Runder Tisch in Osnabrück Was Frauen in Kirche, Moschee oder Synagoge zu sagen haben

Von Wilfried Hinrichs

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Osnabrück. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Frauen auch? Wie halten es die Religionen in Osnabrück ganz konkret mit der Gleichberechtigung? Wie nehmen Frauen am Gemeindeleben teil? Darüber diskutierte der Runde Tisch der Religionen. Und natürlich kam auch das Kopftuch zur Sprache.

Der Runde Tisch der Religionen ist eine Osnabrücker Besonderheit. Der emeritierte Theologieprofessor Reinhold Mokrosch gab vor zehn Jahren den Anstoß zur Gründung dieses Gesprächskreises, in dem sich Vertreter der christlichen Kirchen, muslimischer Moscheenverbände, der jüdischen Gemeinschaft und der Bahai-Gemeinde austauschen. Traditionell ist der Runde Tisch eher männlich dominiert, das jüngste Treffen in der jüdischen Gemeinde aber hatte einen ungewöhnlich hohen Frauenanteil. Und diese Frauen, allesamt in ihren Religionsgemeinschaften ehrenamtlich stark engagiert, schilderten sehr unterschiedliche Erfahrungen – frustrierende, aber auch ermutigende.

Katholische Kirche

Christine Hölscher (51) etwa, pastorale Koordinatorin in der katholischen Pfarrei in Haste, beklagte, dass Frauen in der katholischen Kirche von den Weiheämtern und damit von den wichtigsten Entscheidungsprozessen ausgeschlossen sind. Diese Entscheidungen treffen nämlich die Männer im geistlichen Stande vom Priester bis zum Papst. „Ich empfinde das als eine strukturelle Kränkung.“ Nicht Begabung, Ausbildung oder Fähigkeiten zählten, sondern allein das Geschlecht. Einige Freundinnen hätten sich aus diesem Grunde von der Kirche entfernt, sagte Hölscher, „viele Menschen sind uns dadurch schon verloren gegangen.“

Evangelische Kirche

Rita Steinbreder, Referentin für Frauenarbeit im evangelischen Kirchenkreis, ergänzte, dass es keine theologische Begründung dafür gebe, das Priesteramt nur Männern zu übertragen. „Das hat sich kulturhistorisch so entwickelt.“ Der Protestantismus habe 1500 Jahre nach Christus den Frauen die gleichen pastoralen Rechte zugesprochen, „aber noch mal 500 Jahre gebraucht, um das umzusetzen“. Erst 1978 übernahmen die ersten Frauen Pastorenämter und weitere zehn Jahre dauerte es, bis mit Maria Jepsen in Hamburg erstmals eine Frau Bischöfin wurde. Dennoch stellte Superintendent Joachim Jeska fest: „Die evangelische Kirche ist bei der Gleichberechtigung am weitesten.“

Muslimische Gemeinden

Ähnlich weit, so scheint es, ist der muslimische Verband Ditib, auch wenn der Ruf ein ganz anderer ist. In der Verbandsarbeit seien Männer und Frauen „völlig gleichberechtigt“, sagte Sümeyra Kilic aus Melle – Studentin der islamischen Theologie, Vorsitzende des Ditib-Jugendverbandes Niedersachsen/Bremen und CDU-Kandidatin bei der Kommunalwahl in Melle. Auf allen Ditib-Ebenen gelte seit 2009: Ist ein Mann Vorsitzender, ist eine Frau Stellvertreterin. Und umgekehrt.

Allerdings: Ein Gebet kann eine Frau nicht leiten. Da unterscheidet sich der Islam nicht vom Katholizismus. Eine Frau dürfe theologische Vorträge halten, aber nicht Imam werden. Im Ditib-Jugendverband seien die Veranstaltungen in der Regel für Mädchen und Jungen. Eine Trennung finde nicht statt. Eine eigene Frauenarbeit werde zu Themen angeboten, „die Frauen lieber uns sich besprechen“, so Sümeyra Kilic. Sie betonte: „Wir sind Deutsche, wir leben in Deutschland und achten die deutschen Gesetze.“

Der Imam der Milli Görüs-Gemeinschaft, Mustafa Zito (dessen Redebeitrag übersetzt wurde), formulierte mit Bedacht eine Gegenposition . Vor Gott, so der Imam, zähle nur die Frömmigkeit, nicht das Geschlecht. Aber: Zito wies auf „die unterschiedlichen Begabungen“ von Frauen und Männern hin. Daher gebe es unterschiedliche Aufgaben in der Religion für Frauen und Männer. Frauen haben bei Milli Görüs eine eigene Organisation, eigene Veranstaltungen. Das gilt auch in der Jugendarbeit in Osnabrück, wo Mädchen und Jungen getrennt betreut werden.

Die Kopftuch-Frage

Reinhold Mokrosch, Sprecher des Runden Tisches, hakte nach: Wie halten es die muslimischen Gemeinschaften in Osnabrück mit dem Kopftuch? Sümeyra Kilic – die kein Kopftuch trägt – versicherte: „Das Kopftuch ist keine Voraussetzung für die Gemeindearbeit. Der Islam ist eine zutiefst friedliche Religion und verbietet jeden Zwang.“ Ihre beiden Schwestern und ihre Mutter trügen Kopftücher, sie selbst aber habe nie irgendeinen Zwang gespürt, das Kopftuch anzulegen. Imam Mustafa Zito hielt „Gottes Wille“ dagegen. Die Eltern seien gehalten, ihre Töchter gottgefällig zu erziehen und auch Mädchen vor der Pubertät das Anlegen eines Kopftuches zu empfehlen. „Ziel ist es, dass die Mädchen mit der Pubertät Kopftuch tragen“, wurden die Worte des Imams übersetzt. Die Eltern erwarte dafür eine „Belohnung“ durch Allah.

Jüdische Gemeinde

Mascha Radbil, Frau des jüdischen Rabbiners in Osnabrück, beschrieb die Geschlechterbeziehung im Judentum mit einem Vergleich: „Der Mann ist der Kopf, die Frau der Hals. Der Kopf dreht sich dorthin, wo der Hals es will.“ Frauen arbeiteten im Vorstand mit, leiteten Projekte, trügen Verantwortung. Die geistliche Führung aber obliege dem männlichen Rabbiner. Im Gottesdienst sitzen Frauen und Männer getrennt, „damit man sich auf das Gebet konzentrieren kann“, sagte Mascha Radbil. Im Gemeindeleben gibt es keine Trennung, wie Michael Gründberg ergänzte, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde.

Bahai-Gemeinschaft

Die Bahai-Gemeinschaft weise der Frau die naturgegebene Aufgabe zu, „Ersterzieherin der Kinder“ zu sein, wie Jane Vernon erklärte. In der Gemeinschaft seien Frauen und Männer gleichgestellt. Da die Bahai-Religion keine Kulthandlungen wie in den anderen monotheistischen Religionen kenne, gebe es auch keine ans Geschlecht gebundene Priesterämter. Nur zum allerhöchsten Gremium, dem „Universalen Haus der Gerechtigkeit“ , hätten ausschließlich Männer Zugang.

Kontrovers diskutiert wurden die unterschiedlichen Frauenbilder am Runden Tisch nicht. Reinhold Mokrosch beendete den Abend mit den Worten: „Das Gespräch dient der Information und des Austauschens in gegenseitigem Respekt.“