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12.04.2018, 15:30 Uhr zuletzt aktualisiert vor KOLUMNE

Seit drei Wochen: Plastiktüte im Baum beeindruckt Osnabrücker

Von Benjamin Kraus



Osnabrück. Es ist ein skurriles Bild: Schon seit drei Wochen hängt direkt über der Fahrbahn der Osnabrücker Kiwittstraße im Stadtteil Wüste eine Plastiktüte, die sich in den Ästen eines Baumes verfangen hat. Sie produziert wilde Philosophien über ihre Herkunft sowie ihren weiteren Lebensweg und animiert Anwohner gleichermaßen zum Spott und zum Innehalten.

Plastikmüll, der positive Schlagzeilen produziert: Das ist selten in diesen Zeiten, in denen der Mensch es geschafft hat, im Pazifischen Ozean einen Plastikmüllstrudel zu hinterlassen, der viermal so groß ist wie Deutschland. Die Ästhetik des Verpackungs- und Transportmaterials lässt sich aber aktuell in der Kiwittstraße bewundern. Man könnte fast von Anmut sprechen, wenn man betrachtet, wie die Plastiktüte, die an einem Ast hängt, sanft im Wind hin und her schaukelt, sich je nach Windrichtung aufplustert, schlaff herabhängt oder einfach die Sonnenstrahlen in die Augen des Betrachters reflektiert.

„Wo geht sie hin? Wo kommt sie her? Wo ist der Sinn? Ist da noch mehr?“ Etwa in diesen Worten reimte einst schon die Hip-Hop-Gruppe „Die Fantastischen Vier“ aus Stuttgart im Lied „Geboren“ – zwar eher mit Blick auf den Menschen als auf die Plastiktüten. Doch auch diese hat in den letzten Wochen sengender Sonne und windigem Wetter getrotzt – und behauptet weiter hoch oben im Baum, etwa dreieinhalb Meter über dem Boden, ihre exponierte Stellung über den Köpfen der Leute.

„Ich habe ein Rascheln über mir gehört und erst gedacht, das ist wieder so eine Drecks-Taube, die mir aufs frisch polierte Auto kackt oder auf den Kopf. Dann aber habe ich die Plastiktüte gesehen – und war sofort beschwingt von ihrer Pracht“, sagte Anwohner Kunobert Schwarz (Name von der Redaktion verfremdet). Ihn beeindruckt besonders die ausdauernd-rebellische Art, die die Plastiktüte ausstrahlt: Wie sie sich entgegen aller Elemente, die an ihr herumzerren, weiter an den Baum krallt. Schon überlegt der jung gebliebene Unternehmer, ob sich daraus eine Geschäftsidee entwickeln lässt. „Diese Plastiktüte ist eine Inspiration“, sagt er.

Einfach Tribünen aufstellen und Eintritt fürs Angucken der Plastiktüte verlangen, dürfte allerdings schwierig werden auf einer öffentlichen Straße – zumal die ständige Gefahr droht, dass dem Tüten-Spuk ein Ende gemacht wird. Weniger durch das Ordnungsamt wegen potenzieller Tribünen. Sondern eher durch den Osnabrücker Servicebetrieb, der – in diesen Wochen der sprießenden Blüten – Pflanzen und Bäumen vermehrt auf den Leib rückt. Zudem kann natürlich ein heftiger Windstoß die Symbiose aus Ast und Plastik jederzeit beenden. Die Existenz der Plastiktüte am Himmel hängt also nicht nur sprichwörtlich am seidenen Faden.


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