Interview vor dem 1. Mai Suchtprävention Osnabrück warnt: Mehr Mädchen mit Alkoholvergiftung

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Osnabrück. Für einige Jugendliche endet der 1. Mai frühzeitig nach zu viel Alkohol im Zelt des Deutschen Roten Kreuzes oder sogar im Krankenhaus. Marina Wawilkin und Daniela Stuckenberg von der Fachambulanz für Suchtprävention und Rehabilitation der Caritas leisten Aufklärungsarbeit, um diese Vorfälle zu verhindern. Vor allem bei den Mädchen ist ein Anstieg der Fälle zu beobachten.

Frau Stuckenberg, Sie begleiten den 1. Mai seit mehreren Jahren. Auf welche Weise ist Ihre Arbeit mit diesem Tag verknüpft?

Stuckenberg: Grundsätzlich gibt es eine Verbindung über das Projekt „HaLT – Hart am Limit“. Das ist unser Frühinterventionsprogramm für Jugendliche unter 18 Jahren, wenn es um das Thema Alkoholkonsum geht. In diesem Rahmen gibt es den proaktiven Teil, bei dem wir in die Öffentlichkeit gehen und Veranstaltungen begleiten, um für den verantwortungsvollen Alkoholkonsum und die Einhaltung des Jungendschutzes zu werben.

Das bedeutet, Sie sind am 1. Mai auch vor Ort und begleiten die Jugendlichen aktiv?

Stuckenberg: Genau, im Nettetal waren wir zum Beispiel schon mit einer alkoholfreien Cocktailbar vor Ort und haben eine Tauschaktion angeboten. An der Bar hatten die Jugendlichen die Möglichkeit, ein alkoholisches Getränk gegen ein alkoholfreies einzutauschen. Bei der 1.-Mai-Veranstaltung am Weberhaus in Melle haben wir eine Bar mit Wasser aufgestellt. Das machen wir auch in diesem Jahr wieder. Unser Appell geht in die Richtung: Mach auch mal eine Pause, wenn du Alkohol trinkst, gönn deinem Körper eine Erholungsphase. Die Bar wird sehr gut angenommen. Die Jugendlichen planen für den 1. Mai alles mögliche, aber denken nicht daran, auch alkoholfreie Getränke mitzunehmen. Wenn der Alkohol im Körper wirkt, merken sie aber, dass ein Wasser gar nicht schlecht wäre. Es geht nicht darum, den Alkohol komplett zu verbieten. Die Jugendlichen sollen eher verantwortungsvoll damit umgehen, damit der Tag nicht im Vollrausch endet.

Und wenn der 1. Mai dann doch auf einen Besuch im Krankenhaus hinausläuft?

Stuckenberg: Dafür haben wir den reaktiven Baustein: Das heißt, dass wir im Nachgang auf Jugendliche zugehen, die im schlimmsten Fall mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus gelandet sind. In solchen Fällen bieten wir Gespräche an, um die Situation aufzuarbeiten. Es geht dann um Fragen wie: Was hast du eigentlich getrunken, wie viel war das und über welchen Zeitraum, hast du vorher etwas gegessen, wie bist du an den Alkohol gekommen? Danach wird gemeinsam geschaut, was sich ändern muss, damit der Konsum nicht noch mal in einer Alkoholvergiftung endet.

Wo genau liegen denn die Gefahren für die Jugendlichen? Ein 15-Jähriger der am 1. Mai zum ersten Mal beim Alkohol zulangt, wird ja nicht automatisch zum Alkoholiker:

Stuckenberg: Das ist an diesem Tag auch nicht der Punkt. Die Gefahr liegt eher in einer massiven Alkoholvergiftung und dass sich Jugendliche bis in die Bewusstlosigkeit trinken. Dorthin führt eben vor allem der hochprozentige Alkohol. Die Meisten haben mit den hochprozentigen Spirituosen, die auch erst ab 18 zugelassen sind, einfach keine Erfahrungen. Irgendwann kapituliert der Körper. In unseren Präventionsveranstaltungen klären wir zum Beispiel an Schulen auch darüber auf, wie genau das verhindert werden kann. Dann gehen wir gemeinsam eine Notfallsituation durch. Was kann ich tun, wenn ein Freund oder eine Freundin zu viel getrunken hat und nicht mehr ansprechbar ist? Viele sind natürlich mit der Situation überfordert und wissen nicht, wie sie reagieren sollen, wie man den Notarzt ruft oder wie man einen Menschen in die stabile Seitenlage bringt. Wir bereiten die Jugendlichen mit unseren Workshops auf den schlimmsten Fall vor.

Seit mehreren Jahren ist Daniela Stuckenberg von der Fachambulanz für Suchtprävention und Rehabilitation in Melle an Treffpunkten von Jugendlichen am 1. Mai vor Ort und leistet Aufklärungsarbeit in Sachen Alkohol. Foto: Michael Gründel

Wawilkin: Ergänzend klären wir aber auch über die Gefahr auf, in eine Abhängigkeit zu geraten. In diesem Zusammenhang bieten wir das Skoll-Programm an, ein Selbstkontrolltraining, um einen verantwortungsvollen Umgang mit Suchtmitteln zu fördern.

Ist denn eine Tendenz in den vergangenen Jahren erkennbar? Werden die Jugendlichen zunehmend unkontrollierter was den Alkoholkonsum angeht oder ist das Gegenteil der Fall?

Wawilkin: Die Anzahl an Fällen von Alkoholvergiftungen, die im Osnabrücker Land gemeldet werden, ist tendenziell rückläufig. Allerdings muss man das Thema von mehreren Seiten betrachten. Die Einzelfälle sind nämlich qualitativ heftiger geworden. Außerdem verschiebt sich das Verhältnis von Mädchen und Jungen. 2015 sind wir mit unserem HaLT-Programm nach einer Alkoholvergiftung auf 14 Jugendliche zugegangen, zehn davon waren männlich. 2017 waren es elf Jugendliche, davon aber fünf männlich und sechs weiblich. Die Promillewerte steigen ebenfalls, auch wenn es insgesamt weniger Fälle gibt. Wir sehen den positiven Effekt unserer Präventionsarbeit in den sinkenden Vorfällen. Das ist aber noch keine Entwarnung. Die Einzelfälle zeigen, dass wir noch mehr Aufklärungsarbeit leisten müssen. Wir müssen herausfinden, warum zum Beispiel die Zahl der betroffenen Mädchen gestiegen ist, und an welchen Punkten man für eine Verbesserung der Situation ansetzen kann.

Konnten Sie schon bestimmte Gründe identifizieren?

Stuckenberg: Heute Morgen hatte ich einen Workshop, bei dem ich mit den Schülern auch darauf eingegangen bin, warum Suchterkrankungen überhaupt entstehen und wie bestimmte Suchtmittel wirken. Alkohol ist zum Beispiel auf den ersten Blick ein Mittel, um lockerer, mutiger und aufgeschlossener zu werden. Wenn ich als Jugendlicher diese enthemmende Erfahrung mache, dann nutze ich den Alkohol vielleicht immer wieder, um genau diese Wirkung zu erzielen. Wir schauen uns dann gemeinsam Verhaltensalternativen an. Was kann ich tun, wenn ich Sorgen und Probleme habe und vermeintlich deswegen trinke, um diese zu bewältigen? Die Jugendlichen bringen da sehr viele schöne Dinge als Ausgleich ein. Wesentliche Aspekte sind die Familie, Freunde und Hobbies wie Sport oder Musik.

Was können denn die Eltern tun, wenn sie wissen, dass ihr Kind eine 1.-Mai-Veranstaltung besucht, bei der Alkohol praktisch dazugehört?

Stuckenberg: Wir verfassen im Vorfeld des 1. Mais mit einem engen Netzwerk aus Polizei und dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) einen Elternbrief, den wir verschicken. Darin appellieren wir unter anderem an die Vorbildfunktion der Eltern und weisen darauf hin, dass sie vor so einem Tag mit ihren Kindern ins Gespräch gehen sollten. Eltern sollten sich darüber informieren, was ihre Kinder überhaupt vorhaben, wo sie hingehen und mit wem. Grundsätzlich sollten Eltern betonen, dass sie ihren Kindern in dieser Sache vertrauen. Gleichzeitig raten wir ihnen aber sicherzugehen, dass sie im Notfall erreichbar sind, um ihre Unterstützung anzubieten. Wir machen oft die Erfahrung, dass die Jugendlichen aus Sorge vor Ärger auch Angst haben, ihre Eltern anzurufen.

Wawilkin: Am 1. Mai klären wir die Eltern an Treffpunkten der Jugendlichen wie dem Weberhaus auf. Die Eltern sind dann natürlich erst einmal erschrocken, wenn sie ihr Kind aus einem DRK-Zelt abholen müssen. Wir gehen auf die Eltern zu und suchen das Gespräch. Es kommen oft Eltern, die sehr aufgelöst sind, die man beruhigen muss. Aber es gibt auch welche, die sauer sind, weil sie mit ihrem Kind eigentlich vorher alles besprochen haben und trotzdem etwas passiert ist. Da vermitteln wir, um den Vorfall aufzuarbeiten.

Wird dieses Angebot denn vonseiten der Jugendlichen auch angenommen?

Stuckenberg: Wir erleben, dass sowohl Eltern als auch Jugendliche dankbar für unser Angebot sind. Die Eltern kommen dadurch aus ihrer Rolle heraus und müssen ihren Kindern keine Standpauke halten. Manchmal ist es gut, wenn ein neutraler Fremder die Aufbereitung übernimmt. Das hat eine ganze andere Wirkung und ist oft nachhaltiger. Keiner will im Rettungszelt oder im Krankenhaus landen. Das ist hoch peinlich und schambesetzt. Dementsprechend sind die Jugendlichen auch motiviert, diese Situation in Zukunft zu vermeiden.


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