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Zwischen Literatur und Party Zweiter Tag des Popsalon in Osnabrück

Von Katharina Leuck, Tom Bullmann und Matthias Liedtke


Osnabrück. Der zweite Tag des Popsalon hat am Freitagabend in Osnabrück mit einer bunten Mischung zwischen Literatur, Pop und Party das Wochenende eingeläutet. Trotz des schlechten Wetters pendeln die Besucher gut gelaunt zwischen Lagerhalle, Haus der Jugend, Stadtgalerie Café und Kleiner Freiheit hin und her – zu Fuß, per Rad oder Shuttlebus.

Der Abend in der Lagerhalle

„Ich bin heute zum ersten Mal in Osnabrück“, verrät Ryan O’Reilly zu Beginn seines Sets. Allein mit seiner markanten, leicht rauchigen Stimme, Mundharmonika und Akustikgitarre wickelt der gebürtige Ire sein Publikum im Haus der Jugend mühelos um den kleinen Finger. Verträumt lächelnd lauscht man hier seinen Songs, in denen der Wahlberliner mit viel Humor, Charme und Gefühl kleine Geschichten erzählt, mit denen sich anscheinend viele Zuhörer im Raum identifizieren können – inklusive des Gefühls, per Facebook herauszufinden, dass der oder die Ex neu vergeben ist. O’Reilly überzeugt beim Popsalon durch gewitztes Songwriting mit leichtem Country-Appeal, starke Melodien und charismatisch authentischer Bühnenpräsenz. Trotz oder Dank seines minimalen Setups gelingt es dem sympathischen Struwwelkopf, den großen Saal des Haus der Jugend für eine Stunde in ein großes Wohnzimmer zu verwandeln.

Kontrastreicher Singer-Songwriter-Pop

Parallel zu Ryan O’Reilly steht in der Lagerhalle Sam Vance-Law auf der Bühne, dessen Programm unterschiedlicher nicht sein könnte. Der aus ursprünglich aus Kanada stammende und ebenfalls in Berlin lebende Musiker wird an diesem Abend von seiner dreiköpfigen Band begleitet. Verpackt in poppig bunte Indie-Hüllen und filigran konstruierte Klangwelten präsentiert Vance-Law kontroverse Geschichten aus seinem Album „Homotopia“. Dort beschreibt er provokativ und gleichzeitig humorvoll Anekdoten und Alltagsprobleme eines homosexuellen Mannes. Trotz kleinerer Pannen beweist der Singer-Songwriter große Virtuosität an Piano und Violine sowie mit seiner ebenfalls vielseitig starken Stimme, die seinem Set hin und wieder einen leichten Hauch von Musical verleiht.

Der Abend in der Kleinen Freiheit

Beats und deutsche Texte dominierten den zweiten Popsalon-Abend am großen Freitag in der Kleinen Freiheit. Das war es aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten zwischen dem steirischen Elektropop-Duo Yukno und dem fränkischen Hip-Hopper Johnny Rakete. Der startete kurz nach Mitternacht durch mit biografisch geprägten Punchlines, unterlegt mit dumpf scheppernden Neunzigerjahre-Retro-Beats und Scratching an den Turntables.

Nur bedingt sprang der Funke ins junge Publikum über, als der nachdenkliche Deutschrapper selbstreflexiv darüber sinnierte, was er erreicht hat und was nicht. Mit Zeilen wie „Es ist alles so wie immer, nur ein bisschen schlimmer“ oder „Manchmal ist das Leben gut, manchmal schlecht, manchmal haben andere recht“, verbreitete er nicht gerade gute Laune – lieferte dafür aber ein starkes Statement gegen die branchenübliche Prahlerei.

Galoppierende Rhythmen

Ordentlich gefüllt war die Freiheit bereits, als zuvor die Yukno-Brüder ein Feuerwerk des elektrobasierten Indie-Pop zündeten. So einsilbig ihre Songtitel, so nebulös blieben Textzeilen wie: „Einen Blowjob für den Biedermeier“. Umso klarer erzeugte das von einem Schlagzeuger unterstützte Duo mit treibenden Synths und pulsierenden E-Bass-Linien einen hypnotischen Pop-Sound, der niemanden stillstehen ließ. Mit flirrendem Intro und hämmernden Beats ging es auf „Distanz“, kam auf den „Hund“ oder ließ im entspannt, aber bestimmt galoppierenden Mid-Tempo-Rhythmus die „Sonne“ aufgehen. Der aktuelle Single-Refrain „Wir scheitern aus Prinzip – schön, dass es uns gibt“ hatte sich da längst nur halb bestätigt.

Der Abend im Haus der Jugend

Das war eine Entdeckung, die dem Popsalon gut zu Gesicht stand: J. Bernardt, ein Trio aus Belgien. Dahinter steckt Jinte Deprez, einer der Sänger der Band Balthazar. Er hat das Sideprojekt gegründet, das jetzt in der Lagerhalle bei vielen Zuhörern für Verzückung sorgte. Da tigerte Deprez mit seinen Drumsticks über die Bühne, um mit einem Elektronikpad Sounds anzutriggern, die von einem Schlagzeuger befeuert und von einem Keyboarder angereichert wurden. Huhu-Gesänge gleiteten in gospelige Chöre, derweil Deprez die durchaus poppigen Songlinien mit intensiver Stimme vortrug. Mal sorgte eine Kuhglocke für beinahe tanzbare Momente, dann griff Deprez für ein paar markante Töne zur Gitarre oder wechselte mit seinem Keyboarder die Plätze, der daraufhin ein Solo hinlegte, das von dem altmodischen Pitchbending, dem jammernden Beugen der Tonhöhe, geprägt war. So verpasste er einer alten Stilistik einen modernen Impuls. „Running Days“ heißt J. Bernardts fantastisches Debütalbum, das die Band live vorstellte: Moderne Musik, überzeugend in der Darbietung.

Lesung im StadtGalerieCafé

Gestartet worden war die zweite Popsalon-Nacht am frühen Abend von Thorsten Nagelschmidt, dem Ex-Sänger der Band Muff Potter. Er las im ausverkauften StadtGalerieCafé aus seinem vierten Buch „Der Abfall der Herzen“ vor. Die heitere Lesung gipfelte in einer Passage, die „Nagel“ zusammen mit drei Mitgliedern der Band Höchste Eisenbahn vortrug. Mit verteilten Rollen entspannte sich ein Dialog zwischen dem Autoren und seiner Therapeutin, außerdem bekam man die zwiespältigen Gedanken und Kommentare zu hören, die „Nagel“ während der Sitzung durch den Kopf schwirrten. Äußerst unterhaltsam.

Die Gäste hatte Nagelschmidt eingeladen, weil man sich kennt und weil die Eisenbahner anschließend „nebenan“, also im Haus der Jugend, auftreten sollten. Offenbar hat die Band sich durch diverse Auftritte in Osnabrück eine so große Fangemeinde erspielt, dass das HdJ jetzt aus allen Nähten platzte. Schrammelrock und „Gymnasiasten-Rap“ präsentierten die sympathischen Berliner, die ihre Lieder mit allerlei Geschichten verzierten. Unter anderem erzählten sie von der ersten Lesung, die sie in ihrem Leben absolviert hätten…