Auswirkungen in die reale Welt „Das Kongo Tribunal“ von Milo Rau beim EMAF

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Osnabrück. Der Schweizer Regisseur und Theaterautor Milo Rau hat mit seinem transmedialen Werk „Das Kongo Tribunal“ ein fiktives Tribunal zum Völkermord im Ostkongo geschaffen. In der EMAF-Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück steht es sinnbildlich zum Thema „Report - Notizen aus der Wirklichkeit“.

Die Demokratische Republik Kongo ist ein extrem rohstoffreiches Land. Bergbauprodukte wie Diamanten, Gold und das für die Produktion von nahezu allen Elektrogeräten wichtige Tantalerz Coltan sind wichtige Devisenbringer des Landes und könnten der Bevölkerung ein Leben in Wohlstand und Frieden bescheren.

Könnten. In Wirklichkeit herrscht gerade in den rohstoffreichen Regionen des Ostkongos die Hölle auf Erden. Seit rund zwanzig Jahren werden dort Menschenrechte mit Füßen getreten, ganze Bevölkerungsgruppen entrechtet und vertrieben, werden Menschen wie Sklaven ausgebeutet. Vergewaltigungen und Völkermord sind traurige Normalität in diesem Bürgerkrieg, der nach unterschiedlichen Schätzungen bislang zwischen fünf und zehn Millionen Tote gefordert hat. Genaue Zahlen gibt es nicht.

Aber kein Kriegsverbrechertribunal hat sich bislang mit dem Massenmord im Ostkongo beschäftigt. Die Welt schaut weg und schweigt. Nicht so der Schweizer Regisseur und Theaterautor Milo Rau. Ihm ist das schier Unmögliche gelungen – ein fiktives Theaterprojekt zur Aufarbeitung der Massenmorde in der Region, bei dem hochrangige Vertreter aller beteiligten Fraktionen vom Minister bis zum Milizenführer zusammenkamen. „Ein Tribunal macht ja nur Sinn, wenn alle Perspektiven zur Sprache kommen“, so Rau im Gespräch mit unserer Redaktion.

„Das Kongo Tribunal“ arbeitete zunächst auf der Theaterbühne auf, wozu die Politik nicht in der Lage oder Willens ist. Mittlerweile ist daraus ein transmediales Projekt mit einem Dokumentarfilm, einem Onlinespiel, mehreren Publikationen, einem umfangreichen Online-Archiv und mehr geworden. Die EMAF-Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück zeigt „Das Kongo Tribunal Transmedia“ nun als mediale Installation, die die gesamte Bandbreite dokumentiert. Inzwischen habe das fiktionale Projekt sogar „bereits Auswirkungen in die reale Welt gehabt“, betont Rau. Per Crowdfunding werde Geld gesammelt, um „das Tribunal mithilfe der kongolesischen Zivilgesellschaft auf Dauer zu stellen“.

Ob dieses Projekt tatsächlich das „größenwahnsinnigste Kunstprojekt unserer Zeit“ ist, als das es der französische Sender Radio France Internationale bezeichnet, mag dahingestellt bleiben. Aber es passt wie kaum ein anderes zum diesjährigen Festival-Thema „Report – Notizen aus der Wirklichkeit“. Und das sogar mit einer utopischen Hoffnung. Wo die Wirklichkeit der Politik versagt, kann die Kunst vielleicht doch noch helfen?


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