Neue Lesereihe in Osnabrück Grundschriften europäischer Kultur in 27 Teilen

Von Christine Adam


Osnabrück. Vom Gilgamesh-Epos bis zu Friedrich Nietzsche: Die ambitionierte Lesereihe „Erfahren, woher wir kommen: Grundschriften der europäischen Kultur“ macht mit zentralen Schriften aus allen Geschichtsepochen Europas bekannt. Ab 16. April startet Hanjo Kestings 27-teilige Reihe im Friedensaal des Osnabrücker Rathauses mit Kesting als Kommentator, während bekannte Schauspieler und Sprecher aus den Texten lesen.

Was verbindet das Gilgamesh-Epos, Homers „ Odyssee “, Shakespeares „Hamlet“, Goethes „Reineke Fuchs“ oder das Kommunistische Manifest von Marx/Engels eigentlich miteinander? Das kann herausfinden, wer die neue, ungewöhnliche Vortragsreihe „Erfahren, woher wir kommen: Grundschriften der europäischen Kultur“ besucht. Sie startet am Montag, 16. April in Osnabrück, nachdem sie schon in anderen norddeutschen Städten wie Hamburg, Lübeck, Bremen oder Hannover ausgesprochen großen Anklang gefunden hat.

Professor Karlheinz Altendorf, emeritierter Biologe der Universität Osnabrück, hatte einige Lesungen in anderen Städten erlebt und war von ihnen so angetan, dass er sie nach Osnabrück holen wollte. Er fand entsprechende Mitstreiter. Die Lesereihe umfasst erstaunliche 27 Teile für Antike, Mittelalter und Renaissance sowie die Neuzeit – so viele braucht es offenbar, um „ein Grundverständnis für die Epochen unserer Geschichte zu eröffnen“, wie die veranstaltende Stadt Osnabrück das Ziel der Reihe beschreibt. Hanjo Kesting, langjähriger Leiter der Hauptredaktion „Kulturelles Wort“ beim NDR und Autor der „Grundschriften der europäischen Kultur“ (drei Bände, 2012), erläutert bei den Lesungen selbst, wie sich die jeweilige Epoche in den Schriften spiegelt. Homers „Odyssee“, „Die Orestie“ von Aischylos oder „König Ödipus“ von Sophokles, das sind für Kesting jene Grundlagen, auf die andere Schriften und Erzählformen wie der Film aufbauen und den Stoff variieren, wie er im Gespräch sagt.

Europa als geistiger Raum

Er benennt auch ein sehr aktuelles Anliegen seiner Reihe: „Was ist Europa heute? Es ist in erster Linie ein geistiger Raum und das muss man heute, da nur noch von Haushaltsdefiziten, Schuldenbergen und Sparprogrammen die Rede ist, immer wieder betonen. Wie auch immer man die Idee von Europa für die Gegenwart modifiziert, der Kontinent kann sich nur wiederfinden und behaupten, wenn er sich auf seine geistigen Traditionen und seinen kulturellen Reichtum besinnt.“

Die Errungenschaften einer europäischen Kultur, geboren aus der Antike, dem Humanismus, der Aufklärung und den religiösen Traditionen, sollen die Besucher also mitdenken können. Das macht neugierig auf die Erkenntnisschätze, die Kesting hebt. Die sollten sich gerade auch jüngere Leute nicht entgehen lassen, denn handlicher, ohne wochenlange eigene Lektüre, können sie kaum präsentiert werden. Doch eben diese Lust auf die Lektüre zu wecken, ist ein erklärtes Ziel der Veranstaltungen.

Sprachliche Schönheit

Doch es stehen offenbar nicht nur Analyse und „Vergewisserung der eigenen kulturellen Grundlagen“ im Fokus, sagt Kesting, sondern auch die sprachliche Schönheit der Texte. Dazu hat Hanjo Kesting namhafte Schauspieler und Sprecher eingeladen, die Auszüge aus den Schriften lesen. Für den Auftakt am 16. April kommt der deutsch-schweizerische Schauspieler Siegried W. Kernen, der aus dem Gilgamesh-Epos, dem wohl ältesten erhaltenen Text der Weltliteratur, liest. Einen Monat später, am Montag, 28. Mai, liest die Schweizer Schriftstellerin und Schauspielerin Monique Schwitter aus der „Orestie“ von Aischylos. Am Montag, 25. Juni liest Frank Arnold, Dramaturg und Regisseur, bekannt vor allem als Sprecher zahlreicher Hörbücher und Dokumentarfilme aus der „Germania“ von Tacitus. Einmal im Monat, vorerst bis zu den Sommerferien, ist die Vortragsreihe also zu erleben, jeweils um 19.30 Uhr im Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses. „400 Jahre nach dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges, 370 Jahre nach dem Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück, 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges passt diese Lesereihe perfekt in den Friedenssaal des Rathauses: Das Rathaus wurde mit dem Europäischen Kulturerbesiegel ausgezeichnet“, schreibt das Stadtpresseamt. Veranstalter ist auch das Literaturbüro Westniedersachsen. Finanziell großzügig unterstützt wird Reihe von der Friedel & Gisela Bohnenkamp-Stiftung. Im Herbst geht es mit den nächsten drei Stationen, mit Aischylos, Sophokles und Platon, weiter.


Der Eintritt zur Lesereihe „Erfahren, woher wir kommen: Grundschriften der europäischen Kultur“ kostet 10 Euro, ermäßigt 7 Euro, an der Abendkasse im Rathaus oder im Vorverkauf bei der Tourist-Information, Bierstraße 22-23, Telefon 0541 323-2202, E-Mail: tourist-information@osnabrueck.de. Weitere Infos unter www.osnabrueck.de