Spurensuche im Landwehrviertel Im Staatsarchiv Osnabrück entdeckt: Ist Blindgänger noch gefährlich?

Von Rainer Lahmann-Lammert

Fündig geworden: Im Staatsarchiv ist Bernd Kruse hat diese Karte des Gefangenenlagers Oflag VIc gestoßen, auf der auch ein Bombenblindgänger eingezeichnet ist Foto: Lahmann-LammertFündig geworden: Im Staatsarchiv ist Bernd Kruse hat diese Karte des Gefangenenlagers Oflag VIc gestoßen, auf der auch ein Bombenblindgänger eingezeichnet ist Foto: Lahmann-Lammert

Osnabrück. Im Staatsarchiv ist der pensionierte Lehrer Bernd Kruse auf eine Bombe gestoßen. Vielleicht liegt der Blindgänger noch unter der Erde des Landwehrviertels. Die Stadt will dem Verdacht nachgehen. Und Kruse hofft auf Zeitzeugen, die etwas über das frühere Kriegsgefangenenlager Eversheide sagen können.

Die Explosion war gewaltig, als der Kampfmittelräumdienst Mitte Februar eine 250-Kilo-Bombe im Landwehrviertel sprengen musste. Aufgetürmte Strohballen und Wassertanks konnten nicht verhindern, dass Häuser der nahegelegenen Strothesiedlung beschädigt wurden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass weitere Blindgänger auf dem früheren Kasernengebiet lauern. Im Auftrag der Stadt wird das Gelände systematisch untersucht, denn schon bald soll aus der Brache das größte Baugebiet Osnabrücks werden. Den Menschen, die in den 800 Wohnungen leben werden, sollen die tödlichen Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkrieges nichts anhaben können.

161 Männer starben grausam

Als die Bomben fielen, war die spätere Kaserne ein Kriegsgefangenenlager, in dem jugoslawische Offiziere festgehalten wurden. Ringsherum hatte die Wehrmacht Flugabwehrstellungen aufgebaut, ein klarer Verstoß gegen die Genfer Konvention. Am 6. Dezember 1944 wurde ein großer Teil des Lagers bei einem alliierten Bombenangriff zerstört. 161 Männer kamen dabei um, die meisten starben einen grausamen Feuertod. Zum Bunker an der Landwehrstraße hatten die Kriegsgefangenen wie immer keinen Zugang bekommen.

Der 69-jährige Bernd Kruse, der in der Nähe wohnt, forscht nach der Vergangenheit des Lagers Eversheide, das im Nazi-Jargon Oflag VIc (nach Offizierslager) genannt wurde. Bei seinen Recherchen im Staatsarchiv stieß er auf eine Karte, die offensichtlich ein jugoslawischer Offizier nach dem verheerenden Luftangriff vom Lager gezeichnet hat. Es stammt aus einem Buch, das 1962 in London veröffentlicht wurde (M. Djordjevic: Jzmedjucraog i crvenog fasizma, Osnabrickom Logoru 1941 - 1945).

Unsichtbare Blindgänger

Auf dem Lageplan ist deutlich zu erkennen, dass ein großer Teil der Baracken zerstört wurde. Markiert sind auch die Stellen, an denen Bomben explodierten oder – in einem Fall – nicht explodierten. Bernd Kruse hat den Fachbereich Bürger und Ordnung der Stadt Osnabrück über seinen Fund informiert, und der nimmt die Sache sehr ernst. Jürgen Wiethäuper, zuständig für die Beseitigung der Kriegsaltlasten, ist dankbar für solche Hinweise. Im Auftrag der Stadt wurden schon sämtliche Luftbilder ausgewertet, die von den Alliierten jeweils kurze Zeit nach den Bombenabwürfen aufgenommen wurden. Viele Blindgänger sind auf den Fotos zum Vorschein gekommen und systematisch entschärft worden.

Aber nicht immer, sagt Wiethäuper, wurden solche Bilder angefertigt: „Manchmal wurde eine Maschine abgeschossen, mal war schlechtes Wetter“. Und wenn fotografiert wurde, dann verdeckten oft Trümmer, Schlagschatten oder Bäume die verdächtigen Löcher im Boden. Aber jeder Mosaikstein sei wichtig. Deshalb werde die Stelle auf dem Plan aus dem Staatsarchiv demnächst genau erkundet. Momentan gehe das nicht, weil Baumaterialien darauf lagerten.

Baugebiet wird sondiert

Unabhängig von Kruses Hinweis wird demnächst das gesamte Baugebiet sondiert. Bisher beschränkte sich die Suche nach Blindgängern auf die Erschließungsschneisen, auf denen zurzeit Leitungen und Kanäle verlegt werden. Am Rande einer solchen Trasse war bei Baggerarbeiten im Februar die Fünfzentnerbombe zum Vorschein gekommen, die sich kurz darauf als extrem gefährlich erwies. Ihr Fundort befand sich allerdings außerhalb des Lagergeländes, und konnte schon deshalb nicht in dem Plan eingezeichnet sein, den Bernd Kruse im Staatsarchiv entdeckt hat.

Am Dienstag, 8. Mai trifft sich das Forum „Kriegskinder und Kriegsenkel“ des Kulturgeschichtlichen Museums um 19 Uhr in der Villa Schlikker. Dabei soll es um das Kriegsgefangenenlager Eversheide gehen. Bernd Kruse wird dabei sein. Und er hofft mit Stadthistoriker Thorsten Heese, dass möglichst viele Zeitzeugen kommen, die von diesem Kapitel der Osnabrücker Geschichte erzählen können.