Zuchtpaar komplett Orang-Utan-Weibchen Dayang neu im Zoo Osnabrück

Von Sebastian Stricker


Osnabrück. Zuwachs bei den Borneo-Orang-Utans im Zoo Osnabrück: Am Dienstag ist Weibchen Dayang aus Holland an den Schölerberg gekommen. Nach der Ankunft von Männchen Damai im November 2017 ist das neue Zuchtpaar damit komplett. Insgesamt besteht die Menschenaffen-Gruppe jetzt aus vier Tieren.

Die zwölfjährige Dayang solle nun in den kommenden Wochen schrittweise an ihre drei Artgenossen Damai, Buschi und Astrid herangeführt werden. „Wir möchten Dayang erst eine kleine Eingewöhnungsphase geben“, teilte der Zoo Osnabrück am Mittwoch mit. Der Orang-Utan-Dschungeltempel bleibe deshalb für Besucher vorübergehend geschlossen.

Durch die Anlage gehangelt

Bislang lebte Dayang im „Apenheul Primate Park“ im niederländischen Apeldoorn. Die zweistündige Fahrt nach Osnabrück steckte das Tier offenbar gut weg: Schnell sei es aus der Transportkiste in den ihm zugeteilten Bereich des Innengeheges geklettert, bevor es sich an den dicken Seilen durch die Anlage schwang und sie von der Plattform des Klettergerüsts aus in Augenschein nahm.

Tierpflegerin mit Insider-Infos

Beim Kennenlernen ihrer neuen Umgebung erhält Dayang in den nächsten Tagen die Unterstützung einer Tierpflegerin aus dem Affenpark Apeldoorn. „So sieht Dayang noch ein bekanntes Gesicht, und uns kann die Kollegin mit Insider-Infos zu Dayang helfen – von Futtervorlieben bis hin zu bestimmten Verhaltensmustern“, erklärt Tobias Klumpe, wissenschaftlicher Kurator im Zoo Osnabrück. Sein erster Eindruck von der jungen Affendame: Sie hat einen eher ruhigen und zurückhaltenden Charakter, kann aber auch sehr bestimmt auftreten.

Nachwuchs wichtig für Arterhalt

Mit Dayang leben nun vier Orang-Utans am Schölerberg. Der Koordinator des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms für Orang-Utans, Clemens Becker, hatte den Zoo gebeten, zusätzlich zu den Osnabrücker Exemplaren Buschi und Astrid ein zuchtfähiges Paar aufzunehmen. Hintergrund sei, dass sich die Situation dieser zotteligen Urwaldwesen in der Wildbahn dramatisch entwickelt habe, wie Zoodirektor Michael Böer erklärt: „Durch die Lebensraumzerstörung sinkt der Bestand bedrohlich. Beide Unterarten, sowohl Borneo- als auch Sumatra-Orang-Utan, gelten als vom Aussterben bedroht.“ Die Aufgabe von Zoos sei es, durch Nachzucht eine stabile Population unabhängig von der Entwicklung in der Wildbahn aufzubauen. Und das Osnabrücker Menschenaffenhaus biete nach dem Umbau Platz für fünf erwachsene Orang-Utans plus Nachwuchs – unterm Strich also 10 bis 15 Tiere.

Jungtier-Aufzucht miterlebt

So kam Ende November 2017 bereits das 14-jährige Männchen Damai aus dem ungarischen Zoo Sóstó nach Osnabrück. Dayang hingegen sollte noch bis zu diesem Frühjahr in Apeldoorn bleiben, um dort die Aufzucht eines Jungtiers in ihrer Gruppe miterleben zu können. „Eine sehr wertvolle Erfahrung“, wie Böer betont. Schließlich soll das Weibchen eines Tages selbst Mutter werden.

Durch Kontaktgitter getrennt

Zunächst jedoch muss die Osnabrücker Menschenaffen-WG, zu der auch drei Weißwangenschopfgibbons gehören, sich miteinander vertraut machen. Kurator Klumpe: „Wir entscheiden individuell und je nach Verhalten der Tiere, wie wir weiter vorgehen. Jetzt ist Dayang zunächst in einem separaten Bereich. Im zweiten Schritt soll sie Damai über ein Kontaktgitter kennenlernen. Verstehen sie sich gut, lassen wir sie zusammen.“ Später werde Dayang dann auch Buschi und Astrid vorgestellt. (Weiterlesen: Wissenswertes aus dem Zoo Osnabrück – Warum ein Affe Buschi heißt)

Wissenschaftler begleiten Eingewöhnungsphase

Wissenschaftlich begleitet wird die Eingewöhnung vom Fachteam des Zoos in Kooperation mit der Universität Osnabrück (Arbeitsgruppe Ethologie) und der Freien Universität Berlin (Arbeitsgruppe Vergleichende Entwicklungspsychologie), außerdem vom Veterinäramt. So beobachten Studenten die vier Orang-Utans sowie die Weißwangenschopfgibbons täglich für mehrere Stunden und protokollieren ihr Verhalten, um so eine fundierte Basis für die nächsten Entscheidungen zu haben. Außerdem nehmen die Tierpfleger regelmäßig Kotproben der Primaten, um physiologische Daten zu gewinnen.


Orang-Utans

Es gibt zwei Unterarten des Orang-Utans: den Borneo-Orang-Utan und den Sumatra-Orang-Utan. Die Menschenaffen erreichen eine Kopf-Rumpf-Länge von 100 bis 150 Zentimetern und eine Standhöhe von 110 bis 140 Zentimetern. Sie wiegen zwischen 30 und 100 Kilogramm. Der Name Orang-Utan leitet sich ab aus dem Malaiischen und bedeutet so viel wie „Waldmensch“. Das lange Fell der Menschenaffen ist ein Schutz gegen Regen.

Orang-Utans sind vom Aussterben bedroht – der Sumatra Orang-Utan bereits seit 2000, der Borneo Orang-Utan seit 2016. Der Bestand schwindet: Zwischen 1950 und 2010 ist die Anzahl der in der Wildbahn lebenden Borneo-Orang-Utans um 60 Prozent geschrumpft. Vor allem, weil der Mensch den Regenwald abholzt und den Primaten so ihren natürlichen Lebensraum nimmt. Folge: Auf Sumatra gibt es schätzungsweise nur noch 7000 Orangs, auf Borneo höchstens 35.000. „Wenn diese Entwicklung anhält, sind sie spätestens 2050 ausgerottet“, erklärt der Koordinator des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms für Orang-Utans, Clemens Becker vom Zoo Karlsruhe.

Orang-Utan Buschi wurde 1971 im Zoo Osnabrück geboren – er war der erste Menschenaffe, der am Schölerberg zur Welt kam. Seine Mutter Suma nahm ihn nicht an, weshalb er von Krankenschwestern des Kinderhospitals versorgt wurde. Buschi ist ein Mischling aus Borneo- und Sumatra-Orang-Utan. Deshalb darf zur Arterhaltung mit ihm nicht gezüchtet werden. Weibchen Astrid wurde 1983 im Zoo Rotterdam geboren und sterilisiert, bevor sie 2007 nach Osnabrück kam. Ihr gemeinsames Zuhause, der „Orang-Utan Dschungeltempel“, wurde nach jahrelangem Umbau im Herbst 2017 neu eröffnet.