Zereisenay will Tischler werden Wie Flüchtlinge in Osnabrück ihren Schulabschluss machen wollen

Von Sandra Dorn


Osnabrück. Im vorbereitenden Hauptschulkurs an der VHS Osnabrück treffen die Träume der Flüchtlinge von einer Zukunft in Deutschland auf die Realität. Ob der Kurs fortgesetzt wird und sie ihren Abschluss machen können, wissen bislang weder die 16 Teilnehmer noch die Volkshochschule selbst. Doch in der Hoffnung darauf drücken sie seit November jeden Vormittag die Schulbank.

Wenn schon eine NOZ-Redakteurin den Unterricht besucht, dann wird sie von Lehrerin Nicole Neumann auch gleich in die Deutschstunde integriert: Die Kursteilnehmer sollen von sich erzählen und ruhig auch selbst Fragen stellen. Nazareh Mohammad Zia hat nur eine einzige: „Was kann ich tun, damit ich in Deutschland bleiben darf?“ Vor wenigen Tagen hat der 20-jährige Afghane einen negativen Bescheid bekommen. Er soll das Land verlassen.

Bislang ist er der einzige der 16 Kursteilnehmer, dessen Hoffnungen sich trotz allen Engagements zerschlagen. Der Vorkurs richtet sich an Flüchtlinge unabhängig von ihrem rechtlichen Status und wird vom Land Niedersachsen finanziert. So können auch Geflüchtete teilnehmen, denen der Zugang zu den offiziellen Integrationskursen verwehrt ist, weil sie noch keine Aufenthaltserlaubnis haben. Verbunden ist das allerdings mit dem Risiko, dass alles umsonst ist. Die einzige Teilnahmebedingung ist ein gewisses Sprachniveau, damit sie dem Unterricht auf Deutsch folgen können. (Lesen Sie auch: In Osnabrück integriert – und dann droht die Abschiebung)

Konkrete Berufsziele

Egal, aus welchem Land die 16 Geflüchteten kommen, jeder von ihnen will Arbeit finden und sich in Osnabrück ein Leben aufbauen. Ihre Ziele sind konkret: Christabel (18) aus Kamerun will Kindergärtnerin werden, Zereisenay Ligolem (23) aus Eritrea träumt von einer Ausbildung zum Tischler und Sena al Mahmud (25) aus dem Irak sieht seine Zukunft als Installateur. Sie alle leben bereits seit anderthalb bis drei Jahren in Deutschland, haben teilweise schon Praktika absolviert und bei Zeitarbeitsfirmen gearbeitet.

Nie zur Schule gegangen

Für einige Teilnehmer ist es das erste Mal überhaupt, dass sie eine Schule besuchen. Abdal Khalil Faizi etwa. Der 24-Jährige hat in Afghanisten als Bauer gearbeitet und dort alles von seinem Vater gelernt. Sein Ziel: eine Ausbildung im Bereich Lagerlogistik. „Ich möchte ein Praktikum bei Hellmann machen“, sagt er. Wie alle anderen hofft er, dass ihm ein Hauptschulabschluss den Weg in Ausbildung oder Job erleichtert. Für die Teilnahme an dem Vorkurs gab es lange Wartelisten.

Bei vielen Inhalten starten die Lehrer bei Null. „Atlaskarten lesen: Das kennen die gar nicht“, sagt Lehrerin Nicole Neumann. Sie und ihr Kollege Jürgen Vogelsang unterrichten die Fächer Deutsch, Geografie, Mathematik, Physik sowie Politik und Wirtschaft. Sie nahmen bereits Goethes Werther durch und vermittelten die Grundlagen des deutschen Wahlsystems – Parteienlandschaft inklusive.

Auch Schulabbrecher ohne Fluchthintergrund können bei der VHS Osnabrück ihren Hauptschulabschluss nachholen. Für die Lehrer ist das kein leichter Job, der Flüchtlingskurs im Vergleich dazu regelrecht erholsam. „Disziplinprobleme gibt es keine, die Motivation ist viel höher“, sagt Marion Beier, Programmbereichsleitung Berufliche Weiterbildung bei der VHS Osnabrück. Sie würde sich wünschen, die Teilnehmer zu mischen. „In den Berufsschulen sind sie dann ja auch zusammen.“

Fortsetzung offen

„Ob sie den Abschluss schaffen, wissen wir nicht“, sagt Beier. Am 16. Mai ist der Kurs beendet, und ob die Teilnehmer dann auch einen richtigen Hauptschulkurs besuchen können, ist noch völlig offen. Die VHS will den Lehrgang beim Land beantragen, eine Entscheidung erwartet Beier für Ende Juni und ist zuversichtlich, dass die VHS Osnabrück auch den Zuschlag bekommt, sodass der Kurs im August starten kann.


Schulabschluss von Flüchtlingen

Laut Kultusministerium hat fast ein Fünftel der nach Niedersachsen Geflüchteten keinen in Deutschland gültigen Schulabschluss. Zuverlässige Zahlen für die in Osnabrück lebenden 4722 Geflüchteten gibt es nicht, aber es lohnt ein Blick in die Statistik der Osnabrücker Agentur für Arbeit. Die verzeichnete Ende März 2615 Flüchtlinge als arbeitsuchend – knapp 37 Prozent davon ohne Schulabschluss und weitere 14 Prozent ohne Angabe zum Schulabschluss, das macht zusammen also gut die Hälfte aus. 85 Prozent haben zudem keinen oder zumindest keinen in Deutschland anerkannten Berufsabschluss.

Einen Schulabschluss nachzuholen steht für die erwachsenen Flüchtlinge jedoch nicht an erster Stelle, die Nachfrage sei sehr gering, sagt Volkmar Lenzen, Pressesprecher der Osnabrücker Arbeitsagentur. „Das Ziel ist vielmehr die deutsche Sprache zu erlernen und anschließend zu arbeiten, in eine Einstiegsqualifizierung oder in eine Ausbildung zu gehen.“ Die Sprachkenntnisse und praktischen Fähigkeiten seien bei der Vermittlung in Arbeit das Entscheidende. „Das führt eher zum Erfolg als ein Schulabschluss“, erläutert Lenzen.