen befördern wir nicht mehr.“

„Wir hätten uns gewünscht, uns wäre gleich beim ersten Vorfall gesagt worden, dass es ein Problem gibt, dann hätten wir das hier zu Hause angehen können“, sagt Thomas R.*, der Lebensgefährte von Marcos Mutter. Beim Abholen hätten sie doch immer wieder gefragt: Na, war alles gut? Aber erst, als der Fahrdienst eingestellt wurde, habe das Paar das ganze Ausmaß vor Augen geführt bekommen: Marco soll einen Fahrer bespuckt, eine Fahrerin am Pferdeschwanz gezogen und während der Fahrt ins Lenkrad gegriffen haben.

Vom Unterricht suspendiert

Thomas R. ist nicht Marcos leiblicher Vater, von dem hat sich Marcos Mutter getrennt. „Wir leben hier in Patchwork“, sagt Thomas R. und lächelt. Doch Marco sei ihm wichtig, und er offenbar auch Marco, denn der kommt frisch geduscht nach unten, schmiegt sich an Thomas R. und sagt: „Ich will kuscheln.“ Aber noch einmal soll er nach oben gehen, denn es gibt noch mehr zu erzählen, Marcos Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Auch an der Schule gab es zunehmend Schwierigkeiten. Mehrfach wurde er vom Unterricht ausgeschlossen, weil er „nicht mehr handlebar“ gewesen sei, berichtet seine Mutter. Er habe durch die Jugendhilfe sogar einen Schulassistenten bekommen, der ihn in die Schule begleitete, doch auch das habe nicht geholfen. Marco störte permanent den Ablauf des Unterrichts. An der Schule konnte er nicht bleiben. Seit den Osterferien 2017 geht der Junge nicht mehr zur Schule.

„Marco ist kein Einzelfall“

„Marco ist bei weitem kein Einzelfall“, sagt Hanno Middeke. Er ist Leiter der Herman-Nohl-Schule und sagt, dass etwa fünf bis zehn Prozent der Schüler dieser Förderschule ähnlich gravierende Beeinträchtigungen des emotionalen und sozialen Verhaltens wie Marco zeigen. Sprich: Diesen Kindern falle es schwer, Regeln und Grenzen zu akzeptieren. Diese Schüler attackieren andere Mitschüler verbal und körperlich und werden manchmal sogar gegenüber Lehrern übergriffig, sagt Middeke. „Allein in diesem Kalenderjahr hatten wir schon etwa 15 Blaulichteinsätze hier bei uns“, sagt Middeke. Aus pädagogischer Sicht müsse es darum gehen, den Sinn und die Funktion besonderer Verhaltensweisen zu verstehen und darauf professionell zu reagieren, sagt der Schulleiter. „Bei erheblichen emotionalen und sozialen Problemen besteht für die betroffenen Kinder und Jugendliche ein hohes Risiko für einen Ausschluss aus Bildungsangeboten, obwohl gerade die besonders auf Kontinuität und Halt angewiesen sind.“ (Weiterlesen: „Das schlimmste Kind in der Klasse“)

Was stimmt denn nicht mit Marco?

So genau wissen das Marcos Mutter und ihr Lebensgefährte nicht. Die erste Vermutung seitens der Ärzte: eine Form von ADHS und eine Bindungsstörung. „Hier zu Hause, wo eine Eins-zu-Eins-Betreuung stattfindet, klappt es. Aber sobald Marco in größere Gruppen kommt, eskaliert die Situation“, sagt seine Mutter. Ihr Sohn kenne keine natürliche Distanz, auch an Empathie mangele es ihm. Während er seine Spielsachen verteidigt, akzeptiert er es nicht, dass auch andere Kinder Dinge besitzen. Auch das Schmerzempfinden anderer Kinder könne er nicht einschätzen. Schwierige Schüler hat es schon immer gegeben. Aber dass sie so früh auffällig werden – das sei neu, sagt der Leiter einer Osnabrücker Förderschule. Symbolfoto: dpa

Den Begriff „unbeschulbar“ gibt es nicht

Im Niedersächsischen Schulgesetz taucht der Begriff „unbeschulbar“ nicht auf, offiziell gibt es keine unbeschulbaren Schüler, aber Hanno Middeke sagt: „Natürlich gibt es Schüler, die unter den gegebenen Bedingungen kaum beschulbar sind. Und deswegen müssen wir strukturell besser werden.“ Die Schule müsse etwas für diese Kinder tun. Aber wie soll das gelingen, wenn häufig eine Lehrkraft allein verantwortlich ist in einer Klasse mit bis zu zwölf Kindern? „Diesen Schülern mangelt es ja nicht an Intelligenz. Sie haben auch keine körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen“, sagt der Schulleiter. Für Schüler mit psychischen Problemen müssten ganz andere organisatorische, personelle und rechtliche Voraussetzungen geschaffen werden – auch die Lehrer würden allmählich an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stoßen. „Das Land steht in der Verantwortung: Solange ein Kind schulpflichtig ist, so lange hat das Land die Verantwortung, diesen Kindern ein angemessenes schulisches Angebot zu machen“, findet der Leiter der Herman-Nohl-Schule

Aber hat es diese schwierigen Schüler nicht schon immer gegeben? Hanno Middeke atmet tief aus. „Dass Schüler schon in einem relativ frühen Alter auffällig werden – das hat schon deutlich zugenommen.“ Aber was kann man selbst tun, um diesen Kindern zu helfen? Der Schulleiter zuckt mit den Schultern. „Liebe und Struktur.“ Das sei letztlich die Basis der Pädagogik.

Seit einem Jahr nicht mehr in der Schule

Marcos Mutter und ihr Lebensgefährte fanden schließlich einen Platz in einer Wohngruppe im Eylarduswerk in Bad Bentheim, einer Einrichtung, die sich unter anderem auf verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche spezialisiert hat. Aber auch hier gab es Ärger und wieder einmal musste Marcos Mutter ihn abholen. „Wir haben jetzt zwei Probleme“, sagt Thomas R., „Wir haben einen Jungen mit einer Bindungsstörung, der noch dazu herausgefunden hat : Wenn ich irgendwo richtig Terz mache, dann komme ich da raus und wieder nach Hause.“ Und wie „richtig Terz“ geht, weiß Marco. Denn dumm ist er nicht: Obwohl er nur wenige Wochen die Schule besucht hat, kann er lesen, seine Mutter hat ihm zudem Schulhefte für die Zweitklässler gekauft, damit er noch irgendeine Form von Schulbildung erfährt. (Weiterlesen: Chefarzt der Osnabrücker Jugendpsychiatrie über Gewalt an Schulen)

Letzte Station: Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zwischen all den Einrichtungen und Maßnahmen vergehen Wochen. „Die Wartelisten sind überall wahnsinnig lang“, sagt Thomas R.. Aber auch in der am Kinderhospital am Schölerberg angesiedelten Psychiatrie kann Marco nicht bleiben – zumindest vorerst nicht. „Ich habe einen Anruf erhalten, dass er die Nacht in einem Raum verbringen musste, in dem er sich nicht selbst verletzten kann“, sagt Marcos Mutter. „Und um ihn überhaupt dorthin zu bringen, musste er auf einem Stuhl fixiert werden.“

Wenn das eigene Kind überall Probleme macht – wie geht es einer Mutter damit? „Ich habe manchmal Probleme, meine Zuneigung zu zeigen, da ist oft so ein Groll in mir“, gibt Marcos Mutter zu. Mittlerweile macht sie selbst eine Verhaltenstherapie.

Auch wenn es im ersten Anlauf nicht mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie geklappt hat, wird Marco bald dorthin zurückkehren. „Uns wurde gesagt: Für einen Jungen wie Marco brauchen wir Vorbereitung.“ Er brauche unbedingt ein Einzelzimmer und eine intensive personelle Betreuung. Während ein stationärer Aufenthalt in der Psychiatrie meist für einen Zeitraum von drei Monaten angedacht sei, wird es bei Marco wohl auf ein halbes Jahr hinauslaufen. „Und auch danach wird er vermutlich nicht mehr zu uns kommen, sondern in eine betreute Einrichtung“, sagt Thomas R.. Im Juni soll die Therapie starten. Und dann wird Marco auch wieder zur Schule gehen – denn für die Kinder und Jugendlichen, die dort untergebracht sind, gibt es einen gemeinsamen Unterricht.

*Alle Name von der Redaktion geändert. Jugendamt und Kinder- und Jugendpsychiatrie wollten sich aus datenschutzrechtlichen und anderen Gründen nicht öffentlich zu dem Fall äußern. Die Schilderungen der Vorgänge durch Marcos Mutter wurden jedoch von mehreren Seiten bestätigt.

(Weiterlesen: Attacken auf Lehrer an jeder vierten Schule)


Schulverweise in Niedersachsen

Laut Zahlen der Landesschulbehörde wurden 2017 284 Schüler an eine andere Schule derselben Schulform verwiesen. Drei Schüler wurden von der Schule verwiesen und zwei Schüler wurden von allen Schulen verwiesen – in letztem Fall handele es sich jedoch um Schüler, die bereits nicht mehr im schulpflichtigem Alter seien, heißt es von Seiten der Landesschulbehörde. Schüler, die noch schulpflichtig seien, könnten nicht von sämtlichen Schulformen ausgeschlossen werden.