Alkohol in der Schwangerschaft Osnabrücker Selbsthilfegruppe hilft Familien mit FASD-Kindern

Von Petra Pieper

FASD wird bedingt durch den Alkoholkonsum der leiblichen Mutter während der Schwangerschaft. Die Kinder leiden auch noch als Erwachsene.Auch in Osnabrück gibt es eine FASD-Selbsthilfegruppe, die sich an alle Personen richtet, die mit der Thematik konfrontiert sind: Eltern, Pflegeeltern, Pädagogen, Therapeuten oder Betroffene selbst. Foto: dpaFASD wird bedingt durch den Alkoholkonsum der leiblichen Mutter während der Schwangerschaft. Die Kinder leiden auch noch als Erwachsene.Auch in Osnabrück gibt es eine FASD-Selbsthilfegruppe, die sich an alle Personen richtet, die mit der Thematik konfrontiert sind: Eltern, Pflegeeltern, Pädagogen, Therapeuten oder Betroffene selbst. Foto: dpa

Osnabrück. Wenn eine werdende Mutter während der Schwangerschaft Alkohol trinkt, und sei es auch nur das „Gläschen Sekt“ für den Kreislauf, riskiert sie schwere Schädigungen ihres Kindes. Eine Selbsthilfegruppe in Osnabrück informiert über die Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD) und hilft Eltern, Pflegeeltern, Pädagogen, Therapeuten oder Betroffenen.

Jährlich kommen nach Schätzungen etwa 4000 bis 10000 Neugeborene in Deutschland mit Symptomen der FASD, „Fetal Alcohol Spectrum Disorder“, der Fetalen Alkoholspektrumstörung, auf die Welt. Die Dunkelziffer ist hoch, denn nicht jedes Kind wird mit der vollen Ausprägung des fetalen Alkoholsyndroms geboren. Von leichten Konzentrationsstörungen bis hin zu schweren geistigen und auch körperlichen Behinderungen reicht das Spektrum der Beeinträchtigungen. Die hirnorganischen Schädigungen können schon durch einmaligen geringen Alkoholkonsum der schwangeren Mutter ausgelöst werden. FASD ist die einzige Behinderung, die zu 100 Prozent vermieden werden kann. „Die Kinder sind alle verschieden, aber man kann wohl sagen, dass ihnen extreme Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwierigkeiten gemeinsam sind“, erläutern vier Pflege- oder Adoptivmütter, die im Gespräch über die Behinderungen der ihnen anvertrauten Kinder und die Arbeit der FASD-Selbsthilfegruppe Osnabrück informieren wollen. (Weiterlesen: Das eine Glas? Osnabrücker Mütter über ihr Leben mit FASD-Kindern)

Kinder können ihre Handlungen kaum steuern

Häufig würden die Kinder einfach für unerzogen gehalten, weil sie sich äußerst lebhaft bis ungebärdig verhalten. Dabei haben die Kinder zeitweise keinen Zugang zu den gelernten Regeln und können ihre Handlungen nicht entsprechend steuern. Eines benutze ständig schlimme Schimpfwörter und suche Streit, ein anderes begebe sich immer wieder in Gefahr, weil es die Gefahr gar nicht erkenne, ein drittes zeige ein extremes Sicherheitsbedürfnis.  Auch massive Schlafstörungen der Kinder können den Familienalltag belasten.

Die meisten FASD-Kinder sind zierlich, freundlich und nicht nachtragend, aber für ihre Familien und Mitmenschen auch immer wieder eine Herausforderung, berichten die Gruppenmitglieder: „Sie haben einen großen Wortschatz, quasseln jeden unter den Tisch.“ Problematisch sei die zunehmende Digitalisierung der Welt, weil die damit verbundene Reizüberflutung für die Kinder nur schwer zu verarbeiten sei.

Knapp und verständlich formulierten Anweisungen

In der Selbsthilfegruppe tauschen sich die Eltern über all diese Probleme aus und helfen einander mit Tipps, wie sie diese oder jene Situation gemeistert haben. Die meisten Kinder und auch Erwachsene mit FASD brauchen feste Strukturen, denn schon kleinste Veränderungen im Alltag bringen sie in Verwirrung oder lösen Angst aus. „Ein Besuch, ein Fest, selbst eine Veränderung des schulischen Stundenplans ist Stress für sie.“ So helfen sich manche Familien mit To-do-Listen, die das Kind im Laufe des Einkaufsbummels abhakt, oder mit sehr detaillierten, knapp und verständlich formulierten Anweisungen. Die Aufforderung „Räum bitte dein Zimmer auf“ wäre viel zu komplex und würde das Kind überfordern, berichten die Frauen. Wichtig sei auch, die Lehrer des Kindes über seine Behinderung zu informieren.

Die Probleme bleiben ein Leben lang

FASD wächst sich nicht heraus, sie begleitet den Menschen ein Leben lang. Auch in der Ausbildung, im Berufs- und Familienleben stehen die Betroffenen vor besonderen Herausforderungen. So gibt es nach dem Förderschulbesuch theoriereduzierte Ausbildungen bei bestimmten Bildungsträgern. „Aber die muss man erst einmal finden!“ In der SHG werden Informationen über alle zur Verfügung stehenden Unterstützungsprogramme ausgetauscht, von Entlastungsangeboten für die erziehenden Eltern über medikamentöse Unterstützung bis hin zu den Hilfen des sogenannten zweiten Arbeitsmarkts. „Man muss sich frühzeitig ein Netz an Unterstützern aufbauen“, lautet der Rat einer berufstätigen Mutter. Auf ihre berufliche Arbeit wolle sie nicht verzichten, die sei wichtig als Ausgleich zum turbulenten Familienleben. Da die Kinder zumeist eine Pflegestufe haben, bestehe oft Anspruch auf Verhinderungspflege. Damit könne der Aufwand für eine gelegentliche Betreuung am Wochenende vergütet werden. Zudem gebe es Familien-Coaches, die bei Konflikten in die Familie kommen.

Irreparablen Schäden

Die Frauen machen deutlich, dass das Leben mit FASD-Kindern zwar anstrengend ist, dass aber immer wieder auch schöne Momente mit den Kindern erlebt werden: „Sie können so charmant sein, viele haben tolle Begabungen. Und wenn mich mein Sohn mit Gänseblümchen in der Hand anstrahlt, hat die zerrissene Hose keine Bedeutung“, so eine der Mütter.

Neben der Aufklärungsarbeit erachtet die Gruppe das Werben für Prävention als ihre wichtigste Aufgabe. Weil schon kleinste Alkoholmengen zu irreparablen Schäden führen können, plädiert sie für absolute Abstinenz, sobald eine Frau damit rechnen muss, dass sie schwanger sein könnte. „Dies ist die einzige und zugleich vollständig wirksame Methode zur Prävention.“ Die Frauen schlagen vor, alkoholische Getränke – wie in Frankreich - mit einem deutlichen Warnhinweis zu kennzeichnen, dass Alkohol in der Schwangerschaft das ungeborene Kind schädigen kann.

Die Selbsthilfegruppe FASD Osnabrück trifft sich an jedem ersten Mittwoch im Monat um 20 Uhr im Büro für Selbsthilfe und Ehrenamt an der Hakenstraße 6 in Osnabrück. Alles, was im geschützten Raum der Selbsthilfegruppe besprochen wird, so versichern die Mitglieder, bleibt vertraulich. Kontakt: Büro für Selbsthilfe und Ehrenamt, Telefon 0541/501-8017.