„Erfahren, woher wir kommen“ Hanjo Kestings Lesereihe in Osnabrück berührt

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Der Auftakt der Lesereihe „Erfahren, woher wir kommen“ mit Hanjo Kesting und Siegfried W. Kernen im Osnabrücker Rathaus war ausgesprochen gut besucht und beeindruckte tief.

„Homers „Odyssee“, Aischylos „Orestie“, Sophokles’ „König Ödipus“, ja sicher, aber wer hat sich mit dem Gilgamesch-Epos je näher befasst? Dabei gilt es als „das älteste literarische Großdenkmal, das wir kennen“, sagt der Kulturjournalist und Buchautor Hanjo Kesting im Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses. Auch wenn es streng genommen nicht europäischen Ursprungs ist, sondern orientalischen. Dabei soll es doch in Kestings 27-teiliger Reihe um „ Grundschriften europäischer Kultur “ gehen, so auch der Titel seiner 2012 veröffentlichten drei Bände. Doch selbst Homer, der Verfasser der „Ilias“ habe das Gilgamesch-Epos gekannt und der sogenannte „griechische Geist“ sei möglicherweise ohne die Kultur des Alten Orients gar nicht denkbar. Damit ist der frühere Leiter der Hauptredaktion „Kulturelles Wort“ beim NDR mitten drin in den spannenden Verflechtungen seiner ausgewählten Grundschriften, in dem, was oft über Jahrtausende im kulturellen Gedächtnis gespeichert war und bleiben sollte, wollen wir nicht der Selbstvergessenheit verfallen.

Kulturelle Selbstvergewisserung

„Erfahren, woher wir kommen“ heißt denn auch die neue Lesereihe und will in Lesungen prominenter Schauspieler und Sprecher sowie Kommentaren unserer „kulturellen Selbstvergewisserung“ auf die Sprünge helfen, so Kestings engagierter Impetus. Was das Osnabrücker Publikum beim Auftakt gern annahm und nahezu den Friedenssaal überfüllte. Diesen starken Zuspruch kennt Kesting bereits aus Hamburg, wo die Reihe von der Zeit-Stiftung konzipiert und bald erfolgreich nach Hannover, Lübeck und Bremen exportiert wurde. Dort begeisterte sich auch der Osnabrücker emeritierte Biologe Prof. Karlheinz Altendorf dafür und fand bald in der bei der Finanzierung helfenden Bohnenkamp-Stiftung, dem Literaturbüro Westniedersachsen und der Stadt Osnabrück Befürworter.

Kultivierte Sprechweise

Über 200 Jahre lang war das Gilgamesch-Epos vergessen, bevor es im 19. Jahrhundert in Keilschrift auf Tontafeln wiederentdeckt wurde. Der Dichter Rainer Maria Rilke nannte es 1916 tief beeindruckt „das Epos der Todesfurcht“. Tatsächlich berührt die Lebensgeschichte des sumerischen Königs Gilgamesch aus der Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus. Vor allem, wenn man die Auszüge so lebendig und in kultivierter Sprechweise hört wie vom Schauspieler Siegried W. Kernen.

Freundschaft mit Enkidu

Gilgamesch, zu zwei Dritteln Gott und einem Drittel Mensch, regierte in Uruk, der Hauptstadt des sumerischen Reichs, als Tyrann und Willkürherrscher, vor dessen Gier kein junger Mann, kein junges Mädchen sicher war. Bis er eine tiefe, möglicherweise auch homoerotische, Freundschaft mit dem aus Lehm geformten Hirten Enkidu schloss. Als der nach dem Rachegelüst der von Gilgamesch abgewiesenen Liebesgöttin Ishtar starb, begann Gilgameschs Trauer, Angst vor dem Sterben und verzweifelte Suche nach der Unsterblichkeit. Ein Läuterungsweg letztlich, der in vielen Aspekten an die griechische Mythologie, die Paradieses- oder Sinflutgeschichte der Bibel, aber auch an das Nibellungenlied erinnert.

Zuhören ist ein Genuss

Hanjo Kesting zuzuhören, ist ein Genuss. Er spricht mit angenehm weicher Stimme schlackenfreie Sätze mit klarem, hochinformativem Inhalt. Natürlich weiß er, dass weniger Lehrbuchgeschichte als Geschichten sich am leichtesten einprägen, das zeigt auch die uralte Tradition mündlicher Überlieferung, von der literarische Texte leben. Deshalb geht das Konzept, zwischen Kommentar und Lesung zu wechseln, auch so glänzend auf, liefert Nahrung für Gefühl und Verstand. Die zarte Dämmerstimmung im Friedenssaal mit ihrem Kerzenkronleuchter schuf auf ihre Weise eine intime Atmosphäre. Das alles weckt Vorfreude auf die nächsten Folgen.


Die nächsten Folgen: Montag, 28. Mai um 19.30 Uhr, Aischylos „Die Orestie“ mit Monique Schwitter (Lesung) und Hanjo Kesting (Kommentierung). Montag, 25. Juni um 19.30 Uhr Tacitus „Germania“ dann mit Frank Arnold für die Lesung. Der Eintritt zur Lesereihe „Erfahren, woher wir kommen: Grundschriften der europäischen Kultur“ kostet 10 Euro, ermäßigt 7 Euro, an der Abendkasse im Rathaus oder im Vorverkauf bei der Tourist-Information, Bierstraße 22-23, Telefon 0541 323-2202, E-Mail: tourist-information@osnabrueck.de. Weitere Infos unter www.osnabrueck.de

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN