Lebensnahe Reize Zoo durch die VR-Brille: Uni Osnabrück filmt für Psychologie-Forschung


Osnabrück. Kurz setzt das Herz aus, wenn mitten im Zoogehege ein Nashorn plötzlich auf den Besucher zuläuft und zwei Zebras zur Seite springen. Genau solche Reaktionen wollen Wissenschaftler der Universität Osnabrück mittels Virtual-Reality-Brille untersuchen. Die Forschung in diesem Bereich steht international noch ganz am Anfang.

Die beiden Zebras glotzen, allerdings nicht auf den Besucher, sondern auf eine kugelförmige 360-Grad-Kamera, die in einem Busch versteckt ist. Mit dem App-gesteuerten Hightech-Gerät haben die Wissenschaftler und Studenten die dreidimensionalen Filmaufnahmen im Osnabrücker Zoo erzeugt. Durch eine Virtual-Reality-(VR-)Brille vergisst der Betrachter rasch, dass er sich gar nicht selbst im Gehege befindet, sondern ganz woanders. Direkt vor sich sieht er zwei imposante Nashörner, dreht er den Kopf nach rechts, erblickt er die Zebras – und sie scheinen ihn zu fixieren. Wer mit solch einer Brille auf dem Kopf die Hand ausstreckt, um eines der glotzenden Zebras zu berühren, macht sich lächerlich, denn er greift in die Luft.

Die Technik ermögliche es, lebensnahe Reize zu erstellen, sagt Benjamin Schöne. Er betreut als wissenschaftlicher Mitarbeiter das Projekt, an dem 13 Psychologie-Studenten arbeiten. Die Forscher lassen ihre Probanden fast auf Tuchfühlung kommen mit Tigern, Löwen, Bisons und Roten Sichlern. „Das löst ganz andere emotionale Reaktionen aus“, so Schöne. „Man fühlt sich wirklich so, als wäre man da.“

Langzeitstudie

Für eine Langzeitstudie erstellen sie zurzeit zig Videos, alle drei bis fünf Minuten lang. In der Notaufnahme waren sie bereits, auf der Kartbahn am Nettebad, am Prater in Wien, in einem U-Boot und an zig weiteren Orten. Bei den Filmaufnahmen im Zoo werden sie in der Regel von Biologen begleitet. Die sechs Linsen sind auf eine standardisierte Augenhöhe von 1,63 Meter eingestellt, damit es sich für den Betrachter so realistisch wie möglich anfühlt. Einfach ist das Filmen im Zoo nicht. Entweder die Tiere haben Angst vor dem Fremdkörper oder sie wollen die Kamera untersuchen, erläutert Andreas Wulftange, wissenschaftlicher Kurator im Osnabrücker Zoo – und das Gerät kostet rund 4000 Euro, erläutert Schöne.

50 verschiedene Themenblöcke haben die Wissenschaftler bereits im Kasten, von alltäglichen bis hin zu emotionalen Szenen. Hochleistungsrechner sind ebenfalls nötig, denn das Datenvolumen der Videos ist riesig. Bei ersten Experimenten im Labor zeigte die Forschergruppe Probanden bereits Bilder von einer Motorradfahrt, erläutert Schöne – einmal als gewöhnliche Filmaufnahme, einmal in 3D mit VR-Brille und EEG-Haube auf dem Kopf, sodass die Hirnströme gemessen werden konnten. Hinterher wurde überprüft, an welche Details an der Strecke sie sich erinnern konnten. Ergebnis: Die Erinnerungsleistung der Probanden mit VR-Brille war besser als die, die nur handelübliche Videoaufnahmen gesehen hatten.

Die Forschung stehe noch ganz am Anfang, auch international, sagt Schöne. „Alles, was wir hier machen, gibt es so noch nicht.“ Das Projekt ist über mehrere Jahre angelegt. Die Videos sollen in Form einer Datenbank anderen Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt werden.

Zoo-Besucher können einzelne Videos auf der Internetseite des Osnabrücker Zoos betrachten – allerdings nur in 2D. Die Anschaffung von VR-Brillen zum Ausleihen für Besucher sei derzeit nicht geplant, sagt Zoo-Pressereferentin Hanna Rickert.


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