Ausstellung ab Samstag in Osnabrück In der Körperwelten-Werkstatt: Besuch im Plastinarium in Guben

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Nachdem es mit Gas gehärtet wurde ist aus dem Präparat ein Plastinat geworden. Foto: Frederik TebbeNachdem es mit Gas gehärtet wurde ist aus dem Präparat ein Plastinat geworden. Foto: Frederik Tebbe

Guben. Es ist eine Ausstellung, die polarisiert: Gunther von Hagens‘ „Körperwelten“ touren um die Welt und machen bis September auch Station in Osnabrück. Im sogenannten Plastinarium in Guben an der polnischen Grenze werden die Menschen, die sich dazu entschieden haben, ihren Körper nach dem Tod zu spenden, plastiniert. Entweder für eine der Ausstellungen oder für die Wissenschaft. Ein Rundgang hinter den Kulissen der Körperwelten.

Nicole Thierbach hält einen kurzen Moment inne. Sie legt die beiden Pinzetten zur Seite und blickt von ihrer Arbeit auf. Vor ihr auf dem Tisch liegt nicht weniger als ein menschliches Herz. Es riecht nach Krankenhaus. Sie präpariert das Organ gerade, damit es später als sogenanntes Plastinat dienen kann, das entweder an Universitäten verkauft oder öffentlich ausgestellt wird – bei den Körperwelten, dem umstrittenen Menschenmuseum von Gunther von Hagens.

Die ehemalige Krankenschwester arbeitet im Plastinarium im brandenburgerischen Guben. Hier, in einer ehemaligen Hut- und Tuchfabrik, die von Hagens seinerzeit für einen obligatorischen Euro erworben hat, werden Plastinate angefertigt und Besucher können dabei zusehen.

Das Plastinarium war früher eine Hut- und Tuchfabrik. Dem wird auch 2018 noch an der polnischen Grenze Tribut gezollt. Foto: Frederik Tebbe

Rurik von Hagens, der Sohn des Körperwelten-Erfinders, der inzwischen die Geschäfte seines Vaters führt, bezeichnet die Einrichtung als „gläserne Manufaktur“, in der alle Türen offen stehen. Es scheint fast so, als bemühe sich das Unternehmen möglichst offensiv um größtmögliche Transparenz – schließlich stand Körperwelten stets in der Kritik, wenn es um ethische Fragen ging. Die teils reißerische Aufmachung der in den Ausstellungen dargestellten Körper und die Herkunft einiger Plastinate wurden gerade in den frühen 2000er-Jahren kritisiert. Das Plastinarium ermöglicht für jeden, der bis an die polnische Grenze fahren möchte, einen detaillierten Einblick in den Prozess, in dem aus einem Menschen ein Plastinat, also ein Ausstellungsstück wird.

„Die Plastinate werden uns alle überdauern“Rurik von Hagens


„Die Plastinate müssen länger halten als die Mumien der Pharaonen“, sagt Rurik von Hagens. Damit dies gelingt, ist ein mehrschrittiger Prozess vonnöten. Nachdem die verstorbenen Körperspender, die zu Lebzeiten darüber verfügt haben, dass sie plastiniert werden möchten, vom hauseigenen „Body Mobil“ abgeholt und nach Guben gebracht wurden, wird zunächst die Verwesung der Leichen gestoppt. Sie werden in Formalin eingelegt. Bakterien werden vernichtet und somit setzt auch der Verwesungsgeruch aus. Tatsächlich riecht es zwar klinisch, wenn an den künftigen Exponaten gearbeitet wird, aber es riecht nicht nach toten Menschen. 

Bis zu 800 Stunden Arbeit

Sind die Körper „fixiert“, kommen sie auf den Präparationstisch. Dort arbeitet Nicole Thierbach mit ihren Kollegen und entfernt Fett, Haut und Bindegewebe. Thierbach hatte als gelernte Krankenschwester schon immer Berührungspunkte mit dem Tod. Am menschlichen Herzen arbeiten zu dürfen, findet sie auch nach elf Jahren als Präparatorin noch immer faszinierend, es sei schließlich der „Motor unseres Körpers.“ In dem Moment, in dem das Herz auf ihrem Tisch liegt, sieht sie es als „Arbeitsmaterial“ an. Circa acht Stunden dauert es, es zu präparieren. Einen ganzen Körper zu präparieren kann bis zu 800 Stunden dauern.

Nicole Thierbach präpariert ein meschliches Herz. Nach elf Jahren empfindet sie dies immer noch als faszinierend. Foto: Frederik Tebbe

Wertvoller Beitrag für die Medizin

Wer im Plastinarium die Körper und Organe präparieren möchte, braucht nicht zwingend einen medizischen Hintergrund. Zwar haben den viele, mit Frank Zscholpig arbeitet in Guben aber auch – stilecht – ein ehemaliger Hutmacher. Das Präparieren lernt man nicht an der Uni, sondern in Schulungen vor Ort. Wichtig sei laut Rurik von Hagens, dass man Interesse, Geduld und die nötige Fingerfertigkeit für den Job mitbringe. Das gefällt auch Zscholpig daran, es sei eine filigrane Arbeit, wahrlich keine wie jede andere – und eine wichtige dazu: „Das hier ist ein wertvoller Beitrag für die Medizin. Anatomie wird schließlich seit dem 15. Jahrhundert betrieben und die Körperwelten steuern einen wichtigen Teil dazu bei.“ Gerade bearbeitet er einen menschlichen Rumpf und entfernt Fettgewebe.

Frank Zscholpig präpariert einen menschlichen Rumpf und entfernt Fett- und Bindegewebe. Foto: Frederik Tebbe

Nach der Präparation werden die Körper drei bis vier Monate bearbeitet und in Azeton eingelegt. In einem kalten Bad wird das Gewebswasser durch das Lösungsmittel ersetzt, in einem warmen die Fettanteile. Ist dies erledigt, folgt die sogenannte „forcierte Imprägnierung“: In einem Vakuum wird das Azeton wieder entfernt und bis zu fünf Wochen lang durch Kunststoffe ersetzt, die die künftigen Plastinate haltbar machen sollen.

In Bädern aus Azeton werden Gewebswasser und Fettanteile entfernt. Foto: Frederik Tebbe

Die imprägnierten Präparate werden anschließend in die für die Ausstellung oder die akademischen Zwecke gewünschte Position gebracht und etwa mit Nadeln und Drähten fixiert. Hier entstehen inzwischen berüchtigte Posen wie der Schachspieler, der Stabhochspringer oder die beiden Plastinate, die beim Liebesakt gezeigt werden. 

Anschließend werden die Körper mit Nadeln und Klammern in die gewünschte Position gebracht. Foto: Frederik Tebbe

Steht das Präparat, wie es soll, geht es zum letzten Schritt: In einer speziellen Kammer wird es mit Gas gehärtet und schließlich mit Silikon durchtränkt. Etwa ein Jahr hat der gesamte Prozess gedauert. Aus dem Präparat ist dann ein Plastinat geworden. 

Vorrangig zu akademischen Zwecken

Neben den verschiedenen Schritten des Plastinationsverfahrens gibt es im Plastinarium sowohl einen Crashkurs in Sachen Anatomiegeschichte zu sehen als auch eine Erklärung des Körperspendeprogramms sowie einen Einblick in die Ausstellungen. Menschliche und auch tierische Plastinate sind in Guben aufgestellt – mit den „Körperwelten der Tiere“ gibt es inzwischen einen animalischen Ableger der Ausstellungen. Seit elf Jahren befindet sich das Plastinarium in Guben und beschäftigt 70 Mitarbeiter. Das Gelände umfasst 30.000 Quadratmeter. Inzwischen werden dort vornehmlich Plastinate für akademische Zwecke angefertigt, lediglich zehn Prozent wandern in die Ausstellungen. Universitäten können die Plastinate kaufen, ein Ganzkörperplastinat liegt bei 60.000 bis 70.000 Euro. 

Nicht nur Menschen, auch Tiere werden bei Körperwelten plastiniert. Foto: Frederik Tebbe

Dass sich die „gläserne Manufaktur“ so abschüssig kurz vor Polen befindet, habe laut Rurik von Hagens damit zu tun, dass die Körperwelten hier zu ihren Wurzeln zurückkehren. Gunther von Hagens ist im Osten aufgewachsen. Zudem kehrt er damit auch ideell zu seinen Wurzeln zurück: Seine Arbeit der Plastination sei vorrangig immer eine akademische gewesen – dies wolle man im Plastinarium wieder intensivieren. 


Körperwelten in Osnabrück

Vom 19. Mai bis zum 2. September findet in der Osnabrückhalle die Körperwelten-Ausstellung „Eine Herzenssache“ statt. Anhand von circa 200 Plastinaten können Besucher sich ein Bild von der menschlichen Anatomie machen. Schwerpunkt der täglich geöffneten Ausstellung in Osnabrück ist das menschliche Herz. Karten kosten für Erwachsene 19 Euro, für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre 13 Euro und für Studenten 15 Euro (mehr zum Programm). 

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