Überforderung, Mobbing, Amokdrohungen Chefarzt der Osnabrücker Jugendpsychiatrie: Gewalt an Schulen ist Alltag

Von Cornelia Achenbach


Osnabrück. Eine Grundschule in Berlin heuert wegen randalierender Schüler einen Sicherheitsdienst an, in Mannheim wird ein 14-Jähriger bei einem Streit mit einer Schere am Auge verletzt, an einer Gesamtschule in Lünen tötet ein 15-Jähriger eine 14-jährige Mitschülerin – werden Schüler immer aggressiver? Der Leiter der Osnabrücker Jugendpsychiatrie im Gespräch über Pausenhofprügeleien, angedrohte Amokläufe und Mobbing an Osnabrücker Gymnasien.

Dr. Gerd Patjens ist Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Kinderhospitals Osnabrück am Schölerberg. Mit dem Thema Gewalt an Schulen wird er fast täglich konfrontiert.

Im Vorfeld dieses Gesprächs haben Sie mir gesagt, dass Sie sich häufig mit aggressiven Schülern auseinandersetzen müssen.

Ich kann keine genauen Zahlen nennen, aber das Thema ist für uns Alltag. Wir sind eine Versorgungsklinik einer Kinder- und Jugendpsychiatrie und zuständig für Stadt und Landkreis Osnabrück und den Landkreis Diepholz. Wenn wir Patienten stationär oder ambulant aufnehmen, ist „Aggression in der Schule“ ein sehr häufiger Vorstellungsgrund. Zusammenfassend formuliert: Die Kinder und Jugendlichen, die zu uns kommen, haben entweder im häuslichen oder im schulischen Umfeld Probleme und Verhaltensauffälligkeiten.

Warum eskalieren so häufig Situationen an Schulen?

Schule ist sehr anstrengend für Kinder und Jugendliche. Sie müssen Leistung erbringen, Anforderungen erfüllen, gleichzeitig müssen sie viele soziale Kompetenzen besitzen. Sie sitzen in einer großen Gruppe zusammen und müssen mit Gleichaltrigen und mit Lehrkräften zurechtkommen. Das ist schon eine Herausforderung. Gerade in den Pausensituationen kommt es zu Konflikten, da haben wir öfters notfallmäßige Vorstellungen.

Was ist unter einer notfallmäßigen Vorstellung zu verstehen?

Nehmen wir zum Beispiel einen Siebtklässler: Der ist etwa zwölf Jahre alt und hat in der Pause einen Impulsdurchbruch: Er streitet sich mit einem Mitschüler, es kommt zu einer Prügelei und er kann sich nicht mehr beruhigen. Womöglich verletzt er sogar den Mitschüler, Lehrer kommen zu Hilfe, werden ebenfalls getreten und geschlagen und schließlich werden Polizei und Krankenwagen gerufen und der Schüler wird zu uns gebracht.

Und Sie sagen: Das ist Alltag bei Ihnen?

Ja, natürlich. Wir müssen dann entscheiden, ob eine akute Fremdgefährdung besteht, und wenn sich der Schüler nicht beruhigt hat, dann nehmen wir ihn stationär auf. Wir müssen dann herausfinden, warum die Impulskontrolle des Schülers gestört ist, also warum der hoch geht wie eine Rakete. Steckt dahinter eine psychische Erkrankung? Eine geistige Behinderung, eine Lernbehinderung oder eine Störung des Sozialverhaltens? Es gibt auch Asperger-Autisten, die aufgrund ihres Syndroms zu emotionalen Ausbrüchen neigen, oder Kinder mit ADHS, die sehr emotional reagieren. Vielleicht ist das Verhalten auch Ausdruck einer Überlastung? Und vielleicht ist der Schüler auch selbst schlecht behandelt worden und aus seiner Opferrolle ausgebrochen?

Was machen Sie dann mit diesen Kindern und Jugendlichen?

Da gibt es ganz unterschiedliche Behandlungsformen. Es gibt Patienten, die wir ambulant begleiten, die eine Verhaltenstherapie, Psychotherapie oder eine Gruppentherapie machen. Es gibt die medikamentöse Behandlung, aber auch Ergotherapie, Musiktherapie, Bewegungstherapie, tiergestützte Therapie, Elterngespräche, pädagogische Begleitung... die Bausteine sind vielfältig und zahlreich, das ist ein ganzes Behandlungspaket.

Neigen Schüler bestimmter sozialer Schichten eher zu aggressivem Verhalten? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Aggression und Bildungsgrad?

Nein. Wir haben zwar weniger verhaltensauffällige Schüler auf Gymnasien oder Realschulen, aber Hauptschulen und Förderschulen werden ja auch von Kindern aus gehobeneren Schichten besucht. Da besteht kein direkter Zusammenhang. Natürlich können psychosoziale Ursachen hinzukommen. Wenn jemand zu Hause Gewalterfahrungen gemacht hat, wenn sich die Eltern häufig heftig streiten oder psychisch krank sind, dann sind sicherlich auch die Kinder gefährdet, selbst impulsiv und aggressiv zu reagieren und ihre Konflikte auch an der Schule entsprechend auszutragen.

Also mit Gymnasiasten haben Sie eher wenig zu tun?

Es gibt durchaus auch Notfälle an Osnabrücker Gymnasien, da sind es vielleicht andere Ursachen: schulische Überforderung zum Beispiel oder das Asperger-Syndrom, das ich bereits erwähnte. Auch Mobbing-Erfahrungen können dazu führen, dass jemand, der immer ein Opfer war, unvermittelt ausrastet und vielleicht dann auch andere Schüler verletzt. An Förderschulen managen die Sonderpädagogen schon viel selbst, da werden wir oft nicht einbezogen, weil die ihre Probleme selbst klären.

Wie viele Patienten behandeln Sie denn pro Jahr?

Im letzten Jahr hatten wir 450 stationäre Fälle, ambulant etwa 5000 im Jahr.

Ist die Zahl in den vergangenen Jahren gestiegen?

Ja.

Weil die Schüler aggressiver geworden sind oder weil heute eher zu einer Behandlung geraten wird?

Insgesamt steigt die Zahl psychischer Erkrankungen im Kinder- und Jugendalter an, aber auch aggressives Verhalten tritt öfter auf. Meine private Ansicht ist es, dass die Leistungsüberforderung von Schülern zugenommen hat, das ist aber nicht wissenschaftlich fundiert. Doch ich glaube, dass viel zu viele Kinder auf Gymnasien geschickt werden. Es kann nicht sein, dass 50 Prozent der Schüler Gymnasien besuchen, da sind einige fehlplatziert. Das führt dann zu Überforderungssituationen – die Schüler merken, dass sie das nicht schaffen. So etwas diagnostizieren wir häufig in unserer Ambulanz. Dann müssen wir Eltern sagen: Ihr Kind ist eigentlich nicht richtig an dieser Schule. Aufgrund seiner kognitiven Fähigkeiten sollte es eine andere Schulform besuchen.

Sie machen mit den Kindern einen IQ-Test?

Ja, eine Leistungs- und Emotionaldiagnostik ist Standard in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Wir müssen ja herausfinden, was mit dem Schüler los ist. Warum rastet er aus?

Wenn wir von Ausrasten sprechen, dann ist damit in erster Linie Prügeln gemeint?

Da gibt es alle Abstufungen: verbale Aggressivität, treten, schlagen, richtige Prügeleien bis hin zu dem Fall, dass ein Schüler einen anderen fast umbringt. Solche schweren Fälle sind zwar selten, sehen wir hier aber durchaus auch.

In der Vergangenheit gab es häufiger per Whatsapp oder Emails Gewaltandrohungen. Sind Amokläufe für Sie ein Thema?

Ja klar! Wir sollen beurteilen, wie ernst diese Nachrichten gemeint sind oder ob der Schüler nur Aufmerksamkeit erreichen will. An uns treten auch Schulen mit der Frage heran, ob dieser Schüler überhaupt noch beschult werden kann oder ob man damit rechnen muss, dass er zum Amokläufer wird. Ich als Chefarzt soll also garantieren, dass der Schüler nach seiner Behandlung nicht Amok läuft. Natürlich kann ich das nicht. Ich kann eine Wahrscheinlichkeit nennen und sagen, wie wir den Jugendlichen erlebt haben und zu bestimmten Maßnahmen raten.

Wenn es massive Probleme mit bestimmten Schülern gibt, werden bestimmte Maßnahmen ergriffen: Sie bekommen Strafarbeiten, werden in eine andere Klasse versetzt, vom Unterricht suspendiert oder sogar der Schule verwiesen. Wie sinnvoll erscheinen Ihnen solche Formen von Bestrafung?

Als Fachmann sollte man hier einen Schulleiter befragen. Das sind ja abgestufte Verfahren mit der Suspendierung als letzter Konsequenz. Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung haben ja per se Schüler, die an anderen Schulen gescheitert sind. Das wäre dann eine extreme Maßnahme, wenn auch die diese Schule nicht mehr besuchen dürfen. Dann kommen wir an den Punkt uns zu fragen: Wer kann diese Kinder überhaupt noch beschulen?

Diese Kinder kommen dann zu Ihnen?

Ja, die werden hier stationär aufgenommen und besuchen den sogenannten „gemeinsamen Unterricht“. Klinikschulen gibt es in Niedersachsen im Gegensatz zu anderen Bundesländern nicht.

Was genau ist der gemeinsame Unterricht?

Lehrer werden abgeordnet von der Landesschulbehörde, um hier am Kinderhospital zu unterrichten. Unser Einzugsgebiet sind Stadt und Landkreis Osnabrück und der Landkreis Diepholz, entsprechend zusammengewürfelt ist die Klasse. Die Patienten werden in Kleingruppen beschult, meistens nur drei bis vier Kinder. So haben wir meistens für alle Altersstufen eine Klasse.

Stichwort Altersstufen: Tritt aggressives Verhalten denn in einem bestimmten Alter auf? Pubertät eher als Vorschulalter?

Nein, wir haben hier auch eine Kinderstation, dort nehmen wir auch Patienten im Vorschulalter auf. Es kann jede Altersstufe betreffen.

Wie lange werden Patienten denn stationär aufgenommen?

In den letzten Jahren sind die Behandlungszeiten kürzer geworden, ähnlich wie in der Erwachsenenpsychiatrie. Wir haben eine durchschnittliche Behandlungsdauer von rund drei Monaten, viele Patienten bleiben aber deutlich kürzer. Damit ist die Behandlung aber meist nicht abgeschlossen. Nach der stationären Behandlung bei uns übernimmt quasi der Sozialdienst, und wir empfehlen den Eltern immer, auch Kontakt zum zuständigen Jugendamt aufzunehmen, damit im Anschluss eine ambulante Nachbehandlung erfolgt und womöglich Jugendhilfemaßnahmen ergriffen werden. Gerade beim Thema Schule gibt es eine enge Kooperation mit den Jugendämtern – aber nur, wenn die Eltern dem zustimmen. Die Eltern müssen einen Antrag „Hilfe zur Erziehung“ beim Jugendamt stellen, das dann über verschiedene Hilfeleistungen entscheidet. Eine Möglichkeit wäre ein Integrationshelfer, das macht man zum Beispiel bei Asperger-Autisten – der Integrationshelfer sitzt dann im Unterricht mit dabei.

Nun werden Schüler ja auch selbst oft zum Opfer ihrer Mitschüler...

Schüler gehen leider oft nicht gut miteinander um, das hören wir immer wieder. Es fängt damit an, dass jemand nicht die entsprechenden Markenklamotten trägt und dafür gedisst wird – ein Phänomen, das an Gymnasien sehr weit verbreitet ist. Ich habe den Eindruck, dass diese Form von Mobbing gerade in Osnabrück sehr ausgeprägt ist, weil wir eine Oberschicht haben, die sehr auf Äußerlichkeiten achtet. Intelligente Schüler aus ärmeren Schichten haben einen schweren Stand, wenn sie nicht die gleiche Kleidung tragen wie die Schüler aus wohlhabenden Familien.

Wie können sich diese Schüler schützen? Und was sollten Eltern tun? Die Kinder das unter sich austragen lassen?

Wenn jemand schlecht behandelt wird: Immer Transparenz herstellen und das öffentlich machen. Nicht verheimlichen! Die Lehrer und Schulleiter informieren, das ist ein ganz klarer Verhaltenstipp. Leider haben wir die Erfahrung gemacht, dass auch Lehrer oft versuchen, Dinge unter den Teppich zu kehren, nach dem Motto: An unserer Schule gibt es keine Probleme. Das ist natürlich Quatsch – an jeder Schule gibt es Probleme.

Wenn in Medien darüber berichtet wird, dass Schüler immer gewaltbereiter werden, wird manchmal eine Verbindung zu der Flüchtlingsdebatte hergestellt...

Das sehe ich überhaupt nicht. Als 2015 viele Flüchtlingsfamilien und unbegleitete Minderjährige nach Deutschland kamen, wurden wir gefragt: Was müssen wir erwarten? Sind die nicht alle traumatisiert und brauchen eine Therapie? Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die ausländischen Jugendlichen psychisch sehr stabil sind. Manche leiden unter Depressionen und Ängsten, aber generell haben sie das Erlebte gut verkraftet – womöglich, weil sie seit ihrer Kindheit daran gewohnt sind. Wir haben sehr wenig mit Kindern aus Flüchtlingsfamilien zu tun und sehen eher selten aggressive Impulsdurchbrüche bei Flüchtlingskindern oder unbegleiteten Minderjährigen.