Trotz technischer Lösungen Unfälle mit Lkw auf Stauenden häufen sich in unserer Region

Von Markus Pöhlking

In Deutschland wie auch in der Region Osnabrück häufen sich Unfälle, bei denen Lkw auf Stauenden auffahren. Unser Archivfoto zeigt ein entsprechendes Unfallszenario auf der A6 bei Mannheim im Jahr 2016. Archivfoto: Rene Priebe/dpaIn Deutschland wie auch in der Region Osnabrück häufen sich Unfälle, bei denen Lkw auf Stauenden auffahren. Unser Archivfoto zeigt ein entsprechendes Unfallszenario auf der A6 bei Mannheim im Jahr 2016. Archivfoto: Rene Priebe/dpa

Osnabrück. In der Region ereignen sich immer mehr Unfälle, bei denen Lkw auf Stauenden auffahren. Die Entwicklung spiegelt einen bundesweiten Trend wider und verweist auf strukturelle Probleme: Der Arbeitsplatz des Kraftfahrers sei aus der Zeit gefallen und von unzumutbaren Bedingungen flankiert, heißt es in der Debatte.

Die absoluten Zahlen lesen sich wenig dramatisch: Seit 2012 ist die Zahl von Unfällen, bei denen Lkw auf Stauenden auffahren, im Einzugsbereich der Polizeidirektion Osnabrück von drei auf elf gestiegen. Relativ freilich ist das ein deutlicher Anstieg, der sich über die Jahre kontinuierlich vollzieht. Verletzt wurden seit 2012 insgesamt zwölf Personen, getötet wurden vier. Auch diese Zahlen sind seit 2012 insgesamt gestiegen, in der Verteilung allerdings nicht analog zu den Unfallzahlen. Auf dem nordrhein-westfälischen Abschnitt der A30, der in der Zuständigkeit der Autobahnpolizei Münster liegt, ist die Zahl im gleichen Zeitraum von zwei auf sieben gestiegen.

„Stupide und ermüdende Tätigkeit

Die von der Polizeidirektion Osnabrück ermittelten Zahlen spiegeln einen bundesweiten Trend wider, über den zuletzt etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet hatte. Sie schrieb im März 2018, dass in mehreren Bundesländern ein Anstieg von Unfällen dieser Art zu verzeichnen sei. Darüber zeigt sich Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) wenig verwundert. „Im Prinzip ist der Arbeitsplatz des Lkw-Fahrers aus der Zeit gefallen“, sagt Brockmann. Über Stunden bei gleichbleibendem Tempo geradeaus fahren, das sei „eigentlich eine stupide und ermüdende Tätigkeit.“ Dem Fahrer blieben da eigentlich nur zwei Möglichkeiten: „Entweder ermüdet er oder er lenkt sich irgendwie ab – beides geht zu Lasten der Konzentration“, beschreibt Brockmann. Und bedinge, dass der Fahrer nicht aufpasst. „Kracht ein Lkw in ein Stauende, ist nämlich immer genau das passiert.“

Technische Lösungen ausgebremst

Der Unfallexperte hält technische Lösungen für das geeignete Mittel, um das Problem einzudämmen. „Moderne Fahrassistenten könnten diese Art von Unfällen eigentlich längst verhindern, allerdings müssten Details zu ihrem Einsatz flächendeckend einheitlich geregelt werden.“ Tatsächlich ist die Installation von Systemen, die Fahrabstände regulieren und das Fahrzeug abbremsen können, bei neu zugelassenen Lkw in der EU seit 2015 Pflicht. Fahrzeuge mit älteren Zulassungen müssen nicht umgerüstet werden. Dort, wo Bremsassistenten installiert sind, lassen sie sich per Knopfdruck abschalten und oft sind sie das offenbar auch: abgeschaltet. Die Möglichkeit, Assistenzsysteme auszubremsen, ist durch die Wiener Übereinkunft von 1968 über den Straßenverkehr gedeckt. In einer überarbeiteten Version des Vertrages, der Grundlage internationaler Verkehrsstandards ist, wurde festgehalten, dass der Fahrer die entscheidende Instanz im Verkehr bleiben müsse. Brockmann stellt diese Konvention nicht grundsätzlich infrage, regt aber an: „Es gibt sicherlich Fälle, in denen eine Abschaltung begründbar ist. Nach einer gewissen Zeitspanne sollten sich diese Systeme allerdings von allein wieder aktivieren.“

Verschärfte Regelung

Ein weiterer Punkt, den Brockmann und andere vortragen: Moderne Bremssysteme könnten längst mehr als die gesetzliche Ausrüstungspflicht vorschreibt. Derzeit muss die Technik die Geschwindigkeit eines Lkw nur um zehn Stundenkilometer drosseln. Im Herbst 2018 wird die Regelung verschärft. Ab November verpflichtend zu installierende Assistenten sollen die Geschwindigkeit dann um 20 km/h reduzieren können. Bedenke man, dass die Neuregelung nur für Neuzulassungen gelte, sei dieser Standard dann wohl erst Mitte nächsten Jahrzehntes flächendeckend verbreitet, schätzt Brockmann, dabei gebe es schon heute Lösungen, die einen Lkw bei der Anfahrt auf ein Stauende praktisch von selbst zum Stillstand bringen könnten. „Unserer Einschätzung nach würde das Gros der in der EU ansässigen Unternehmen schärfere Vorschriften beim Einsatz von Assistenzsystemen durchaus begrüßen, würden diese allgemein verpflichtend sein und somit die Wettbewerbsgleichheit wahren.“ Da die auf europäischer Ebene angesiedelte Gesetzgebung aber eher aufwendig sei, halte sie mit der technischen Entwicklung kaum Schritt. (Weiterlesen: Als Radfahrer im Lkw durch Osnabrück)

Autobahnen ein „prekäres Umfeld“

Die Ansichten von Brockmann teilen durchaus auch Branchenverbände wie beispielsweise der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). In einem Positionspapier zu Fahrassistenzsystemen heißt es unter anderem, es sei nicht nachvollziehbar, warum obligatorische Sicherheitssysteme dauerhaft abgeschaltet werden könnten. Bei ihrer Abschaltung müsse „für eine automatisierte Eigenaktivierung der Systeme nach einer definierten Zeit Sorge getragen werden“, heißt es in einem Positionspapier des BGL.

Der Osnabrücker Spediteur Siegfried Serrahn ist Mitglied in dem Verband. Auch er unterstützt die Einführung technischer Hilfen, hält die Debatte darum aber nur für einen Aspekt, um den sich insgesamt ein viel größeres Problem ranke: Für Fahrer sei die Situation in und um Autobahnen insgesamt problematisch, sagt er. „Die Rastplätze sind überfüllt, der Zustand der sanitären Anlagen oft miserabel, sodass Fahrer kaum häufig nicht dazu kommen, ihre Ruhezeiten vernünftig nehmen zu können.“ Die Autobahnen in Deutschland und die daran angesiedelte Infrastrukur für Fernfahrer sei vom heutigen Lkw-Aufkommen schlicht überlastet. „Assistenzsysteme können sicher helfen, das Unfallrisiko zu reduzieren. Allerdings sind unsere Fahrer generell in einem prekären Umfeld unterwegs, das Konzentration und Aufmerksamkeit alles andere als zuträglich ist.“