Ein Erfinder löst Probleme Zu Gast im persönlichen Körperwelten-Labor von Gunther von Hagens

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Guben. Die „Körperwelten“ machen bis September Station in Osnabrück. Ihr Erfinder, Gunther von Hagens, hat viele Spitznamen. Boulevardmedien nennen ihn „Dr. Tod“. Er hat zu einer Besichtigung seines Labors und seiner Privaträume eingeladen.

„Dr. Tod“ ist nur einer seiner Namen. Wer seine Arbeit der Plastination befürwortet, nennt ihn den Grenzgänger. Spricht Rurik von Hagens von ihm, ist er sein Vater.

Es ist Mitte April, als Gunther von Hagens im Plastinarium in Guben sitzt und sich gerade eine Mittagspause von der Arbeit im Labor nimmt. Er sitzt da, wie man ihn von Fotos kennt: Mit schwarzer Lederweste und dem markanten Hut auf dem Kopf. Eine imposante Erscheinung, die jedoch spürbar von der Parkinson-Erkrankung gezeichnet ist, die bei ihm 2008 diagnostiziert wurde. Von Hagens ist etwas wacklig auf den Beinen, die Symptome sind sichtbar. Beobachtet man, wie er damit umgeht, wird klar: Er ist zwar ein – durchaus umstrittener – Wissenschaftler, aber er ist eben auch ein Erfinder. Weil die Krankheit sein Sprachzentrum angreift und er schwer stottert, hat er sich einen Weg überlegt, wie er das verhindern kann: Mit einem vibrierenden Metronom, den er sich um die Wade schnallt.

Im Rhythmus sprechen

 

Er krempelt das Hosenbein hoch und nimmt das Gerät zur Hand, das aussieht wie eine Pulsuhr. Es vibriert im Takt und wenn er sich darauf konzentriert, kann er in diesem Rhythmus verständlich sprechen. Das habe ihm zunächst nicht gefallen, sagt er, weil er damit keine Emotionen in einem Gespräch übermitteln kann und eben sehr monoton spricht – aber er spricht deutlich genug.

 

„Das ist typisch für meinen Vater“, sagt sein Sohn Rurik von Hagens, der die Geschäftsführung der Körperwelten übernommen hat, seitdem Gunther von Hagens dazu nicht mehr in der Lage ist. „Er ist Erfinder, er sucht nach Lösungen für Probleme.“ Das tut er 2018 auch noch. Nicht nur für die eigenen, sondern auch für die seiner Plastinate. Regelmäßig pendelt er von Berlin in die Stadt an der polnischen Grenze. Hier, in der ehemaligen Hut- und Tuchfabrik, hat er sein Labor und eine kleine Wohnung und optimiert weiterhin das von ihm erfundene Plastinationsverfahren. Die Parkinson-Erkrankung hinterlässt Spuren. Sie löst Stimmungsschwankungen bei ihm aus, aber geistig ist er voll auf der Höhe. Seine Arbeit im Labor verrichtet von Hagens immer noch, auch wenn der Workaholic öfters müde wird und sich zu Pausen zwingen muss.

 

Derzeit arbeitet er daran, die Plastinate von Gefäßen einzelner Organe, den sogenannten „Gefäßgestalten“, stabiler zu machen. Diese sind Abformungen des inneren Gefäßprofils von Organen. Die empfindlichen, roten, feingliedrigen Stücke gingen bisher beim Transport leicht kaputt. Momentan sucht er nach einer Lösung dafür und erzielt dabei erste Erfolge. Mit großen Augen nimmt er eines der sogenannten „Korrisionsplastinate“ zur Hand und lässt es zu Boden fallen. Es zerschellt nicht.

Das Labor von Daniel Düsentrieb

 

Rurik von Hagens bezeichnet die Arbeitsräume seines Vaters augenzwinkernd als „das Labor von Daniel Düsentrieb.“ Wer jedoch mit einer Art Hochglanz-Superlabor rechnet, wird enttäuscht. Es besteht aus mehreren, funktional eingerichteten Räumen, in denen plastinierte Organe lagern, Forschungsgeräte stehen – aber auch eine Menge Pin-Up-Poster an den Wänden hängen. Wie eine große Hobby-Werkstatt mutet das Labor an, in der jemand einer Krankheit trotzt und unerbittlich an der eigenen Vision arbeitet. Man darf nur nicht vergessen, dass von Hagens eben an echten menschlichen Organen und Zellen arbeitet. Der Gedanke, dass seine Arbeit an den Plastinaten in ihren Anfängen auch in Garagen in Heidelberg stattgefunden hat, wirkt bei diesem Anblick gar nicht so abwegig.

 

In seine Wohnräume nebenan zieht von Hagens sich eigentlich zurück, um auszuruhen. Ein Blick hinein zeigt neben Sportgeräten und einem Schachbrett, auf dem er sich regelmäßig Duelle mit seinem Sohn liefert, allerdings mehrere große Bildschirme und Lehrbücher; die Räumlichkeiten wirken mehr wie ein Büro denn ein Ruheort. Es wird klar: So lange er dazu in der Lage ist, optimiert Gunther von Hagens weiterhin das Produkt, mit dem er ebenso berühmt wie berüchtigt geworden ist.


Körperwelten in Osnabrück

Vom 19. Mai bis zum 2. September findet in der Osnabrückhalle die Körperwelten-Ausstellung „Eine Herzenssache“ statt. Anhand von circa 200 Plastinaten können Besucher sich ein Bild von der menschlichen Anatomie machen. Schwerpunkt der täglich geöffneten Ausstellung in Osnabrück ist das menschliche Herz. Karten kosten für Erwachsene 19 Euro, für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre 13 Euro und für Studenten 15 Euro.

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