Premiere im Theater Osnabrück Pinters „Geburtstagsfeier“ fehlt es an Drive

Von Christine Adam

Der tranige Stanley ahnt Schlimmes: Julius Janosch Schulte als Stanley (vorn) und hinten Mick Riesbeck und Jan Andreesen als McCann und Goldberg. Foto: Marek KruszewskiDer tranige Stanley ahnt Schlimmes: Julius Janosch Schulte als Stanley (vorn) und hinten Mick Riesbeck und Jan Andreesen als McCann und Goldberg. Foto: Marek Kruszewski

Osnabrück. Der allenfalls höfliche Applaus nach der Premiere im Osnabrücker Theater am Domhof ließ erkennen: Dominique Schnizers Inszenierung von Harold Pinters „Die Geburtstagsfeier“ fehlt es an Drive und Transparenz.

Hier ein einsamer, alter Kühlschrank, dort eine Sitzgruppe aus abgeschabtem Mobiliar, dazwischen gähnend leere, verwahrloste Flächen: Kristin Treunert s Bühne veranschaulicht vielsagend, was Harold Pinter mit seinem Stück „Die Geburtstagsfeier“ ausleuchtet. Es sind die instabilen Beziehungen zwischen den Figuren. Ein einmal angestimmtes Gefühlstimbre kann jederzeit ins Gegenteil umschlagen. Unberechenbare Spannung hängt in der heruntergekommenen Pension, zu der sich schon lange kein Gast mehr verirrt hat – außer Stanley.

Mit dem älteren Ehepaar Meg und Petey beginnen die Ambivalenzen. Cornelia Kempers tappt als Meg betulich um ihren zeitungslesenden Mann herum, fragt fast weinerlich bemüht, aber unaufmerksam nach seinem Wohlergehen. Sie provoziert geradezu die genervte Zurückweisung, die sich der gutmütige Petey Johannes Busslers gerade noch verkneift. Dann ruft Meg herrisch nach oben, in den ersten Stock, um den Dauergast Stanley zum Frühstück zu bewegen. Um im nächsten Moment kichernd wie ein verliebter Backfisch die Schlafmütze anzugrapschen – Cornelia Kempers zeigt, wie vielschichtig sie auf der Bühne agieren kann.

Längen und Langeweile

Das gilt auch für die anderen Schauspieler in Dominique Schnizer s Inszenierung. Von psychologisch feinem und genauem Kammerspiel der Figuren versteht der Leitende Schauspielregisseur eine Menge. Aber bei den Ökonomien für einen längeren Schauspielabend hapert es – nicht zum ersten Mal. Längen und Langeweile schleichen sich ein auf der Strecke von fast zweieinhalb Stunden. Mag sein, dass der krankheitsbedingte kurzfristige Stückwechsel von O‘Neill zu Pinter dem Team nicht genügend Spielraum gelassen hat, aber das interessiert das Premierenpublikum wenig. Nach der Pause sind die Zuschauerreihen hier und da gelichtet.

Traniges Klappergestell

Sicher ist es nicht leicht, die diffuse Atmosphäre aus vielerlei Ängsten und Bedrohungen so zu gestalten, dass der Abend jederzeit spannend bleibt. Vor allem, wenn man wie Schnizer sehr nah an Pinters Text inszeniert. Schauspieler, die darin Meister sind wie etwa in Quentin Tarantino s Gangsterparodien, mit denen sich der Filmregisseur auch auf Pinter bezieht, fallen nicht vom Himmel auf die Stadttheaterbühne. Doch Julius Janosch Schulte macht in Osnabrück seine Sache ziemlich gut. Er schlurft als antriebsloser Stanley durch die Szene, die schlappen Langhaare, die schlotternde Altherrenhose wirken, als würden sie nicht zu ihm gehören. Seine manchmal nur maulfaule, dann verächtliche und bald offen aufsässige Art macht klar: Hier hat sich einer eingenistet, der Dunkles mit sich herumschleppt und das Tageslicht scheut.

Als sich dann die unheimlichen Herren Goldberg und McCann in der Pension einquartieren, regiert die Angst, die Schwester der Aggression, das tranige Klappergestell. Schultes Stanley lauert und wittert, weicht aus, stottert und schlottert. Bis ihm das letzte Restchen Widerstandwillen in einer langen Partynacht gebrochen wird und er als bleicher, gestriegelter Musterschüler auf dem Sofa hockt.

Mysteriöses Gangsterduo

Das mysteriöse Gangsterduo geht arbeitsteilig vor. Jan Andreesen (als Gast) gibt mit Goldberg den so charismatischen wie manipulativen Tonangeber, der die Puppen tanzen lässt und sich an der koketten Lulu Maria Goldmann s vergreift. McCann wiederum muss wider Willen den Mann fürs Grobe geben. Der junge Schauspielschulabsolvent Mick Riesbeck, auch er als Gast, macht das großartig, wie er zwischen Missbilligung seines Chefs und hartem Durchgreifen an Stanley hin und her schwankt. Um den Sprung von Pinter in die Gegenwart zu schaffen, in die aktuelle Ambivalenz von Bunkermentalität und blank liegenden Nerven, hätte die Inszenierung allerdings mehr unter die Haut gehen müssen.


Weitere Aufführungen: 14. April, 5. und 6. Juni. Kartentel. 0541-7600076.