Neue Lesereihe in Osnabrück Hanjo Kesting faszinierte mit der „Orestie“

Von Christine Adam

Eindrucksvolles Team für die „Orestie“: die Schweizer Schriftstellerin und Schauspielerin Monique Schwitter und der Publizist Hanjo Kesting im Friedenssaal des Rathauses. Foto: David EbenerEindrucksvolles Team für die „Orestie“: die Schweizer Schriftstellerin und Schauspielerin Monique Schwitter und der Publizist Hanjo Kesting im Friedenssaal des Rathauses. Foto: David Ebener

Osnabrück. Warum uns er Sagenkreis von den Tantaliden bis heute so intensiv beschäftigt, das machten der Kulturjournalist Hanjo Kesting und Monique Schwitter als Sprecherin an der „Orestie“ des Aischylos im Rathaus eindrucksvoll klar.

Warum haben alle großen Tragödiendichter Tantaliden-Dramen geschrieben? Und warum erkunden und befragen Schriftsteller und Theater diesen mythischen Stoff bis heute? Hochspannende Antworten darauf gab der Kulturjournalist Hanjo Kesting bei seinem zweiten Abend der Reihe „Erfahren, woher wir kommen. Grundschriften der europäischen Kultur“.

Es geht um den Kreislauf von Schuld, Strafe und Rache, dem das Fürstengeschlecht der Tantaliden und ihrer Nachfahren, der Atriden, nicht mehr entkommt. Und es geht um die Bewertung der Schuld, auf die jedes Zeitalter eine andere, kulturhistorisch aufschlussreiche Antwort gefunden hat und heute noch findet.

Hanjo Kesting hat für seinen Reigen der europäischen Grundschriften die 458 v. Chr. verfasste „Orestie“ von Aischylos gewählt, weil er sich im Grunde dem Urteil des englischen Dichters Swinburne anschließt, der sie für die „vielleicht größte Tat des menschlichen Geistes“ hält. „Sie ist ein erhabenes Werk. Und wie meisterhaft ist es gefügt. Wie tief wird die Bedingtheit der menschlichen Existenz ausgemessen. Und wie machtvoll ist die Sprache!“, schwärmt Kesting wie beim Auftakt der Lesereihe wieder voll besetzten Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses. Dann legt er los, lässt die Zuhörer teilhaben an seinen weitverzweigten Kenntnissen des Themas. Er erzählt von der Urschuld des Tantalos, der den Göttern nicht nur die ewige Jugend verleihenden Götterspeisen Nektar und Ambrosia stahl, sondern, viel schlimmer, auch seinen Sohn Pelops zum Mahl vorsetzte. Er führt aus, wie der Fluch auch die Mitglieder des Königshauses Mykene mit Vater-, Mutter- und Kindsmord einholt: Agamemnon, Klytaimnestra, Iphigenie, Elektra oder Orest.

Besonders elektrisierend und in seiner Wissensvermittlung wertvoll wird der Vortrag, wenn Kesting von den antiken Dichtern wie Homer oder Euripides über Goethe, Schiller, Hugo von Hofmannsthal, Nietzsche bis zu Richard Wagner analysiert, wie sie Vater- oder Muttermord unterschiedlich bewerteten oder schlicht übergingen.

Religiöse Aspekte wie den Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat, von den prähellenischen Muttergottheiten zur Götterwelt der hellenischen Zeit gibt Kesting zu bedenken, aber auch die Ablösung des alten Blutrachegesetzes, das die Erynnien vertreten, und die Abschaffung der Adelsvorherrschaft durch ein neues, demokratisches Rechtssystem. Hier verortet Kesting die „Orestie“ als historischen Kompromissvorschlag: Furcht und Schrecken dürfen auch in der neuen Rechtsordnung nicht völlig fehlen.

„Denn wer vor nichts zurückschreckt unter den Sterblichen, wie achtet der wohl das Recht?“, sagt Athene, und Monique Schwitter, die an diesem Abend so wunderbar klangvoll und deutlich artikulierende Vorleserin von Passagen aus der „Orestie“ und anderen Werken, macht die Wucht solchen Schreckens erlebbar.


Mit Tacitus/Germania und Frank Arnold als Sprecher wird die Reihe am 25. Juni fortgesetzt.

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