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Wissenschaftler über die Manipulation des Strompreises „Riesige Lücken bei der Kontrolle“

Volker Lüdemann Foto: privatVolker Lüdemann Foto: privat

Osnabrück. Manipulieren die vier großen Energiekonzerne tatsächlich den Strompreis? Zahlen Millionen deutscher Kunden zu viel für Strom? „Der Preis kann leicht beeinflusst werden“, sagt Dr. Volker Lüdemann. Aber niemand wisse genau, ob das auch tatsächlich geschieht. „Es gibt bei der Kontrolle riesige Lücken. In Deutschland gibt es keine Behörde, die den Stromhandel systematisch überwacht“, erläutert der Professor für Wirtschafts- und Wettbewerbsrecht der Hochschule Osnabrück.

„Bevor der Strom in die Netze kommt, kann man wunderbar spielen“, sagt Lüdemann. Zur Erläuterung der Ursache wirft er einen Blick zurück auf den Beginn dieses Jahrtausends, als der Energiemarkt liberalisiert und die Strombörse in Leipzig gegründet wurde. Der Stromhandel findet seitdem ohne ausreichenden gesetzlichen Rahmen, praktisch unbeaufsichtigt statt.

Künstlich können Stromkonzerne wie RWE, EnBW, Eon und Vattenfall die verfügbare Strommenge reduzieren, indem sie ein Kraftwerk vom Netz nehmen. Das Angebot sinkt, der Preis erhöht sich. Mit Insiderkenntnissen können Mitarbeiter der Konzerne zusätzliche Gewinne erwirtschaften. Ganz legal. Überdies müssen die Energiekonzerne nicht dokumentieren, warum sie ein Kraftwerk vom Netz nehmen. Interessant an der Stelle: Besonders häufig werden die Kraftwerke abgeschaltet, die besonders viel Strom produzieren. Und: Die bisherige Handelsüberwachungsstelle wird von der Strombörse bezahlt.

Der Verdacht liegt nahe, dass die marktmächtigen Erzeuger absichtlich Kapazitäten zurückhalten. Diese Möglichkeit leugnen die Stromkonzerne nicht, sie betonen aber, solche Methoden nicht anzuwenden. Bundesrat, EU-Kommission und auch die Monopolkommission stellen aber angesichts der Anreize und der Möglichkeiten der Manipulation die Frage, warum die Konzerne nicht zu diesen Möglichkeiten greifen sollten. Der Anreiz, die bestehende Situation auszunutzen, sei nicht von der Hand zu weisen, meint Volker Lüdemann: „Es geht um einen Riesenmarkt. Das Gesamtvolumen liegt im zweistelligen Milliardenbereich.“ Aus der Perspektive der Energiekonzerne, die sich der Gewinnmaximierung verschrieben haben, ist die Zurückhaltung von Erzeugungskapazität eine geradezu gebotene Strategie. Denn warum sollten die marktmächtigen Unternehmen dies nicht zu ihren Gunsten nutzen? Unternehmen handeln ja nicht per se sozial.

Die Frage ist jedoch, ob die Gesellschaft das moralisch hinnimmt. „Die Möglichkeit zur ungehinderten Gewinnmaximierung lassen wir in anderen Fällen ja auch nicht zu“, ergänzt der Forscher. Immerhin wirkt sich der Strompreis nicht nur auf die Kaufkraft des Einzelnen aus, sondern auch auf die Handlungsfähigkeit energieintensiver Wirtschaftszweige wie der Automobilbranche: „Ein Prozent Preismanipulation führt zu einer Viertelmilliarde Mehrkosten für den Endverbraucher“, rechnet Volker Lüdemann vor. Die gesamtwirtschaftliche Tragweite verzerrter Strompreise sei immens.

Bislang hat sich die Bundesregierung zurückgehalten und dargelegt, dass sie nicht handeln könne. „Das ist wenig überzeugend“, sagt Lüdemann und nennt Skandinavien als Beispiel, wo Strom unter dem Dach von Nordpool geregelt und beaufsichtigt gehandelt wird. Ob sich nun tatsächlich etwas ändert und der Markt beaufsichtigt wird? Lüdemann ist vorsichtig optimistisch. Die Bundesregierung hat angekündigt, eine Markttransparenzstelle zur „Aufdeckung möglichen Fehlverhaltens bei der Preisbildung“ einzurichten. Günther Oettinger, Energiekommissar in Brüssel, stellte unter dem Druck der Berichterstattung jüngst eine entsprechende Initiative auf europäischer Ebene vor. Nun sei es wichtig, so Lüdemann, dass diese Ankündigungen rasch umgesetzt werden. „Verzögerungen könnten für die Wirtschaft und den Endverbraucher sehr teuer werden.“Sobald der Strom im Netz ist, ist alles gut beaufsichtigt. Lokale Stromanbieter, wie etwa Stadtwerke, trifft dieser Vorwurf der Preismanipulation also nicht.


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