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Hinterm Güterbahnhof wächst Gemüse Osnabrücker Initiative macht sich für regionale Lebensmittel stark

Der Boden ist belastet. Deshalb bauen Marisa Saladin (links) und Angelika Wildemann im Gemeinschaftsgarten der Initiative „Transition Town Osnabrück“ hinterm Güterbahnhof Bohnen und Kohlrabi in Plastikbehältern an. Foto: Uwe LewandowskiDer Boden ist belastet. Deshalb bauen Marisa Saladin (links) und Angelika Wildemann im Gemeinschaftsgarten der Initiative „Transition Town Osnabrück“ hinterm Güterbahnhof Bohnen und Kohlrabi in Plastikbehältern an. Foto: Uwe Lewandowski

Osnabrück. Ein neues Projekt bereichert die Kunst- und Kulturszene am alten Güterbahnhof: Auf einer Brachfläche zwischen Gleisen und Industrieruinen haben Klimaschützer einen Gemeinschaftsgarten für Obst, Gemüse und Salate angelegt. Die Engagierten machen sich so für lokale und gentechnikfreie Lebensmittel stark. Es geht um eine nachhaltige Stadtentwicklung. „Jeder kann mitmachen“, sagt Mitinitiatorin Marisa Saladin.

Ein Schotterweg führt vorbei an den von der Künstlerkolonie „Traumfabrik Petersburg“ genutzten Gebäudeteilen des ehemaligen Güterbahnhofs zur Grünfläche. Wer sich auf die Suche nach einem bürgerlichen Garten mit gemähtem Rasen und abgrenzenden Zäunen begibt, der wird hier nicht fündig. Der Gemeinschaftsgarten ist in jeder Hinsicht offen. 40 Plastikkästen sind rund herum auf einem Areal so groß wie eine Fußballfeldhälfte verteilt. In der Mitte gibt es Sitzmöglichkeiten und einen Grillplatz.

In den Kästen wird ökologisches Saatgut angepflanzt. Einige Firmen und eine benachbarte Diskothek haben die Container gespendet. „Der Boden ist belastet und für den Lebensmittelanbau ungeeignet. Deshalb brauchten wir die Gefäße“, erklärt Angelika Wildemann von der Ernährungs- und Umweltgruppe der Initiative „Transition Town Osnabrück“ (Stadt im Übergang).

Gießen mit Regenwasser

Auch der Mutterboden wird geliefert. Der städtische Servicebetrieb spendierte zwölf Tonnen Kompost. „Darüber sind wir sehr glücklich, das reicht für dieses Jahr“, meint die Schweizerin Saladin. Zur Bewässerung wird Regenwasser in einem Becken gesammelt. Auf dass bald Kohlrabi, Kartoffeln und Spinat wachsen.

Im Sommer wird gemeinschaftlich geerntet. Obst und Gemüse werden dann unter den Teilnehmern aufgeteilt. Im Vorjahr begannen die Planungen. Die Gruppe verguckte sich in das Gelände am Güterbahnhof. Carsten Gronwald, Vorsitzender des Kulturvereins Petersburg und Pächter, sei sofort angetan gewesen von der Idee des Mitmachgartens und stellte die Fläche zur Verfügung. „Hier kommen viele unterschiedliche Leute zusammen, um Freiraum zu gestalten“, so Wildemann. Jeden Samstag treffen sich rund 20 Leute zwischen 16 und 60 Jahren zum Gärtnern. Viele sind Studenten, doch auch Berufstätige wie Energieberater oder eine Krankenschwester beteiligen sich.

Gärtnern und Geselligkeit ist das Motto. Einige reize die praktische Erfahrung der Gartenarbeit, erklären die jungen Frauen. Doch hinter dem Engagement der meisten Teilnehmer stecke eine politische Überzeugung. Sie wollen zeigen, wie es in Städten gelingt, sich mit regionalen und saisonalen Lebensmitteln zu versorgen, statt sie aus entfernten Gegenden liefern zu lassen. Dafür wird die Gruppe kreativ: Sie experimentiert mit gefundenem Material wie Autoreifen, aus denen Kartoffeltürme wachsen sollen. Zudem soll ein Ofen aus recycelten Blechtonnen gebaut werden – fürs Pizzabacken mit dem eigenen Gemüse als Belag.

Seit 2006 setzen sich Umweltaktivisten in vielen Städten und Gemeinden der Welt in der Bewegung „Transition Town“ für eine Energiewende ein. In Deutschland gibt es nach Schätzungen inzwischen rund 40 Initiativen.

Mitmacher gesucht

2009 wurde ein Ableger in Osnabrück gegründet. Dieser will die Hasestadt in das postfossile Zeitalter ohne Erdöl führen. „Für dieses Ziel brauchen wir mehr Leute, um mehr Gruppen bilden zu können“, sagt Saladin. Setzt die Initiative auf das aktuell starke Problembewusstsein hierzulande nach der japanischen Atomreaktorkatastrophe? „Wir haben es nicht eilig. Wir wissen, dass unsere Zeit sowieso gekommen ist. Wir warten, bis die Ideen in der breiten Gesellschaft angekommen sind“, erklärt die Ökotrophologie-Studentin Wildemann.

Im Internet:www.energiewende-os.de


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