Historischer Stadtrundgang Führung zu Spuren der NS-Zeit im Katharinenviertel

Von Joachim Dierks


Osnabrück. „Mit so einem Zuspruch hätten wir nie gerechnet“, freute sich Hartmut Böhm vom Bürgerverein Katharinenviertel, als sich der Tross aus mehr als 100 Personen vom Felix-Nussbaum-Haus aus in Bewegung setzte. Der Bürgerverein hatte die Historikerin Martina Sellmeyer für eine Führung zu Spuren des Judentums und der NS-Herrschaft gewonnen.

Sellmeyer hatte keinen leichten Stand, sich in einer derart großen Gruppe Gehör zu verschaffen, dafür hinterher eine heisere Stimme. Spontan wurde beschlossen, die Führung zu wiederholen, und zwar am 13. Mai um 13.30 Uhr. Das starke öffentliche Interesse dürfte zu einem großen Teil mit dem Schicksal des Hauses Herderstraße 22 zusammenhängen, das vor einigen Wochen ausführlich in der NOZ nachgezeichnet wurde.

Der wohlhabende Tuchgroßhändler Raphael Flatauer ließ es 1929 in einem dem Bauhaus angenäherten Stil errichten, hatte dann aber nur wenige Jahre Freude daran. 1933 kam es zu ersten Übergriffen der neuen Machthaber gegen die Familie, die in der Marodierung im Zuge der Reichspogromnacht 1938 und der Zwangsversteigerung des Hauses 1939 gipfelten. Raphael und Alma Flatauer wurden in Auschwitz ermordet, ihre Söhne Kurt und Hans konnten nach Palästina und England fliehen.

(Rätsel um leerstehendes Haus in Osnabrück gelöst)

Seit 20 Jahren steht das Haus leer und verfällt zusehends, sagt Hartmut Böhm, der gegenüber wohnt. Seit einem Jahr macht sich der Bürgerverein stark dafür, dass etwas mit diesem, laut Böhm, „Schandfleck des Viertels“ passiert, vielleicht eine Gedenkstätte daraus wird. Zunächst habe man versucht, das Haus in die Landes-Denkmalliste zu bekommen – ohne Erfolg, weil angeblich schon zu viele Veränderungen am baulichen Urzustand vorgenommen wurden. Dann setzte man auf die Stadt mit dem Ziel, dass sie das Haus erwerben oder zumindest ein Vorkaufrecht für sich festsetzen lassen könne – ebenfalls bislang ohne Erfolg. Die Eigentümerin hat auf stur geschaltet.

Böhm und Sellmeyer stellten die Idee vor, die Herderstraße 22 während der Kulturnacht bespielen zu lassen, etwa mit Fassadenprojektionen oder szenischen Vorführungen. Aus der Gruppe kam der Vorschlag, den Kulturausschuss der Stadt um Befassung zu bitten. Die Politik müsse sich rühren. Die Stadt dürfe nicht wieder eine Gelegenheit „verschlafen“ wie damals bei der Nussbaum-Villa in der Schlossstraße.

Dokumentationszentrum?

Sellmeyer stellte einen Zusammenhang her mit Peter van Pels, der 1926 „gleich um die Ecke“, im Haus Martinistraße 67a (heute Pizzeria Pizzamici), geboren wurde, sich 1942 zusammen mit Anne Frank in Amsterdam versteckte und wohl eine gewisse Beziehung zu ihr entwickelte. „Vielleicht kommen die Holländer demnächst nicht nur wegen des Weihnachtsmarkts nach Osnabrück, sondern auch wegen der Erinnerungsorte an Peter van Pels. Da würde sich ein Dokumentationszentrum hier in der Herderstraße 22 natürlich sehr gut einfügen“, meinte Sellmeyer.

(Zum Thema: Das Haus in der Herderstraße und der berührende Besuch der Nachfahren)

Weitere Spuren jüdischer Mitbürger nahm die Gruppe unter anderem in der Herderstraße 3 auf, wo der Mitinhaber des Tuchhandels Siegfried Flatauer und seine Frau Ingeborg wohnten, in der Arndtstraße 5 (Schuhhändler Max Markus, Vorläufer von Salamander Schröder), in der Martinistraße 28 (Kaufhausbesitzer Alfred Wertheim), oder in der Uhlandstraße 2, wo der Überlebende des KZ Riga und spätere Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Ewald Aul seinen Wohnsitz hatte. An manchen Orten bekam Martina Sellmeyer Unterstützung von Heimatforscher Dieter Przygode aus Bramsche, der mit ihr im Wechsel Tagebuchaufzeichnungen oder andere Texte vortrug. So las er am Standort des früheren jüdischen Tennisplatzes am Uhlenfluchtweg aus dem Bericht des Sportlehrers Ernst Sievers, der die frühe Ausgrenzung jüdischer Sportler aus den „bürgerlichen“ Osnabrücker Sportvereinen anprangerte.

Mit Vorurteilen aufgeräumt

Mit zwei verbreiteten Vorurteilen räumte Sellmeyer auf. Erstens: Nicht alle Osnabrücker Juden waren reich. „Viele handelten mit Gebrauchtwaren wie Schrott oder Alt-Textilien – das waren keine angesehenen Berufe. Wenn sie ein Einzelhandelsgeschäft hatten, dann oft als Teilhaber mit anderen zusammen“, sagte Sellmeyer. Zweitens: Das Katharinenviertel war nicht „das Judenviertel“ Osnabrücks. Eine leichte Häufung ergab sich höchstens dadurch, dass hier Synagoge, Jüdische Schule und jüdischer Tennisplatz beheimatet waren. Über andere Stadtteile verstreut wohnten ähnlich viele jüdische Familien. Das Katharinenviertel besitze den Vorzug, kaum zerstört worden zu sein, sodass sich hier noch viele Original-Wohnstätten nachweisen lassen. Gleichzeitig waren hier aber auch viele Stätten des NS-Systems angesiedelt. Sellmeyer ging unter anderem auf die Parteizentrale in der Villa Schlikker, das „Braune Haus“ oder „Hitlerhaus“, ein, auf den Sitz der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) an der Arndtstraße/Ecke Katharinenstraße und auf die NSDAP-Ortsgruppe Martinitor in der Katharinenstraße 18.