Osnabrücker Ärzte und ihre Fälle Suizidversuch, Psychiatrie, Borderline – und eine Art Happy-End

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Osnabrück. Jahrzehntelang funktionierte eine Frau, aber eine Krise führte zum Zusammenbruch ihres vermeintlich perfekten Lebens – und sie landete in der Psychiatrie. Doch was wie ein Ende schien, wurde ein ganz neuer Anfang für sie und ihre Familie.

Eine derartige Patientengeschichte hat Ulrike Kröger, Psychotherapeutin auf der Station A4 am Ameos-Klinikum Osnabrück, nicht oft erlebt. „Ein Tiefpunkt wurde zum Wendepunkt – und eine starke Frau hat sich mit viel Arbeit daran gemacht, sie selbst zu werden.“ Doch das ungewöhnlichste an dem Fall ist für Kröger, dass ihre Patientin über Jahrzehnte perfekt funktioniert hat, obwohl sich schon im Kindesalter Symptome ihrer Borderline-Störung entwickelt hatten.

Doch von Anfang an: Eigentlich schien alles gut in Leben der Frau zu sein: Eine stabile, glückliche Ehe, gutgeratene Kinder und ein Beruf gaben ihr Halt. Dachte jedenfalls ihre Umwelt, bis die Frau für Außenstehende wie aus heiterem Himmel einen Suizidversuch unternahm. Dieser blieb glücklicherweise erfolglos, führte aber dazu, dass sie in die geschützte Abteilung des Ameos-Klinikums eingeliefert wurde.

Dort stellte sich schnell heraus, dass es nur eine scheinbar heile Welt war, in der die Frau und ihre Familie lebten. Denn sie war krank, schon seit ihrer Jugend. Einer Jugend, die von Vernachlässigung, Gewalt und sexuellem Missbrauch geprägt war, erzählt Kröger.

Ehe als Flucht in ein perfektes Leben

Die Frau ging sehr früh eine Ehe ein, wohl auch, um dem traumatischen Elternhaus zu entfliehen. Und traf dabei eine gute Wahl: Die Ehe wurde glücklich, ihr Mann unterstützte sie und wusste auch vom Missbrauch. Kinder wurden geboren und von der Frau liebevoll umsorgt. Was in all den Jahren nie jemand bemerkt hat, war, dass die Frau unter einer massiven Borderline-Störung litt und diese mit perfektionierten Meidungsstrategien und Gewalt gegen den eigenen Körper in Schach hielt.

„Bei ihr Zuhause war immer alles vorzeigbar, sie lächelte immer und antwortete nach den Fragen zu ihrem Befinden stets nur mit Floskeln wie ,Alles gut’.“ Hinter dieser sonnigen Fassade jedoch herrschten Unsicherheit und Selbsthass, die mit nicht sichtbarem selbstschädigendem Verhalten reguliert wurden.

Selbstverletzung, um sich selbst zu spüren

„Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine Störung der Gefühlsregulation“, erklärt Kröger. Betroffene reagieren äußerst intensiv auf emotionale Reize – während ihnen gleichzeitig die Möglichkeit fehlt, diese starken Gefühle zu bewältigen. Werden die Gefühle zu stark, erfolgt beispielsweise eine Meidung der Gefühle durch Flucht nach innen. Die Patienten mit einer Borderline- beziehungsweise Traumafolgestörung machen „dicht“.

Psychologen nennen diesen Zustand Dissoziation, von den Betroffenen wird er wie eine Wahrnehmung der Umwelt durch Watte beschrieben. „Und um diese Dissoziation zu beenden und wieder sich selbst zu spüren, hat die Patientin sich immer wieder selbst verletzt.“ Die Schnittverletzungen nahm sie allerdings nur an Stellen vor, die keinem auffallen konnten. Verdeckte Selbstverletzung statt offensichtlicher Wunden, restriktives Essen statt sichtbarer Esstörung, Flucht in Suizidphantasien, um Ohnmacht zu bewältigen, All das konnte sie einsetzen, ohne dass es das Umfeld mitbekam. „Dadurch blieb sie funktionsfähig mit perfekter Fassade“, so Kröger.

Die heile Welt zerbricht

Eine physische Erkrankung brachte alles letztendlich zum Einbruch: Auf einen Bandscheibenvorfall folgte eine chronische Schmerzerkrankung – beides sorgte dafür, dass ihr berufliches Leben endete. Die Frau kam in die Reha, dort wurde zum ersten Mal ihre ganze Traumageschichte aufgerollt – und dies resultierte im Suizidversuch. Der Mann und die quasi schon erwachsenen Kinder reagierten schockiert und hilflos, denn so kannten sie ihre Frau und Mutter nicht.

„In Osnabrück haben wir für Patienten mit einem Borderlinesyndrom störungsspezifische Behandlungsangebote, stationär als auch stationärstationär als auch ambulant, unter anderem unter Einbeziehen der Familie“, sagt Ulrike Kröger. Die Patientin nutzte die Therapieangebote; der Therapieplan wurde individualisiert, der Transfer in den Alltag begleitet.

Auch der Ehemann wurde in die Therapie einbezogen. Symbolfoto: Colourbox.de

Auch der Ehemann unterstützte die Frau, anfangs sogar etwas zu sehr: „Er übernahm gut gemeint die Versorgerrolle, sie fühlte sich dadurch noch inkompetenter – was sich auf ihre Genesung negativ auswirkte.“ Daher wurde er schnell mit in die Therapie der Frau einbezogen.

Die Frau wollte Hilfe

Die Einbeziehung des Familiensystems und des normalen Alltags wird immer wichtiger in der Behandlung von Patienten, sagt Kröger. Denn was nützt eine Behandlung im Elfenbeinturm einer Psychiatrie, wenn der Alltag dann wieder die alten Mechanismen hervorruft.

Auch für den Ehemann war die Therapie eine Herausforderung, da er eine ganz andere, emotionale Seite seiner Frau kennenlernte, was die Beziehung veränderte und bereicherte, sagt Kröger. „Doch die Frau wollte kämpfen – sie war offen für die Therapie und konnte sich auch immer daran festhalten, dass sie trotz ihrer Borderline-Persönlichkeitsstörung ihre Kinder liebevoll und offen erzogen hat und diese keinerlei psychische Auffälligkeiten entwickelt haben.“

Nun ist die Welt der Patientin nicht mehr scheinbar perfekt, und auch die chronische Erkrankung ist nicht verschwunden. „Aber ihr Leben ist echt und findet nicht mehr hinter einer geschönten Fassade statt. Trotz Schmerzen und Berufsunfähigkeit sagte sie zu mir, dass sie noch nie so zufrieden war“, erzählt Ulrike Kröger.


Osnabrücker Ärzte und ihre Fälle

In der Serie „Osnabrücker Ärzte und ihre Fälle“ erinnern sich Mediziner aus Osnabrück an Patienten, die sie vor besonders schwere und herausfordernde Aufgaben gestellt haben. Die Fälle liegen zum Teil schon ein paar Jahre zurück.

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