Düsteres Bild der Gegenwart Emaf-Ausstellung in Osnabrück setzt sich kritisch mit Medien auseinander

Von Anne Reinert

Künstler Sebastian Neitsch vom Kollektiv Quadrature hinter der Installation „Verortung des Unbekannten“ in der Kunsthalle Osnabrück. Foto: Gert WestdörpKünstler Sebastian Neitsch vom Kollektiv Quadrature hinter der Installation „Verortung des Unbekannten“ in der Kunsthalle Osnabrück. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. „Report – Notizen aus der Wirklichkeit“ ist das Motto des 31. European Media Art Festival (Emaf). In der Ausstellung zum Festival, die in der Kunsthalle Osnabrück zu sehen ist, setzen sich Künstler kritisch mit den Medien auseinander.

In diesem Ödland will Donald Trump also seine berüchtigte Mauer errichten. Garrett Lynch und Frédérique Santune lassen die Ausstellungsbesucher in ihrem Video „Best of Luck with the Wall“ die komplette Grenze zwischen den USA und Mexiko entlangreisen. Die Aufnahmen dieses Landstrichs, die eigentlich drei Stunden dauern würden, haben die Künstler auf die Dauer einer Autofahrt entlang dieser Grenze ausgedehnt: 34 Stunden, eine Minute und 30 Sekunden. So lange müssen die Zuschauer vor dem Bildschirm stehen bleiben, um das Video ganz zu sehen. Ein Vorhaben fast so absurd wie der Bau der gigantischen Mauer.

Die Emaf-Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück zeichnet ein eher düsteres und sehr kritisches Bild unserer Gegenwart. Ironische Spielereien wie bei der Ausstellung im letzten Jahr, wo unter dem Festivalmotto „Push“ ein Rollator ein putziges Eigenleben entwickelte und zwei verliebte Smartphones sich anhimmelten, gibt es dieses Mal nicht.

Künstler werden zu Aufklärern

Dabei ist etwa die Grundidee von Olli Hollands „N.E.W.S.//N.O.W.S.“ gewitzt, führt aber zu einem erschreckenden Ergebnis. Die Lautsprecherinstallation gibt Radionachrichten aus über 40 Ländern in Schlagzeilen wieder. Der Rhythmus der Sprache wird auf vier Marschtrommeln im Raum übersetzt. Zu verstehen sind die sich überlagernden Nachrichten in verschiedenen Sprachen nicht. Sie werden zur kryptischen Informationsflut, aber auch zum treibenden Rhythmus eines Trommelwirbels.

„Report – Notizen aus der Wirklichkeit“ ist das Motto des 31. Emafs und damit der Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück. Sie setzt sich kritisch mit den Medien auseinander, denen manchmal mehr an Vereinfachung als Wahrheit gelegen ist. Einige Arbeiten klären sogar selbst auf und bewegen sich damit auf der Grenze von Kunst und Journalismus.

Das gilt etwa für die Beiträge von Forensic Architecture aus London, ein Zusammenschluss von Architekten, Journalisten, Künstlern und Filmemachern, der zum einen darüber aufklären, wie vermeintliche Wahrheiten in den Medien produziert werden, aber auch entschlüsselt, was passiert ist. So kann Forensic Architecture auf Grundlage der Bilder von Bombenwolken in den Medien 3-D-Modelle erstellen, die Datum und Größe der Angriffe eingrenzen können. Ein solches Modell („Bomb Cloud Atlas“) ist beim Emaf zu sehen. Per Video wird außerdem ein Bombenangriff rekonstruiert.

Wahrheiten, die uns verschwiegen werden

Inspiriert von der Suche Satelliten ist die kinetische Installation „Verortung des Unbekannten“ vom Künstlerkollektiv Quadrature, die auf unbekannte Objekte im Weltraum verweist. Offiziell gibt die US-Airforce zehn Satelliten im Weltall an. Amateurforscher entdeckten dagegen 52 unbekannte Satelliten. Kleine Zeiger der Installation folgen stetig die offiziell nicht existierenden Objekten dort oben und verweisen somit auf eine Wahrheit, von der wir eigentlich nicht wissen sollen.

Ein Spiel mit Selbstdarstellung und Identität ist Candice Breitz‘ Videoinstallation „Profile“, die sie entwarf, nachdem sie für den südafrikanischen Pavillon bei der Biennale in Venedig nominiert worden war. Sie lässt zehn andere südafrikanische Künstler in ihrem Namen vor der Kamera treten. So relativiert sich Breitz‘ eigene Leistung. Denn Ihre Kollegen hätten genauso gut nominiert werden können.

Einen Hilferuf aus der Vergangenheit verarbeitet Clarissa Thieme in ihrer Videoperformance und -installation „Vremeplov/Time Machine“. Sie basiert auf einem Video, das Jugendliche 1993 im besetzten Sarajevo drehten und in dem sie die Zukunft darum bitten, sie per Zeitmaschine aus ihrer Notlage zu retten. Drei Mal am Tag werden die Dialoge aus dem Video auf Englisch übersetzt. Die Zuschauer von heute haben so die Gelegenheit, erneut auf die Hilferufe zu reagieren.