Über 100 Millionen Euro Sprung ins digitale Zeitalter: Bahn stellt Osnabrücker Stellwerk um

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Osnabrück. Wer alte Technik liebt, wird traurig sein: Die Bahn trennt sich schrittweise vom rustikalen Stellwerk im Turm am Osnabrücker Hauptbahnhof. Schon jetzt wird ein Teil der Züge von einem Flachbau aus per Mausklick geleitet. Den Schritt in die digitale Zukunft lässt sich die Bahn allein in Osnabrück über 175 Millionen Euro kosten.

Die Umstellung vom „Spurplandrucktastenstellwerk“ auf die digitale Zugführung ist Teil des milliardenschweren Modernisierungsprogramms der Bahn. Das Projekt in Osnabrück gehört zu den größten dieses Programms. Fünf Jahre Planung waren dem ersten Spatenstich im vergangenen Jahr vorausgegangen. Inzwischen ist das neue Stellwerksgebäude am Fuße des Klushügels fertig. Es soll 16 alte Stellwerke ersetzen und als eines der größten in Deutschland 2021 voll in Betrieb sein.

Ein ein kleiner Teil der neuen Technik ist schon Betrieb. Ein einsamer Mann steuert sie. Henrik Marquardt aus Melle hat Frühschicht im neuen elektronischen Stellwerk (ESTW), das ziemlich versteckt am Klushügel zwischen Sportanlage und Gleisbett liegt. Der 35-jährige sitzt aufrecht in seinem Pilotensessel, sieben Bildschirme im Blick. Darauf werden ihm die Gleise, Signale und Weichen auf der Nord-Süd-Verbindung zwischen Natrup-Hagen und Osnabrück-Hörne angezeigt. Seit November 2017 ist dieser Abschnitt als erster Teil des Gesamtpakets unter digitaler Kontrolle.

Nur einer arbeitet im neuen Stellwerk

Fünf Arbeitsplätze gibt es insgesamt im Leitstand, von denen vier künftig rund um die Uhr besetzt sein werden. Einer ist als Reserve gedacht. Ende des Jahres wird Marquardt Gesellschaft im Leitstand bekommen: Ab Dezember will die Bahn den oberen Hauptbahnhof mit der Nord-Süd-Verbindung über das elektronische Stellwerk steuern. „Dass ist ein gewaltiger Eingriff“, sagt Projektleiter Holger Hirschmann.

56 Stunden Stillstand

Am Tag der Umstellung muss der Zugverkehr auf der Nord-Süd-Route zwischen Hörne und Belm für 56 Stunden ruhen. Kein Zug wird den oberen Hauptbahnhof (Gleis 1 bis 5) in der Zeit passieren können, weil jede Weiche und jedes Signal auf dem Abschnitt auf das elektronische Stellwerk umgeschaltet werden müssen. Seit drei Jahren wird dieser Eingriff vorbereitet, und er könnte, sollte etwas nicht reibungslos funktionieren, nicht wiederholt werden. „Das muss dann alles klappen“, sagt Hirschmann.

Im März kommenden Jahres folgt die Umstellung des nächsten Abschnitts zwischen Belm und Ostercappeln. Danach steht der Umbau der Ost-West-Strecke auf dem Programm, die den Hauptbahnhof auf der unteren Ebene durchquert (Gleis 11 bis 14). Insgesamt 97 Kilometer Strecke wird das elektronische Stellwerk in Osnabrück in der letzten Ausbaustufe lenken.

800 Signale und 300 Weichen

Der Bau des Stellwerks ist dabei nur der geringste Teil der dreistelligen Millioneninvestition. Teuer und aufwendig ist die Streckenaussrüstung. Oberleitungen müssen verändert, 800 Signalanlagen und 300 Weichenantriebe ausgetauscht werden. Die automatische Zwangsbremse, die eingreift, wenn ein Lokführer einen schwerwiegenden Fehler macht, muss umgerüstet werden. In der Bahn-Welt heißt die Zwangsbremse übrigens „punktförmige Beeinflussungssysteme“. Das hängt mit den Messpunkten an den Gleisen zusammen, die die Geschwindigkeit eines Zuges automatisch erfassen. Weichenheizungen und Notstromversorgung werden erneuert, die Telekommunikation auf Glasfaserkabel umgepolt und an einigen Stellen das „Gleisbild“ verändert. Das bedeutet: Zusätzliche Weichen und Gleisquerverbindungen –wie ein 640 Meter langes Überholgleis für Güterüge in Eversburg –ermöglichen neue Fahrstrecken durch den Knotenpunkt Hauptbahnhof. Das spart Zeit und schafft mehr Sicherheit.

Und im Kern sind das die Ziele, die die Bahn mit der digitalen Revolution erreichen will. Es können mehr Züge in kleineren Zeitfenstern den Knotenpunkt Osnabrück passieren. Das System wird leistungsfähiger, mehr Züge erreichen pünktlich ihre Ziele.

Relaisstellwerk im Turm

Auf der Strecke bleibt die alte Technik. Das Relaisstellwerk im Turm an Gleis 1 des Osnabrücker Hauptbahnhofs ist 1966 in Betrieb gegangen und arbeitet noch heute mit dergleichen, „absolut sicheren Technik“, wie Hirschmann betont. Das Osnabrücker Stellwerk war damals neben einem am Hauptbahnhof München das erste dieser Größenordnung in Deutschland. In 30 Metern Höhe drücken die Fahrdienstleiter auf Knöpfen, um Zügen Fahrstrecken zuzuweisen. Immer zwei Knöpfe gleichzeitig –einer für den Anfangspunkt eienr Strecke, der zweite für den Endpunkt. Zwei raumfüllende Tafeln zeigen alle Gleise und Anlagen des oberen und unteren Bahnhofs an, Lämpchen markieren die Signale und Weichen. Zugnummern wandern über den Plan und zeigen den jeweiligen Standort eines Zuges an. Damit erklärt sich auch der Begriff aus der Bahnersprache: „Spurplandrucktastenstellwerk“.

20 Mitarbeiter arbeiten hier rund um die Uhr, wie Dennis Schmitz ‚Produktionsplaner von DB Netz, erklärt. Noch. Spätestens in drei Jahren werden sie den Turm, der wie ein Technikmuseum anmutet, verlassen – um gut einen Kilometer weiter im neuen Stellwerk am Computer zu sitzen.

Ab 7. April kann es an der Bahn laut werden

Bis Montag, 16. April, müssen Anwohner der Bahnlinie zwischen Haster Weg und Icker Weg mit nächtlichen Lärmbelästigungen durch Bauarbeiten an den Gleisen rechnen. „Trotz Einsatzes zeitgemäßer Maschinen neuester Technik ist Baulärm bei diesen Arbeiten nicht zu vermeiden“, teilt die Bahn mit. Im Bahnhof Osnabrück werden neue Masten für die Oberleitung errichtet. Dafür wird auch eine Ramme eingesetzt. Die Arbeiten finden zwischen Mitternacht und 7 Uhr morgens statt, um den Zugverkehr möglichst wenig zu beeinträchtigen. Die im Gleis tätigen Arbeiter werden beim Herannahen eines Zuges mit einem Tonsignal gewarnt, das weithin hörbar ist. Die Bahn schreibt in einer Anwohnerinformation: „Wir sind bemüht, die von den Bauarbeiten ausgehenden Störungen so gering wie möglich zu halten. Trotzdem lassen sich Beeinträchtigungen und Veränderungen im Bauablauf nicht gänzlich ausschließen. Dafür bitten wir um Verständnis.“ Hotline der Bahn: 0511/2865421 (zu Bürozeiten).


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