Hebammentag am 5. Mai 2018 „Es geht nicht nur um die eine Mutter – es geht um eine gesunde Gesellschaft“

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Hebammen unterstützen Frauen und Familien bei einer massiven Umstellung in ein neues Leben. Foto: Colourbox.deHebammen unterstützen Frauen und Familien bei einer massiven Umstellung in ein neues Leben. Foto: Colourbox.de

Osnabrück. An diesem Samstag, 5. Mai, ist der Internationale Hebammentag. Doch wie ist es um die Hebammensituation in Stadt und Landkreis Osnabrück bestellt? Und wann müssen werdende Mütter sich nach einer Hebamme oder dem passenden Kurs umgucken, wenn sie nicht leer ausgehen wollen?

1991 eingeführt erinnert der Internationale Hebammentag mittlerweile in mehr als 50 Ländern an die Bedeutung von Hebammen und ihrer Arbeit für die Gesellschaft. In Osnabrück wird es an diesem Tag Stände auf dem Wochenmarkt geben – und zudem werden deutschlandweit in ausgesuchten dm-Drogeriemärkten Hebammen über ihren Beruf informieren und Fragen zum Thema Schwangerschaft beantworten.

Doch wie ist es um die Hebammensituation in Stadt und Landkreis Osnabrück bestellt? Beatworten kann diese Frage die Hebammenzentrale Osnabrück, die Schwangere und Hebammen seit dem Jahr 2001 zusammenführt. Petra Köhler, seit 1989 Hebamme, war wie Manuela Kastens Gründungsmitglied der Hebammenzentrale Osnabrück.

Warum wurde die Osnabrücker Hebammenzentrale gegründet?

Köhler: Frauen bekommen hier über eine zentrale Telefonnummer eine Hebamme vermittelt – und das gilt für alle Frauen, auch die, die erst später in der Schwangerschaft anrufen.

Kastens: Vor der Gründung gab es noch viele unterschiedliche und teilweise umständliche Wege, eine Hebamme zu finden. Mit der Hebammenzentrale-Osnabrück ist für ratsuchende Schwangere nur ein Anruf nötig und wir können dann in der Kartei schauen: Wer hat zu der Zeit Kapazitäten oder fährt überhaupt in den Stadtteil oder Teil des Landkreises, in dem eine Betreuung gesucht wird.

Köhler: Zudem können wir Hebammen dank der Zentrale unsere Arbeit koordinieren. Damals war die Nachfrage nach Hebammen nämlich noch nicht ganz so ausgeprägt wie heute.

Wie kommt es, dass es heute mehr Anfragen an Hebammen gibt?

Köhler: Es gibt wieder mehr Kinder – und das spüren wir deutlich. Zudem sind die Frauen besser informiert und melden sich früher, so dass angefragte Kurse auch schneller voll sind.

Kastens: Als ich vor 18 Jahren angefangen habe, war es noch üblich, dass sich die Frauen erst über den Kreißsaal nach einer Hebamme für die Wochenbettbetreuung umgeschaut haben. Das hat sich komplett gewandelt. Denn wer sich jetzt erst nach der Geburt meldet, hat Probleme, überhaupt noch eine Hebamme zu finden.

Ist es in Osnabrück schon so eng mit Hebammen, dass ich am besten schon mit dem Schwangerschaftstest in der Hand eine passenden sucht – oder könnte ich mir dann auch bis zum 5. Monats noch Zeit lassen?

Kastens: Wenn man auch die Betreuung in der Frühschwangerschaft haben will – beispielsweise wegen Übelkeit und Erbrechen – dann muss man sich schon in den ersten Wochen melden.

Köhler: In dem Moment, in dem Sie einen Geburtsvorbereitungskurs brauchen, also ab der 20., 24. Schwangerschaftswoche, ist dieser oft schon ausgebucht. Daher sollte man sich dafür besser schon zwei Monate vorher erkundigen. Je spontaner die Suche ist, desto schwerer kann es werden, einen freien Platz in einem Kurs oder eine Hebammenbetreuung für Schwangerschaft oder Wochenbett zu bekommen.

Wann wird es eng?

Kastens: Am schwierigsten zu vermitteln sind die Anfragen aus dem Landkreis. Alles über zehn Kilometer außerhalb der Stadt Osnabrück wird schwierig. Denn eine im Südkreis ansässige Hebamme fährt beispielsweise nicht für ihre Wochenbettbesuche in den Nordkreis.

Kann man in unserer Region schon von einem Hebammenmangel sprechen?

Köhler: Man kann von einem drohenden Hebammenmangel sprechen. Über die Zentrale können wir die Vermittlung aber noch einigermaßen gewährleisten.

Einigermaßen, weil…

Köhler: Es gibt in den Ferien und an den Feiertagen immer wieder Engpässe. Doch um und besonders in Osnabrück können wir den Anfragen der Frauen ganz gut gerecht werden. Aber Frau Kastens und ich sind ja auch im Niedersächsischen Hebammenverband – und sehen, wie katastrophal es in anderen Teilen von Niedersachsen um die Versorgung bestellt ist. Gerade in den Randgebieten ist ein massiver Hebammenmangel entstanden. Im Landkreis von Cuxhaven beispielsweise arbeiten zwei Hebammen, die etwas älter sind. Wenn die aufhören, gibt es keinen Nachwuchs.

Die Frauen kriegen also wieder mehr Kinder, wollen auch mehr von Hebammen betreut werden – aber die werden weniger. Wie kommt das?

Kastens: Das Image unseres Berufes hat zwei Seiten: Einerseits ist es fast schon verklärend schön, andererseits weiß man aber auch von Problemen mit Versicherungen und Stress durch die hohe Arbeitsbelastung in unterbesetzten Kreißsälen. Dieses Schwarz-Weiß-Bild macht es einigen vielleicht schwer, den Beruf ergreifen zu wollen.

Kann man als freiberufliche Hebamme denn gut von seiner Tätigkeit leben?

Köhler: Wenn man deutlich über 45 Stunden pro Woche arbeitet, dann schon. Das ist sicher auch ein Grund für Nachwuchsprobleme. Zudem muss eine freiberufliche Hebamme immer einsatzbereit sein, ob nachts, am Wochenende oder an Feiertagen und ihre Urlaubszeiten müssen gut organisiert werden. Das sind keine attraktiven Arbeitsbedingungen.

Die Hebammen Petra Köhler (links) und Manuela Kastens. Foto: Elvira Parton

Stichwort Haftpflichtversicherung. Hat sich die Situation der freiberuflichen Hebammen verbessert, seitdem die Gesetzlichen Krankenversicherungen einen Teil der Haftpflichtkosten übernehmen?

Köhler: Einerseits schon, aber es gibt keine Sicherheit für weitere Haftpflichtversicherungserhöhungen für freiberufliche Hebammen, die Geburtshilfe anbieten. Es gab zwar vor einem halben Jahr eine Erhöhung der Gebühren, die Hebammen abrechnen können. Pro Wochenbettbesuch bekommen sie jetzt 38 Euro brutto. Aber: Für einen Besuch braucht eine Hebamme etwa 30 bis 60 Minuten, dazu kommt dann noch eine Anfahrtszeit. Netto bleibt also nicht viel. Dazu kommt noch eine Menge Bürokratie.

Aber warum sollte man dann überhaupt noch Hebamme werden?

Köhler: Der Beruf macht zufrieden und ist ein schöner Beruf. Nicht rosig, aber wichtig. Man unterstützt Frauen und Familien bei einer großen Umstellung in ihrem Leben. Wir treffen Menschen an einem Punkt in ihrem Leben, in dem sie Hilfe von außen annehmen wollen. Und das zeigt, dass es bei unserer Arbeit nicht nur um die eine Mutter geht, die gerade Hilfe braucht. Es geht um eine gesunde Gesellschaft, für die wir den Grundstein legen können. Zudem macht die Akademisierung den Beruf für werdende Hebammen attraktiver, weil damit auch die Möglichkeit zur beruflichen Weiterentwicklung gegeben wird.

Wie können Osnabrücker den Hebammen vor Ort helfen?

Köhler: Indem sie die Hebammenzentrale Osnabrück unterstützen; wir sind ein gemeinnütziger Verein, der vom Geld und ehrenamtlichen Engagement der Mitglieder lebt – und die sind alle Hebammen.


Hebammen in Deutschland

Hebamme gilt als einer der ältesten Frauenberufe. Arbeitet ein Mann in dem Berufsstand, wird er in Deutschland „Entbindungspfleger“ genannt. Laut Hebammengesetz kann eine Hebamme eine normal verlaufende Geburt alleine leiten. Ein Arzt dagegen darf eine Frau nur in Notfällen ohne eine Hebamme entbinden. Diese Hinzuziehungspflicht gibt es nur in Deutschland. Sie gilt übrigens auch bei einem Kaiserschnitt.

Jede Schwangere, Gebärende, entbundene oder stillende Frau kann in Deutschland Hebammenhilfe in Anspruch nehmen. Die Kosten übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen. Privatversicherte müssen sich über ihre Leistungsansprüche bei ihrer Krankenkasse informieren.

Die Mehrheit der rund 21.000 Hebammen in Deutschland arbeitet freiberuflich. Klassische Geburtshilfe leisten nach Schätzungen des Hebammen-Verbandes insgesamt nur etwa 2200 bis 2500 freiberufliche Hebammen.

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