Bodo Wartke und Melanie Haupt Im Theater Osnabrück: Antigone hat den Blues

Von Tom Bullmann

Verwandlungskünstler: Bodo Wartke und Melanie Haupt spielen alle Rollen des Stückes in rasanten Wechseln und mit wenigen Requisiten in einem minimalistischem Bühnenbild. Foto: Swaantje HehmannVerwandlungskünstler: Bodo Wartke und Melanie Haupt spielen alle Rollen des Stückes in rasanten Wechseln und mit wenigen Requisiten in einem minimalistischem Bühnenbild. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Die griechische Mythologie und eine Tragödie von Sophokles adaptierten Bodo Wartke und Melanie Haupt mit ihrem Stück „Antigone“ im Osnabrücker Theater.

Der greise, blinde Ödipus betritt den Hain der Eumeniden, wo er seine ewige Ruhe finden soll. „Es ist so weit“, rappt der ehemalige König von Theben, der Basecap und Sonnenbrille trägt, über sein nahendes Ende, derweil seine Tochter Antigone dazu per Beatbox den passenden Rhythmus liefert.

Da stimmt doch etwas nicht. Oder versucht hier jemand, die griechische Mythologie und die Dichtkunst des Sophokles in die Gegenwart zu katapultieren? Richtig, kein anderer als Bodo Wartke hat eine Fortsetzung seines „König Ödipus“ in Angriff genommen, den er seit einigen Jahren als One-Man-Show auf die Bühne bringt. Jetzt hat er in Melanie Haupt eine kongeniale Kollegin gefunden, mit der er zusammen in insgesamt 22 Rollen schlüpft. Die zeitgenössische Adaption der antiken Geschichte wurde im ausverkauften Theater am Domhof aufgeführt und motivierte das Publikum zu anhaltenden, stehenden Ovationen.

Tausendsassa

Ein wahrer Tausendsassa ist dieser Bodo Wartke. Mal tritt er als Musikkabarettist auf und tanzt Blues als „vertikalen Ausdruck eines horizontalen Verlangens“. Dann taucht er mit einem ausgewachsenen Orchester, dem Capital Dance Orchestra, auf, um der Swing-Musik zu huldigen. Oder er führt im „König Ödipus“ wie ein Chamäleon all seine ausgezeichneten Fähigkeiten als Schauspieler, Sänger, Kulissenschieber und Musiker zusammen.

Auch mit der „Antigone“ schafft er es, die Tragödie um Macht, Verantwortung und Verlangen in ein zeitgemäßes Gewand zu hüllen, ohne albern zu werden. Manchmal schrammt er zwar mit Wortspielen wie „Minos hatte ein Plus“ hart am Flachwitz vorbei, das allerdings sehr selten. Da überwiegen doch eher die Einfälle, die das tragische Thema des Stücks auf eine witzig-humorvolle Ebene heben.

Wirklich witzig

So macht das laszive Orakel von Delphi sehr viel Spaß, das Depressionen bekommt, weil es immer nur Hiobsbotschaften verkünden darf. Und wenn der blinde Ödipus auf dem Weg von Theben nach Athen an diversen Sehenswürdigkeiten wie dem Koloss von Rhodos vorbeikommt, fragt er: „Gibt’s hier keinen Audioguide?“. Den Fluch, der über der Königsfamilie liegt, verkündet Wartke anhand eines Blues-Songs, den er mit einem Scat in Louis Armstrong-Manier sowie mit authentischen Mundharmonikaklängen verziert.

Faszinierend ist es, wie sowohl Wartke als auch Melanie Haupt es schaffen, stets reimend im minimalistischen Bühnenbild mit wenigen Utensilien in andere Rollen, Szenen und Atmosphären zu tauchen. Nur einmal während der mehr als zwei Stunden dauernden Inszenierung greifen Wahlberliner Wartke und sein Regisseur Sven Schütze zu dem Mittel, Musik als Playback einzusetzen: Wenn die Zwillingsbrüder Polyneikes und Eteokles sich im Nebel des Gefechts gegenseitig die Schwerter in die Brust rammen und so dafür sorgen, dass Onkel Kreon den Thron von Theben besteigt, ertönt passend „Seven Nation Army“ von den White Stripes aus den Lautsprecherboxen des Theaters: Sieben gegen Theben, auch wenn Komponist Jack White bei seinem Song weniger den ersten Thebanischen Krieg als vielmehr die Heilsarmee im Sinn hatte.

Hochbrisant

Wartke und Haupt gelingt es jedenfalls, das Publikum mit ihrer Mischung aus antiken Vorlagen, aus eigenen Versen, aus Musik und variablem Schauspiel mit Themen zu konfrontieren, die für heutige Demokratien hochbrisant sind. Nicht ohne Grund ziehen die beiden Protagonisten an zwei Stellen Vergleiche zu aktuellen gesellschaftlichen Missentwicklungen in Deutschland und der Türkei.


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