Tödliche Attacken in Hannover und Hessen Wie viele gefährliche Hunde gibt es in Osnabrück?

Von Jörg Sanders

Der Staffordshire-Terrier-Mischling Chico steht in einem Gehege im Tierheim Hannover. Der Hund hat seine 27 und 52 Jahre alten Besitzer in ihrer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Hannover-Buchholz getötet. Foto: imago/localpicDer Staffordshire-Terrier-Mischling Chico steht in einem Gehege im Tierheim Hannover. Der Hund hat seine 27 und 52 Jahre alten Besitzer in ihrer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Hannover-Buchholz getötet. Foto: imago/localpic

Osnabrück. In Hessen beißt ein Hund ein Baby zu Tode, in Hannover tötet ein Hund zwei Menschen in ihrer Wohnung. Das Veterinäramt in Hannover war einem Hinweis auf die Gefährlichkeit des Hundes schon 2011 mitgeteilt worden, doch es unternahm nichts. Auch in Osnabrück gibt es einige als gefährlich eingestufte Hunde. Wie geht die Verwaltung mit ihnen um – und mit ihren Haltern? Fragen und Antworten.

Anders als in allen anderen Bundesländern gibt es in Niedersachsen keine Liste für gefährliche Hunde, oftmals als Kampfhunde bezeichnet. Stattdessen ermitteln die Kommunen die Gefährlichkeit eines Hundes rasseunabhängig – und nur nach Hinweisen. So sieht es das Niedersächsische Gesetz über das Halten von Hunden (NHundG) vor. Erhält die Verwaltung einen Hinweis auf einen Hund, der eine gesteigerte Aggressivität aufweist oder einen Menschen angriff, muss sie dem nachgehen.

Wie viele Hinweise erhielt die Verwaltung auf womöglich gefährliche Hunde in 2017 und 2018? 29 solcher Hinweise erhielt die Verwaltung im vergangenen Jahr, sagt Gerhard Meyering, Sprecher der Stadt, auf Anfrage unserer Redaktion. In 27 Fällen ging sie diesen nach. „In zwei Fällen konnte der Halter des angreifenden Hundes nicht ermittelt werden“, sagt Meyering. Im laufenden Jahr erhielt die Verwaltung bislang sieben Hinweise. Allen ging sie nach.

Wie viele der überprüften Hunde stufte die Verwaltung als gefährlich ein? Von den 29 überprüften Hunden im Jahr 2017 stufte die Verwaltung acht als gefährlich ein. In diesem Jahr sind es bislang drei der sieben.

Insgesamt sind in Osnabrück derzeit 36 Hunde als gefährlich eingestuft.

Wie viele Wesenstests ordnete die Verwaltung nach der Überprüfung an? Sieben Hunde mussten sich im Jahr 2017 einem solchen Test unterziehen. In einem Fall wurde ein Hund direkt nach einem Beißvorfall ins Tierheim nach Hellern gebracht. „Dem Halter wurde die Haltung des Hundes untersagt. Daher ist kein Wesenstest angeordnet worden“, erklärt Meyering. Diesen werde die Verwaltung anordnen, falls der Hund vermittelt werden sollte. In diesem Jahr mussten sich bislang drei Hunde einem Wesenstest unterziehen.

Wie viele Hunde bestanden den Test nicht? Von den sieben Hunden im Jahr 2017 fiel einer durch den Test. In diesem Jahr bestand ihn einer der drei Hunde nicht.

Was passiert mit diesen Hunden? Hunde, die den Wesenstest nicht bestehen, kommen ins Tierheim oder werden an einen Tierschutzverein vermittelt, sagt Meyering. Es besteht zudem die Möglichkeit, einen anderen, zuverlässigen und geeigneten Halter für den Hund zu finden. Dieser kann seinen Hund den Wesenstest wiederholen lassen „nach einem intensiven Hundetraining, wenn die Chance besteht, dass der Hund ein sozialverträgliches Verhalten erlernen kann“, erklärt Meyering.

Wie sieht ein solcher Wesenstest aus? Durch diesen Test soll der Hund sozialverträgliches Verhalten nachweisen. In Niedersachsen führen sie Tierärzte durch, „die über Erfahrungen in der Verhaltenstherapie mit Hunden verfügen oder spezielle Kenntnisse in der Verhaltenskunde haben“, erklärt Meyering.

In dem Test prüft der Tierarzt das Sozial- und Kommunikationsverhalten des Hundes. Hierzu wird der Vierbeiner einer Vielzahl von optischen, akustischen und olfaktorischen Reizen ausgesetzt – insbesondere solchen, die bekanntlich Aggressionsverhalten bei Hunden auslösen.

Um davon einen Eindruck zu bekommen: Bei dem Test werden unter anderem vier weitere Hunde benötigt (je zwei männlich und weiblich), vier weitere Personen, ein Kinderwagen, ein Kassettenrecorder mit Kindergeschrei, benutzte Windeln, Luftballons, Blechdosen, Fahrradklingel und zahlreiche weitere Gegenstände, die einen Hund womöglich aggressiv werden lassen. (Alle Infos zum und Anforderungen an den Wesenstest finden Sie hier als PDF; 0,1 MB)

In Osnabrück sind derzeit neun Veterinäre zur Durchführung eines solchen Tests anerkannt. Im Landkreis kommen zahlreiche hinzu.

Wie vielen Haltern wurde die Zuverlässigkeit oder Eignung abgesprochen? Ob Hund und Halter zusammenbleiben dürfen, ist nicht nur vom Wesen des Tieres abhängig. Die Verwaltung kann dem Halter die Eignung oder Zuverlässigkeit zur Haltung eines gefährlichen Hundes absprechen. Im vergangenen Jahr war das sechsmal der Fall, in diesem bislang einmal.

Als ungeeignet gelten Halter etwa, wenn sie alkohol- oder drogenabhängig oder körperlich schlichtweg nicht in der Lage sind, ihren Hund sicher führen zu können. Als unzuverlässig gelten Halter unter anderem, wenn sie in den vergangenen fünf Jahren rechtskräftig verurteilt im Gefängnis saßen.

In wie vielen Fällen untersagte die Verwaltung die Haltung eines als gefährlich eingestuften Hundes? Das Halten eines als gefährlich eingestuften Hundes bedarf der Erlaubnis. Im Jahr 2017 untersagte die Verwaltung die Haltung in fünf Fällen, im laufenden in einem Fall.


Gefährliche Hunde

Erhalt eine Behörde einen Hinweis über einen womöglichen gefährlichen Hund, muss sie diesem Hinweis nachgehen (§7 NHundG). Gegebenenfalls stuft die Behörde ihn tatsächlich als gefährlich ein. Eine Klage gegen diese Feststellung hat keine aufschiebende Wirkung.

Stuft die Behörde einen Hund als gefährlich ein, benötigen Privatpersonen eine Erlaubnis von der Behörde zur Haltung dieses Tieres (§8 NHundG). Der Antrag muss umgehend nach Feststellung der Gefährlichkeit des Hundes zu erfolgen (§9 NHundG). Andernfalls darf er ihn nicht mehr halten, der Halter muss den neuen Eigentümer mitteilen. Als gefährlich eingestufte Hunde müssen einen Beißkorb tragen und sind außerhalb ausbruchsicherer Grundstücke anzuleinen. In Osnabrück gilt aber ohnehin für alle Hunde in vielen Bereichen Leinenzwang (Innenstadt, Waldgebiete, Bürgerpark, Friedhöfe, Rubbenbruchsee).

Eine Erlaubnis zum Halten eines gefährlichen Hundes erhalten nur volljährige Personen, wer die Zuverlässigkeit und persönliche Eignung besitzt, wer eine Sachkundeprüfung absolviert hat und wenn ein Wesenstest das sozialverträgliche Verhalten des Hundes nachweist (§10 NHundG).

Als zuverlässig gelten Halter nicht, wenn er in den vergangenen fünf Jahren wegen einer vorsätzlich begangenen Straftat zu mehr als 60 Tagessätzen oder einer Freiheitsstrafe rechtskräftig verurteilt worden ist oder wiederholt gegen das NHundG verstoßen hat (§11 NHundG).

Als persönlich ungeeignet gelten Halter, die geschäftsunfähig sind, aufgrund einer psychischen Krankheit oder einer geistigen oder seelischen Behinderung betreut werden, alkohol- oder drogenabhängig sind oder aufgrund ihrer körperlichen Kräfte keinen gefährlichen Hund sicher führen können (§12 NHundG).

Ein als gefährlich eingestufter Hund muss einen Wesenstest bestehen, der das sozialverträgliche Verhalten belegt.