Ausstellung eröffnet in Osnabrück Körperwelten: Vom Herzschlag und der Würde des Menschen


Osnabrück. Es ist die erfolgreichste Wanderausstellung der Welt – und eine, die polarisiert wie keine zweite. Die Körperwelten eröffnen in der Osnabrückhalle und geben anhand echter, plastinierter Menschen bis zum 2. September einen Einblick in die Anatomie. Unter dem Motto „Eine Herzenssache“ steht in Osnabrück das Herz im Vordergrund. Ein erster Rundgang durch die Ausstellung am Vortag der Eröffnung.

Ein schlagendes Herz ist das erste Geräusch, das in der Körperwelten-Ausstellung in der Osnabrückhalle ertönt. Es ist nicht nur das erste, das der Besucher zu hören bekommt – es ist auch das erste, das er sieht. Ein menschliches Herz ist am Eingang der Ausstellung drapiert. Es ist der tiefrote Faden, der durch die Reise durch die Anatomie des Menschen führt.

200 Plastinate

An den Wänden hängen Infotafeln, die das Herz im Detail erklären und dabei unter anderem auf Emotionen eingehen. Was geht in jemandem vor, der sich verliebt oder dem das Herz gebrochen wird? Was passiert, wenn er zu viel Stress ausgesetzt wird? Animierte Videos zeigen, wie sich etwa Arterien verengen und ein Infarkt ausgelöst wird. Zwar spielt das Herz die Hauptrolle in der Ausstellung, doch auch andere Themen kommen nicht zu kurz. Rund 200 Plastinate erklären den menschlichen Körper, zeigen Organe, Knochen und Nerven. Berüchtigte Exponate wie die geschwärzte Raucherlunge sind ebenso in Osnabrück zu sehen wie auch die posierenden Ganzkörperplastinate, für die die Körperwelten bekannt geworden sind: Ein Schachspieler denkt über seinen nächsten Zug nach, ein Torwart hechtet nach einem Fußball, ein Athlet setzt zum Hochsprung an. Es gibt ein sich umarmendes Paar, einen Feuerwehrmann im Einsatz oder auch den sogenannten „Organpräsentator“, der das eigene Innere in den Händen hält. Die Körperwelten sind Infotainment – sie verbinden einen aufklärerischen Crashkurs in Sachen Anatomie, Medizin und Biologie mit der Neugier des Menschen und der manchmal durchaus reißerischen Aufmachung der Plastinate.

Körperspender

Die Exponate, die in den Körperwelten-Ausstellungen zu sehen sind, stammen von echten Menschen. Diese haben zu Lebzeiten darüber verfügt, dass sie nach ihrem Tod Körperspender sein und sich somit plastinieren lassen möchten. Wer sich dazu entscheidet, kann mit angeben, ob der Körper für die Ausstellungen oder akademische Zwecke genutzt werden soll. Dabei gehen die Leute aber keinen bindenden Vertrag ein – die Verfügung kann jederzeit rückgängig gemacht werden. Eine solche hat Frank Engelmann unterzeichnet. Er durchschreitet die Ausstellung und beobachtet die Exponate. Engelmann hat sich entschieden, Körperspender sein zu wollen. Ihn fasziniere die echte, lebensnahe Darstellung der Plastinate. Er möchte mit seinem Körper später einem guten Zweck dienen, wie er sagt. Er findet: „Zu verwesen wäre nutzlos.“

Die Würde des Menschen

An den Körperwelten wird unter anderem kritisiert, dass durch das Plastinationsverfahren und das Ausstellen der Körper die Würde der Toten verletzt werde. Joachim Jeska, Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Osnabrück, hat anlässlich der Osnabrücker Ausstellung in einer Stellungnahme Bedenken geäußert, der wissenschaftliche Anspruch der Körperwelten bemäntele lediglich „die kommerziell erfolgreiche Zurschaustellung von Toten“ und stellte unter anderem auch in Frage, inwieweit die Totenruhe der Verstorbenen gewahrt und wann und wo diese bestattet werden. Bei der Pressekonferenz am Freitagvormittag fragte der Philosoph Franz Josef Wetz hingegen, was genau ein würdevoller Umgang mit dem Tod sei: Darin, dass Leichen begraben, verbrannt, ihnen die Organe entnommen oder von jungen Medizinstudenten zu Testzwecken seziert werden, sehe er auch keine grundsätzliche Wahrung der Würde. Dadurch, dass die Verstorbenen vorher verfügt haben, plastiniert zu werden, wäre jedoch ihr „postmortales Selbstbestimmungsrecht“ gewährleistet. Da eine Wirbelsäule auch als Wirbelsäule gezeigt und nicht etwa „ein Kleiderbügel daraus gemacht“ werde, stellten die Körperwelten den Respekt vor dem Menschlichen sicher. Darüber hinaus sind die Plastinate nicht mehr als die Personen identifizierbar, die sie einmal waren, wodurch die Privatsphäre des Menschen berücksichtigt werde. Diese ethische Diskussion über die Körperwelten gebe es laut Wetz lediglich im deutschsprachigen Raum.

Angelina Whalley, Ehefrau von Körperwelten-Erfinder Gunther von Hagens und Kuratorin der Ausstellung, sagte bei der Pressekonferenz, die Plastinate anzusehen, gleiche einer „Selbstbetrachtung in einem fremden Spiegel“: Der Besucher schaue hinein in fremde Körper und entdecke dabei sich selbst. Er lerne etwas über den eigenen Körper. Franz Josef Wetz bezeichnet die Ausstellung als ein „Fest des Lebens, das sich vor dem Hintergrund des Todes feiert“. Laut dem Philosophen habe der Skandalwert der Veranstaltung inzwischen deutlich eingebüßt.


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