Eröffnungskonzert im Schloss Classic con brio 2018: Weltspitze zum Start - und Mittelmaß

Von Ralf Döring (dö)

Wouter Vossen, Violine, und Bart van de Roer, Klavier, eröffnen in diesem Jahr in der Aula des Osnabrücker Schlosses das Festival Classic con brio. Foto: David EbenerWouter Vossen, Violine, und Bart van de Roer, Klavier, eröffnen in diesem Jahr in der Aula des Osnabrücker Schlosses das Festival Classic con brio. Foto: David Ebener

Osnabrück.. Zur Eröffnung von Classic con brio 2018 interpretiert der belgische Cellist David Cohen die Cello-Sonate von Zoltán Kodály auf Spitzenniveau. Der Rest des sehr langen Abends kann da nicht mithalten.

David Cohen ist eine Stütze des Osnabrücker Kammermusikfestivals Classic con brio. Ein Charmeur, der die Menschen für sich einnimmt, sei es das Nachwuchsorchester der Musikschule Remele, seien es die Profis, die mit ihm als Kammermusikpartner spielen. Vor allem aber zählt er zu den großen Musikern des Klassikbetriebs, auch wenn ihn die großen Player und Labels weitgehend ignorieren - oder gerade deswegen? Womöglich hängt Cohen ja viel zu sehr an seiner künstlerischen Freiheit, um sich den Regeln und Forderungen des Mainstream-Betriebs zu unterwerfen.

Dem Osnabrücker Publikum beschert er in diesem Jahr gleich zur Eröffnung von Classic con brio eine halbe Stunde auf Weltniveau. Cohen stellt sich mit einem Werk vor, das dem regulären Musikbetrieb zu sperrig und vielen Cellisten womöglich zu aufwendig fürs Konzert ist: die Sonate für Violoncello  h-Moll op. 8. Eine halbe Stunde für einen einsamen Cellisten, hochkomplex, verstörend, aufrüttelnd. Mit energischen Akkorden und wie improvisiert hingeworfenen Läufen stürzt sich Cohen in dieses musikalische Wildwasser. Darauf folgt ein Survivaltrip durch intensive, von der ungarisch-rumänischen Folklore inspirierte Gesänge, durch Passagen voller Seufzer und Schluchzer, Bauerntänze klingen an, Akkorden blitzen grell auf, einsame Melodien sind dem Himmel näher als der Erde. Cohen hat sich tief in diese komplexe Welt hineinbegeben und erschließt sie dem Publikum in der Schlossaule mit überwältigender musikalischer Erzählkunst. Souverän nimmt er Kodálys Herausforderungen an, seien es Doppelgriffe, Seufzer unter lang gehaltenen Tönen, Akzente, die er mit der linken Hand zupft, während er mit dem sauber geführten Bogen die Melodie weiterspinnt. Sein Ton ist überwältigend intensiv und groß, die Intensität seines Spiels umwerfend: Ja, das ist Kammermusik auf Weltniveau, für die dem Festival Classic con brio höchster Dank gebührt.

Nun bewegt sich nicht alles auf diesem Niveau. Wouter Vossen, Violine, und Bart van de Roer, Klavier, eröffnen den Abend mit der Violinsonate d-Moll op. 108 von Johannes Brahms: Vossen besticht durch seinen fülligen Ton und van de Roer mit der Präzision seines Klavierspiels. Auch die Kommunikation zwischen beiden funktioniert tadellos, aber vielleicht liegt es genau daran, dass sie ihren Brahms etwas routiniert abspulen, ohne das letzte Quäntchen Ausdruck, das aus einer guten eine unvergessliche Interpretation macht. 

Nicht ganz zu Ende gedacht und geprobt scheint auch das Klavierquintett Nr. 1 c-Moll von Ernst von Dohnányi zu sein. Das Werk des 17-Jährigen sprüht vor überschäumender Energie und Ausdruckswillen und zeigt den talentierten, aber keineswegs früh vollendeten Komponisten. Umso intensiver hätten sich die fünf Brio-Musiker mit dem Werk auseinander setzen müssen, etwa um ein stimmige Klangbalance zu gewährleisten: Bart van de Roer ist mit seinem Klavierpart durchwegs eine Spur zu präsent. Vossen an der ersten Violine und Vladimir Mendelssohn parieren das mit ihrem sonorem Ton, aber Claude Frochaux am Cello und vor allem der neue Brio-Gast Vanessa Szigeti an der zweiten Violine haben ihre liebe Not, sich im quasi-orchestralen Klangrausch zu behaupten. So mitreißend die Darbietung war - das volle Potenzial hat das Quintett nicht ausgeschöpft.

Nun führt Classic con brio in diesem Jahr "Entlang der Donau". Das verspricht ein lange Reise, und auf der gibt es nicht nur die großen Zwischenstationen mit üppigem Abendessen und Hotel, sondern auch Kaffeepausen. So muss man wohl die Dvorák-Bearbeitungen von Fritz Kreisler und ein Duo für Violine und Viola von Joseph Haydn verstehen. Nur: Weder das eine, noch das andere kann so richtig überzeugen - die beiden Programmpunkte wären durchaus entbehrlich gewesen. Das hätte dem Abend auch im Hinblick auf seine zeitliche Ausdehnung gut getan.