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Förderprogramm für Alleinerziehende Baby und Bachelor? Wie eine Osnabrücker Studentin das packt

Von Anne Spielmeyer


Osnabrück. Dass das Geld im Studium knapp wird, kennen viele Studenten. Wenn es für sie allein reichen muss, machbar. Aber für zwei? Die Osnabrücker Studentin Diana Fuchs* wird vor ihrem Abschluss schwanger und schafft ihn als Alleinerziehende trotzdem – dank „Madame Courage“.

Manche Studenten können jammern. Über Ausarbeitungen, für die sie sechs Wochen Zeit haben, über Müdigkeit nach durchzechten Nächten, über Seminare an Freitagen. Im Sommer 2015 hat Diana andere Sorgen: Die Studentin der Hochschule Osnabrück bemerkt, dass sie schwanger ist. Fünf Module, ein Projekt, die Bachelorarbeit und ein Kolloquium trennen sie zu diesem Zeitpunkt vom Abschluss in „Internationale Betriebswirtschaft und Management“. Noch einige Studienaufgaben – und ein Baby. „So hatte ich mir meine Zukunft nicht vorgestellt“, sagt sie. Bedeutet der Schritt in den Kreißsaal das Aus für den Hörsaal? Auf ihre unbeschwerte Unabhängigkeit drückt plötzlich eine übergroße Verantwortung. 

Existenzangst wächst mit dem Embryo

Der Vater des Kindes ist nicht ihr Partner und wird es auch nicht werden. Ihre Familie wohnt über 100 Kilometer entfernt, die Aussicht auf Bafög ist nach einem Studienfachwechsel gestorben. Was nun? „Weitermachen natürlich“, ermutigen Freunde und Familie sie. Leichter gesagt als getan, wenn man selbst immer schwerer wird. „Es ist nie mein Lebensplan gewesen, ins Jobcenter zu gehen“, formuliert die heute 26-Jährige eine existenzielle Angst, die sie zu Beginn der Schwangerschaft anfliegt und mit dem Embryo wächst. Sie nimmt für ein Semester einen Studienkredit auf. Aber wie soll es finanziell weitergehen?

Förderprogramm für Alleinerziehende

Eine klassische Konfliktsituation, auf die das Förderprogramm „Madame Courage“ abhebt, das vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Osnabrück getragen und von Hochschule und Universität unterstützt wird. Es fördert Alleinerziehende am Ende des Studiums für maximal zwei Semester – ausgerichtet am Bafög-Satz. Diana bekommt im ersten Semester, in dem sie auch Elterngeld bezieht, 430 Euro, im Semester darauf 730 Euro. Dianas Mutter und eine Freundin kommen je einen Tag pro Woche nach Osnabrück, um sie zu entlasten. Wirtschaftsmathematik löst so das Windelnwechseln auf ihrem Stundenplan ab. „Ich weiß nicht, was ich ohne diese Hilfe getan hätte“, sagt Diana. Ihre Perspektive hängt am sozialen Netz und an knapp 1200 Euro.

Plötzlich in der Armutsspirale

Madame Courage will mehr geben als Moneten auf Zeit: „Alleinerziehende sollen die Chance bekommen, langfristig auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen“, erklärt Maria Lückmann vom SkF. „Und zwar mit einem Abschluss, der eine angemessene Bezahlung möglich macht.“ Häufig sind sie es, die in die Armutsspirale geraten und nur schwer wieder herauskommen. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung geht davon aus, dass allein 68 Prozent der Alleinerziehenden 2015 armutsgefährdet waren. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) spricht von immerhin 46 Prozent. Beide Studien unterscheiden sich im Detail, der Trend aber ist eindeutig: Allein erziehen macht oft arm.

Keine Förderung am Fließband

Und dieser Trend ist nicht neu. Bereits 2009 ging Madame Courage in Osnabrück an den Start. Seitdem wurden 19 Frauen und 24 Kinder mit insgesamt 74.120 Euro unterstützt. „Wir können nur in begrenztem Umfang fördern“, sagt SkF-Geschäftsführerin Birgit Ottens, die auf neue Geldgeber hofft, um allen Anträgen nachgehen zu können. Die Förderungen fußen alle auf einer individuellen Lebens- und Studiengeschichte, die geprüft werden muss: Wie weit ist der Antragsteller im Studium? Wie realistisch ist der Abschluss? Welche Prüfungen müssen noch absolviert werden? Fragen, die mindestens so kompliziert werden können wie die Prüfungsordnungen der Studiengänge selbst. Familien-Service der Hochschule, Uni und SkF arbeiten dabei eng zusammen und spielen ein Förder-Tetris, das sich lohnen kann. (Weiterlesen: Studieren mit Kind in Osnabrück – Was gibt es für Hilfen?)

Was sagt man dem Arbeitgeber?

Diana sammelt nicht nur alle Credit Points und den Bachelor-Abschluss ein, sondern findet im Anschluss auch einen Job. 30 Stunden pro Woche arbeitet sie inzwischen in einer Osnabrücker Werbeagentur und kümmert sich dort um das, was sie in Seminaren und rund um den Laufstall gelernt hat: Management. „Wer ein Kind hat, muss organisieren können“, sagt sie, die jetzt nachmittags Zeit mit ihrer Tochter verbringen kann. Ihr gelingt der Spagat zwischen Tastatur und Tigerpuzzle. „Oft sind es die Realitäten des Alltags, die das Arbeiten erschweren“, sagt SkF-Beraterin Lückmann und denkt an Niedriglohnsektor und Schichtarbeit. „Wie soll man alleinerziehend eine Nachtschicht leisten?“

Nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen

Bei Bewerbungen stehen Alleinerziehende vor der Frage, ob sie ihr Kind im Lebenslauf nennen oder nicht. Rechtlich ist das ein Kann, kein Muss. In der Praxis sind sie allerdings oft auf das Entgegenkommen des Arbeitgebers angewiesen. „Wir geben den Bewerberinnen keine Empfehlung, das ist sehr individuell“, sagt Jessica Thye vom Familien-Service der Hochschule Osnabrück. Diana führt ihre Tochter auf. Nicht überall zieht diese Entscheidung Einladungen nach sich: „Bei einem Unternehmen habe ich mich mit den gleichen Noten beworben wie eine Kommilitonin aus meinem Studiengang. Sie wurde eingeladen, ich nicht“, erzählt Diana. Ihre Vermutung: „Wird am Kind gelegen haben.“ Arbeitgeber müssen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz berücksichtigen, der Familienstand ist dort jedoch nicht explizit aufgeführt. „Ich bin froh, einen familienfreundlichen Arbeitgeber gefunden zu haben“,sagt Diana. Nie würde sie die Tochter aus dem Lebenslauf streichen. Für keinen Job der Welt.

„Ich weiß nicht, was ich ohne diese Hilfe getan hätte“

*Name von der Redaktion geändert


Weitere Informationen für Studenten wie Spender gibt es zum Madame Courage Förderprogramm unter Tel. 0541/3387610.