Uraufführung einer Auftragskomposition Osnabrücker Symphonieorchester auf der Suche nach dem Klang

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Geballter Klang: Beim sechsten Abo-Konzert ist das Osnabrücker Symphonieorchester dank etlicher Gäste fast auf die doppelte Stärke angewachsen. Foto: Hermann PentermannGeballter Klang: Beim sechsten Abo-Konzert ist das Osnabrücker Symphonieorchester dank etlicher Gäste fast auf die doppelte Stärke angewachsen. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Eine Uraufführung und große spätromantische Stücke standen auf dem Programm des jüngsten Konzerts mit dem Osnabrücker Symphonieorchester. Der Abend wurde zum Plädoyer für Neue Musik und riesige Orchester.

Hach, es ist ein Kreuz mit der zeitgenössischen Musik. Hier flirrt es ein bisschen, da quackt eine gedämpfte Trompete , dort rattern sich ein paar Tonrepetitionen, dazwischen viel Leere. Es gibt wenig Greifbares, kaum etwas, das in der Erinnerung haften bleibt. Trotzdem nimmt das Publikum im Europasaal der Osnabrückhalle „para descubrir“ wohlwollend, fast begeistert auf. Ein Triumph der zeitgenössischen Musik?

Im Klangdschungel der Neuen Musik

Fest steht: Komponist Philipp Maintz macht es dem Osnabrücker Symphonieorchester nicht leicht und dem Publikum auch nicht. Ja, man könnte sogar meinen, Maintz spielt ein bisschen Verstecken: Vor der Uraufführung der Auftragskomposition erzählt der Komponist vom argentinischen Poeten Roberto Juarroz und dessen „vertikaler Poesie“, die ihn nicht nur zur Komposition inspiriert, sondern auch Titel und Satzüberschriften geliefert haben. Trotzdem enthält Maintz dem Publikum die Übersetzung aus dem Spanischen ebenso vor wie eine Begriffserklärung, und so bleibt von der spanischen Poesie nur ein bisschen Lautmalerei. Aber wenigstens im Programmheft erläutert Maintz knapp die einzelnen Sätze und ermöglicht damit eine grobe Orientierung im Klangdschungel der Neuen Musik. Die ultimative Anleitung für den Neue-Musik-Novizen gibt Maintz dann im kurzen Gespräch mit Dirigent Andreas Hotz: Höre mit offenen Ohren. Und am weitesten offen sind die Ohren, wenn keine Hörerwartung sie verstellt und auch keine Assoziationshilfe aus Wort und Bild.

Dann eröffnet sich, wie sich Maintz’ Komposition vorsichtig durch den Klangapparat tastet. Für die Auftragskomposition ist das Orchester durch Gastmusiker fast auf doppelte Stärke angewachsen, und durch diesen Riesenapparat flirren Töne und Klänge wie Lichter, die von Spiegeln reflektiert werden. So löst sich das große Orchester zunächst auf in seine kammermusikalischen Bestandteile, bevor Maintz die Elemente im Verlauf der guten halben Stunde wieder verdichtet. So entstehen Klanginseln, und tatsächlich bilden sich allmählich richtige Motive heraus, entstehen Korrespondenzen, die ein Gefühl von musikalischer Heimat geben. Irgendwann schält sich das längste Tuba-Solo seit Ravels Orchestrierung der „Bilder einer Ausstellung“ heraus, es entspinnt sich ein Dialog zwischen Tuba und Bassklarinette, und überhaupt findet sich das Osnabrücker Symphonieorchester unter Andreas Hotz hervorragend im dornigen Gestrüpp aus komplexen Rhythmen und ungewohnten Spielanweisungen zurecht. Maintz indes setzt eine raffiniert gleißende Klimax ans Ende seiner Komposition, die einen kräftigen Sog entfaltet – bevor das Werk mit einem kleinen Epilog im Nichts verschwindet. So reißt man sein Publikum mit.

Zwischen Klang und Dichtung

Umgeben hat Hotz die Uraufführung mit Werken, die gute hundert Jahre vor Maintz mit Klang und Dichtung experimentiert haben: Frank Schrekers Nachtmusik aus der Oper „Der ferne Klang“ eröffnet den Abend mit süffigen, schweren Klängen, und im zweiten Teil gibt‘s eine Wiederbegegnung mit Nietzsches „Zarathustra“, wie Richard Strauss ihn gehört hat: Auf das berühmte Sonnenaufgangs-Welterschöpfungs-Motiv, mit dem Stanley Kubrick den Beginn seiner „Odyssee im Weltall“ unterlegte, folgt ja noch eine gute halbe Stunde Musik. Für das Osnabrücker Publikum wie fürs Orchester ist das, der geforderten Musikerstärke wegen, ein seltenes Vergnügen. Umso mehr freut man sich, auch dank der hervorragenden Solisten von der Bratsche über Oboen bis zur Solotrompete.


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