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Kontakt zum Jugendamt seit April Misshandeltes Baby: Mutter soll Tat des Partners gedeckt haben

Von Jörg Sanders und Mark Otten

Die Spurensicherung vor dem Haus des Paares. Foto: Festim BeqiriDie Spurensicherung vor dem Haus des Paares. Foto: Festim Beqiri

Osnabrück. Die 24-jährige Mutter des am Dienstag in Osnabrück lebensgefährlich verletzten Säuglings war „wahrscheinlich” nicht dabei, als ihr gleichaltriger Partner das wenige Tage alte Kind schwer misshandelt haben soll. Allerdings soll sie den Kindsvater gedeckt haben. Seit April hatte das Paar Kontakt zum Jugendamt. Die Behörde sah aber keine akute Gefährdung für das Kindeswohl.

Den Ermittlungen zufolge sei die Mutter zur Tatzeit wahrscheinlich nicht in der Wohnung gewesen, sagte Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer auf Anfrage unserer Redaktion. Dort habe sich die Tat vermutlich abgespielt. 

Der Kindsvater und Freund der 24-Jährigen hatte nach seiner Festnahme ausgesagt, dass seine Freundin nichts mit der Tat zu tun habe. Allerdings habe sie die erfundene Hundeattacke wohl mitgetragen, sagte Retemeyer.

Erfundene Hundeattacke

Am Dienstagabend war der wenige Tage alte Säugling mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Christliche Kinderhospital Osnabrück (CKO) eingeliefert worden. Die Eltern hatten eine Hundeattacke für die Verletzungen angegeben, ein eingeschalteter Rechtsmediziner schloss das jedoch aus. Seit Donnerstag sitzt der 24-jährige Vater des Babys in Untersuchungshaft. Er soll das Kind schwer misshandelt haben, weil es geschrien hatte. Das geschah nur wenige Stunden nach Entlassung der Familie aus der Entbindungsstation eines Osnabrücker Krankenhauses.

Jugendamt seit April in Kontakt mit Eltern

Bereits seit Mitte April war das Jugendamt in Kontakt mit den beiden 24-Jährigen. Die Behörde hatte einen Hinweis aus der Familie der Eltern bekommen. Dabei sei es nicht um das Thema Gewalt gegangen, so Stadtsprecher Sven Jürgensen. Den Inhalt des Hinweises wollte der Sprecher nicht nennen. Bei mehreren Telefonaten und zwei persönlichen Treffen sei es um Hilfsangebote für das Paar gegangen, das sein erstes Kind erwartete, sagte Jürgensen. Einen Besuch im Haus des Paares gab es nicht.

Eltern sollten sich nach Geburt beim Jugendamt melden

Das Amt habe zunächst Kontakt mit der Mutter gehabt, den Vater habe es aber auch kennengelernt. In den Gesprächen hätten sich die Eltern kooperativ gezeigt, sodass es keinen Anlass zur Sorge um das Kindeswohl gab. Mit den Eltern sei vereinbart worden, dass sie sich nach der Geburt beim Jugendamt melden, um gemeinsam zu besprechen, welche Hilfe und Betreuung die Eltern bekommen könnten. Dazu kam es nicht mehr. Das Kind kam früher als geplant in einem Osnabrücker Krankenhaus zur Welt und war dort einige Tage zur Beobachtung. In diesem Zeitraum habe es keinen Kontakt zwischen Eltern und Jugendamt gegeben, so Jürgensen.

Weil der Kontakt zum Jugendamt grundsätzlich freiwillig ist, waren die Eltern nicht verpflichtet, sich nach der Geburt zu melden. Auch das Krankenhaus mussten sie nicht über den Kontakt zum Amt informieren. Erst wenn das Jugendamt das Kindeswohl in Gefahr sieht, wird ein Gericht eingeschaltet. Dort kann der Kontakt zwischen Eltern und Jugendamt verpflichtend angeordnet werden oder ein Kind in die Obhut des Jugendamtes überstellt werden. Für diese Schritte habe es jedoch keinen Anlass gegeben, sagte Jürgensen.

Keine Ermittlungen gegen Mitarbeiter des Jugendamts

Das Jugendamt werde den Fall intern besprechen und prüfen, ob die mit dem Fall Betrauten alles richtig gemacht haben. Jürgensen sagte, dass es nach derzeitigem Stand keine Anzeichen für Fehler oder Versäumnisse gebe. Auch die Staatsanwaltschaft Osnabrück wird nicht gegen Mitarbeiter des Jugendamts ermitteln. „Ich sehe da keinen Anfangsverdacht”, sagte Retemeyer unserer Redaktion.

Der Zustand des Babys ist unverändert kritisch, sagte Polizeisprecher Frank Oevermann am Freitagnachmittag.

Die Tür des Hauses, in dem das Paar lebt, ist versiegelt. Foto: Festim Beqiri



Kindeswohlgefährdung

„Eine Kindeswohlgefährdung liegt vor, wenn eine gegenwärtige, in einem solchen Maß vorhandene Gefahr festgestellt wird, dass bei der weiteren Entwicklung der Dinge eine erhebliche Schädigung des geistigen oder leiblichen Wohls des Kindes mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist. An die Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts sind dabei umso geringere Anforderungen zu stellen, je schwerer der drohende Schaden wiegt.“ 

So definiert der Bundesgerichtshof die Kindeswohlgefährdung. Bei Jugendämtern findet bei jedem konkreten Fall eine Abwägung statt. Wann reicht es aus, Hilfen zur Verfügung zu stellen, um ein sicheres Aufwachsen des Kindes zu gewährleisten? Wann sollte ein Richter die Inobhutnahme eines Kindes verfügen, weil es sonst körperlichen oder seelischen Schaden nehmen könnte? Das Kind der elterlichen Betreuung zu entziehen, gilt als Ultima Ratio. Wenn möglich, sollen Eltern Anleitung und Hilfsangebote bekommen, um ihr Kind selbst zu betreuen.

Nach Fällen wie dem des zweijährigen Kevins, der vor zwölf Jahren von seinem Vater in Bremen zu Tode geprügelt worden war, hatten viele Jugendämter ihr Vorgehen bei möglichen Kindeswohlgefährdungen verschärft. Der Tod des Jungen hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst, weil das Jugendamt das Kind trotz vorheriger Knochenbrüche zurück in die Obhut der drogensüchtigen Eltern gegeben hatte. (meba)