Hebammen-Mangel Warum ausgebildete Hebammen in Osnabrück Hebammenwissenschaft studieren

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Geburtshilfe – eine schöne Tätigkeit. Doch die Berufsumstände schrecken viele Frauen ab. Foto: dpaGeburtshilfe – eine schöne Tätigkeit. Doch die Berufsumstände schrecken viele Frauen ab. Foto: dpa

Osnabrück. In Deutschland gibt es wieder mehr Babys – nur Hebammen, die gibt es immer weniger. Die hohen Kosten für eine Haftpflichtversicherung, die schlechte Bezahlung und der stressige Schichtdienst in den Krankenhäusern schreckt viele Frauen davor ab, den Beruf zu ergreifen. Der Studiengang der Hebammenwissenschaft an der Hochschule Osnabrück ist jedoch noch sehr gefragt – und bald womöglich Pflicht.

103 Frauen studieren derzeit in Osnabrück Hebammenwissenschaft; nein, Männer finden sich nicht unter den Studenten. Dafür einige Frauen, die bereits seit Jahren als Hebammen arbeiten. So wie Claudia Wiegard, die 1984 ihre Hebammenausbildung abschloss und am Klinikum Osnabrück als Lehrerin für Hebammenwesen arbeitet. Warum nun noch ein Studium? „An der Schule bin ich immer mit Lernenden zusammen, und ich lerne selbst gerne.“

Weniger Bewerberinnen an der Hebammenschule

Erweiterung der Kompetenzen, eine wissenschaftliche Perspektive und ein international gültiger Abschluss – das seien nur ein paar der Gründe, warum sich Frauen für das Studium entschieden hätten, sagt Claudia Hellmers, seit 2009 Professorin für Hebammenwissenschaft an der Hochschule Osnabrück. Als hier im Wintersemester 2008 der Studiengang startete, war Osnabrück der erste Hochschulstandort, der „Midwifery“ im Angebot hatte, mittlerweile gibt es recht viele in Deutschland. Und während Claudia Wiegard feststellt, dass angesichts der politischen Debatte um die Attraktivität des Berufs der Hebamme, der Diskussion über hohe Haftplichtkosten, schlechte Bezahlung und strapaziöse Schichtdienste in den Kliniken die Zahl der Bewerberinnen an den Hebammenschulen bundesweit rückläufig sei, ist die Nachfrage nach einem Studium der Hebammenwissenschaft ungebrochen.

Akademisierung des Hebammenberufes?

„Die politische Aufmerksamkeit, die die Hebammen erhalten haben, wird anscheinend gerade ein Stück weit zum Bumerang“, sagt Claudia Hellmers. Der Beruf werde negativ wahrgenommen, erscheine unattraktiv. Bereits ausgebildeten Hebammen bietet ein Studium hingegen eine Möglichkeit, sich weiterzuqualifizieren und sich neue Tätigkeitsbereiche zu erschließen – zum Beispiel im Bereich Beratung und Qualitätsmanagement, im Verband oder dem akademischen Bereich. Hinzu kommt, dass in Europa Hebammen weitestgehend akademisiert sind. „Im Ausland ist ein Bachelorniveau bei Hebammen weit verbreitet“, sagt die Professorin. Auch wenn die EU nicht explizit fordere, den Beruf auch in Deutschland zu akademisieren, müssten hier doch EU-Richtlinien befolgt werden, zum Beispiel zwölf Jahre allgemeine Schulbildung als Zugangsvoraussetzung und genaue Kenntnisse der Wissenschaften. Der Deutsche Hebammenverband und die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Hebammen fordere laut Hellmers bereits seit Jahren eine vollständige Akademisierung des Berufs.

Studierte Hebammen als Bedrohung?

Julia Eubling studiert im fünften Semester „Midwifery“ an der Hochschule Osnabrück. Auch sie hat bereits eine Ausbildung als Hebamme gemacht, ihr Abschluss liegt allerdings erst zwei Jahre zurück. Die Entscheidung für das Studium habe sie bereits direkt nach ihrem Abitur getroffen: „Ich wollte einfach studieren“, sagt sie. Einen festen Zukunftsplan habe sie noch nicht, aber den außerklinischen Bereich, in dem sie nach ihrer Ausbildung bereits kurz gearbeitet hatte, könnte sie sich gut vorstellen. In den Kliniken reagieren andere Hebammen unterschiedlich auf Julia Eublings Studium. „Die einen finden es toll und fragen viel nach, andere fühlen sich angegriffen oder fragen, ob sie denn jetzt auch noch studieren müssten“, berichtet sie. „Manche Hebammen sehen das Studium als Bedrohung“, sagt Claudia Hellmers.

Dann doch lieber Erziehungswissenschaft...

Auch die Osnabrückerin Elli Kowert hatte einst den Wunsch, Frauen in ihrer Schwangerschaft zu begleiten: „Schwangerschaft, Babys – schon mein ganzes Leben habe ich mich für diese Thematik interessiert, warum also nicht Hebamme werden“, habe sie sich einst gedacht. Sie habe sich im Vorfeld informiert und um Praktikumsplätze beworben, aber am Ende seien es weder die Haftplichtproblematik noch die Vergütung gewesen, die sie dazu veranlassten, sich gegen den Beruf zu entscheiden: „Ich habe gemerkt: Während der Geburt ist die Hebamme zwar die Hauptzuständige, aber die Ärzte haben letztlich das Sagen.“ Kowert missfällt diese gelegentlich zu beobachtende Hierarchie zwischen den Berufen. Sie wünscht sich eine kooperative, respektvolle Zusammenarbeit.

Auch ein Gespräch mit einer Hebamme habe sie abgeschreckt, sagt Elli Kowert. Ihr habe sie berichtet, dass sie in ihrem Berufswunsch zwischen Psychologie, Erziehungswissenschaft und Hebammenwissenschaft schwanke. „Die Hebamme habe dann gemeint, das seien doch drei völlig unterschiedliche Dinge, aber für mich gehört das alles zusammen“, sagt die 27-Jährige, die sich in der Initiative „Mother Hood – für eine gesunde Schwangerschaft und eine selbstbestimmte Geburt“ engagiert. Am Ende studierte die Osnabrückerin nicht Hebammenwissenschaft, sondern Erziehungswissenschaft.

Was ehemalige Hebammen jetzt machen

Und während Elli Kowert gar nicht erst Hebamme geworden ist, hängen andere Hebammen ihren Beruf an den Nagel. Die Osnabrücker Hebammenpraxis „Kugelrund“ hat beispielsweise erst kürzlich dichtgemacht. Was wird aus einstigen Hebammen? „Eine unserer Absolventinnen beschäftigt sich in ihrer Masterarbeit gerade damit, die Ergebnisse dürften im Sommer vorliegen“, sagt Claudia Hellmers. Nach ihrer bisherigen Erfahrung sind aber ehemalige Hebammen oft weiterhin im Gesundheitsbereich tätig – oder gehen noch einmal studieren. (Weiterlesen: Osnabrücker Hebammenpraxis Kugelrund kündigt Schließung an)


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN