Osnabrücker Judenretter War Hans Calmeyer ein Schindler oder ein Schwindler?

Von Joachim Dierks

Über Calmeyer und eine angemessene Bewertung seiner Person durch die Nachwelt diskutierten (von links) Mathias Middelberg, Gerhard Hirschfeld und Katja Happe. Foto: Elvira PartonÜber Calmeyer und eine angemessene Bewertung seiner Person durch die Nachwelt diskutierten (von links) Mathias Middelberg, Gerhard Hirschfeld und Katja Happe. Foto: Elvira Parton

Osnabrück. Der Osnabrücker Judenretter Hans Calmeyer wird nicht vom Sockel gestürzt. Jedenfalls nicht von Katja Happe und ihrer neueren Untersuchung zur Judenverfolgung in den Niederlanden. Ein Streitgespräch unter Historikern aus Anlass ihrer Buchvorstellung brachte nun keine neuen Argumente für die Bewertung der Tätigkeit Calmeyers als „Rassereferent“ der deutschen Besatzungsbehörde in Den Haag.

Die VHS der Stadt Osnabrück und die Buchhandlung zur Heide hatten die Historikerin Katja Happe in die Gaststätte „Blue Note“ eingeladen, um wesentliche Ergebnisse aus ihrem Forschungsbericht „Viele falsche Hoffnungen. Judenverfolgung in den Niederlanden 1940–1945“ zu erfahren. Für die anschließende Diskussion nahm Mathias Middelberg auf dem Podium Platz, Bundestagsabgeordneter der CDU, promovierter Jurist und Autor der Calmeyer-Biografie „‚Wer bin ich, dass ich über Leben und Tod entscheide?‘ – ‚Rassereferent‘ Hans Calmeyer in den Niederlanden 1941 – 1945“. Als Moderator gewann man den Stuttgarter Geschichtsprofessor Gerhard Hirschfeld, der selbst auch schon mit Forschungen zu den besetzten Niederlanden hervorgetreten ist.

Im Vorfeld der Veranstaltung und auch in den Eingangsbemerkungen von Buchhändler Lennart Neuffer wurde ein wenig die Erwartung geweckt, dass Happe noch bestehende Lücken in der Bewertung Calmeyers würde schließen können, dass womöglich gar ein völlig neues Bild des Osnabrücker Juristen im Dienste des Reichskommissariats für die besetzten Niederlande gezeichnet werden müsse.

Um es vorwegzunehmen: Dem war nicht so. Es lag auch wohl nicht in der Absicht Happes, speziell in der Calmeyer-Diskussion Stellung zu beziehen. So erklärte sie auch rundheraus, keine Calmeyer-Expertin zu sein. In der Kernfrage, ob Calmeyer „ein Schindler oder ein Schwindler“ war, ob er also durch manipulierte Abstammungsnachweise Tausende Juden in den besetzten Niederlanden tatsächlich vor der Deportation in die Vernichtungslager retten konnte, oder ob er letztlich doch nur ein funktionierendes Rädchen im Getriebe der NS-Mordmaschinerie war, zog sie sich auf den häufig von ihr benutzten Satz „Es war alles ambivalent“ zurück.

Hohe Todesquote

Happe beschreibt in ihrem Buch allgemein das Schicksal der niederländischen Juden in den fast fünf Jahren der deutschen Besetzung. Sie sucht nach Gründen, weshalb drei Viertel der 140000 niederländischen Juden den Holocaust nicht überlebten, wohingegen es in Frankreich 25 Prozent und in Belgien 35 Prozent waren.

Die hohe Quote führt sie zum Teil auf das hoch entwickelte Meldewesen in den Niederlanden zurück, das schon lange vor 1940 in den Registern das Merkmal „Jood“ (Jude) ausgewiesen habe. Die niederländische Verwaltung habe nach der Besetzung ihren Ehrgeiz dareingesetzt, weiterhin gut zu funktionieren, und damit den Deutschen im Ergebnis in die Hände gespielt.

Happe geht die einzelnen Möglichkeiten durch, die lebensrettend für die Juden hätten sein können: Emigration? War per Gesetz verboten. Flucht per Boot nach England? War ein langer und gefährlicher Weg über die Nordsee, den nur insgesamt 300 Menschen geschafft haben. Flucht ins unbesetzte Frankreich oder in die Schweiz? War ein noch längerer Weg, gespickt mit Kontrollen und Abweisungsmöglichkeiten. Annahme einer falschen Identität? Gefälschte Ausweispapiere waren viel zu teuer für die allermeisten Juden.

Untertauchen, wie Anne Frank und ihre Familie? Dazu brauchte man nichtjüdische Helfer, die auch noch bereit waren, von den eigenen Lebensmittelrationen etwas abzugeben. Außerdem erschwerten die verdichteten Wohnverhältnisse das Verstecken. Von 20000 untergetauchten Juden wurde rund die Hälfte verraten oder auf andere Weise entdeckt. Petitionen an die niederländische Exilregierung in London? Die krümmte kaum einen Finger für die verfolgten Mitbürger, sondern war um ein gutes Verhältnis zu den Alliierten bemüht. Und die Alliierten hatten überhaupt nichts dafür übrig, Juden freizukaufen, weil das dank der Deviseneinnahmen dem Nazireich geholfen hätte, noch länger Krieg zu führen. Internationale jüdische Hilfsorganisationen? Sie hatten alle verfolgten Juden Europas auf dem Schirm, und da spielten die wenigen in den Niederlanden für sie kaum eine Rolle.

Rettende Listen?

Blieben noch die Freistellungslisten. Es gab Listen für die Mitarbeiter des jüdischen Rates, weil die als Funktionsträger gebraucht wurden, Listen für christlich getaufte Juden, Listen für Kulturschaffende und andere gesellschaftlich bedeutende Gruppen. „Jeder Jude versuchte, auf irgendeine Liste zu kommen“, so Happe. Und dazu gehörte auch die Liste, die bei der „Entscheidungsstelle für Zweifelsfragen der Abstammung“ geführt wurde. Leiter: Hans Calmeyer. „Mit den Listen wurden falsche Hoffnungen geweckt“, sagte Happe, „denn sie erweckten zunächst den Anschein geordneter und rechtsstaatlicher Verhältnisse. Hinterher deportierten die Nazis auch aus den Listen heraus, einen nach dem anderen.“

Die anschließende Diskussion drehte sich im „Blue Note“ im Wesentlichen um die Frage, ob das Urteil über Calmeyer „ambivalent“ bleiben müsse oder ob man nach neueren Forschungsergebnissen nicht doch wohl, wie Middelberg, resümieren dürfe, dass Calmeyer mit seiner Strategie scheinbarer Anpassung, aber tatsächlicher Sabotage mehr als 3000 Menschen das Leben gerettet habe.

Moderator Hirschfeld positionierte sich deutlicher noch als Happe zur Ambivalenz-These und bezweifelte, dass Calmeyer „intentional gehandelt“ habe, also mit dem Vorsatz, Juden retten zu wollen. Viele Anhänger hätten nach dem Krieg in ihm eine „lineare Lichtgestalt“ gesehen. Er, Hirschfeld, neige aber eher zu der Einschätzung, dass Calmeyer seine Entscheidungen „situativ“ mal so und mal so getroffen habe. Eine gewisse Unterstützung bekam er von dem Historiker Christoph Rass im Publikum, der etwas provokant die Frage stellte, ob man einen ambivalent zu beurteilenden Calmeyer zu einem Leuchtturm der Osnabrücker Geschichtskultur mit nach ihm benanntem Museumshaus machen dürfe.

Gegenpositionen aus dem Publikum kamen mit deutlichen Worten von der früheren Osnabrücker Bürgermeisterin Karin Jabs-Kiesler (SPD), die sich vor allem gegen die Einschätzung verwahrte, der Calmeyer-„Entdecker“ Peter Niebaum sei naiv und voreingenommen gewesen, und vom Historiker und Ausstellungsmacher Joachim Castan, der auf den weit fortgeschrittenen Forschungsstand gegenüber den frühen Calmeyer-Kritikern wie etwa Coenraad Stuldreher verwies.

Hans Calmeyer (1903–1972)

Middelberg empfahl, auf das Urteil der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu vertrauen, die Calmeyer zu den „Gerechten unter den Völkern“ zähle: „Daran dürfen und sollten wir uns orientieren.“ Was nicht heiße, dass eine neue Ausstellung im Calmeyer-Haus ihn zu einem Säulenheiligen verklären sollte. Sie müsse jederzeit offen für neue Forschungsergebnisse sein und sollte Calmeyer in einen allgemeinen Kontext der Friedenskultur stellen.