Modellversuch in Region Osnabrück Bojara will „Pilotprojekt Telearzt“ fortsetzen

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Der Leiter des Gesundheitsdienstes für Stadt und Landkreis Osnabrück, Dr. Gerhard Bojara, zieht beim Pilotprojekt „Telearzt“ - hier die Meller Ärztin Gabriele Schnepper in der Videokonferenz mit der speziell ausgebildeten Arzthelferin Christine Landwehr - ein positives Fazit. Archivfoto: Gert WestdörpDer Leiter des Gesundheitsdienstes für Stadt und Landkreis Osnabrück, Dr. Gerhard Bojara, zieht beim Pilotprojekt „Telearzt“ - hier die Meller Ärztin Gabriele Schnepper in der Videokonferenz mit der speziell ausgebildeten Arzthelferin Christine Landwehr - ein positives Fazit. Archivfoto: Gert Westdörp

Osnabrück. Der Landkreis Osnabrück zieht bei dem Pilotprojekt „Telearzt“ ein positives Fazit. Der Leiter des Gesundheitsdienstes für die Region Osnabrück, Dr. Gerhard Bojara, zeigt sich trotz anfänglicher Probleme überzeugt, dass der Modellversuch ein Weg ist, den der Landkreis weitergehen sollte. Einen entsprechenden Beschluss müsste aber erst noch die Politik in Stadt und Landkreis fassen.

Laut Bojara ist es völlig klar, dass bei einem Pilotprojekt Startprobleme auftreten. Als unsere Redaktion im Winter eine der speziell ausgebildeten Arzthelferinnen zu Patienten begleitete und der Arzt per Videotelefonie auf dem Tablet zugeschaltet werden sollte, streikte die Technik. Christine Landwehr, die sich für das Modellprojekt zur „telemedizinischen Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis“ (Tele-Verah) weiterbilden ließ, konstatierte, dass der Hausarzt bei den Besuchen nur selten zugeschaltet wird, weil es nicht immer möglich sei, eine Verbindung herzustellen.

Wer übernimmt nach der Pilotphase die Kosten?

Darüber hinaus monierte Hausärztin Gabriele Schnepper, die Bildqualität bei den Videokonferenzen müsse besser werden. Weiterhin sei nicht planbar, wann ein Arzt zugeschaltet werden muss. Der Faktor sei aber zu bedenken, weil Videokonferenzen genauso viel Zeit wie ein Sprechstundentermin koste. Laut Schnepper müssten die Technik und die Rahmenbedingungen für das Tele-Hausarztprojekt weiterentwickelt werden. So müsse nach der Pilotphase geklärt werden, wer die Kosten für die Technik übernimmt. Dazu gehören etwa ein 7000 Euro teurer sogenannter „Telemedizin-Rucksack“, der über ein Tablet und unter anderen Hilfsmitteln auch über ein EKG, ein Blutdruckmessgerät oder ein Blutzuckermessgerät verfügt. Die Daten sollen aus der Wohnung des Patienten direkt in die Arztpraxis übermittelt werden, wobei es auch bei der Datenübermittlung zunächst Schwierigkeiten gab. Fest steht, dass die Ärzte unter den aktuellen Bedingungen bislang nicht bereit sind, diese zusätzlichen Kosten zu übernehmen.

( Weiterlesen: Wie „Teleärzte“ dem Landarztmangel den Kampf ansagen)

35.000 Euro für das Equipment zahlen Stadt und Landkreis Osnabrück

Die Gesamtkosten des Equipments in Höhe von 35.000 Euro für das Pilotprojekt, das noch bis August dauert, übernehmen zurzeit Stadt und Landkreis Osnabrück gemeinsam. Bislang nehmen fünf Arztpraxen in der Region an dem Modellversuch teil. Die Arzthelferinnen verstehen sich bei den Hausbesuchen als verlängerter Arm des Arztes von chronisch kranken Patienten. Sie nehmen Blut ab, wechseln Verbände, messen Blutdruck und schreiben EKG, um Herzfrequenz und Herzrhythmus zu bestimmen. Der Arzt wertet die Daten in der Praxis aus und kann etwa in ländlichen Gebieten wie Melle auf die oft langen Anfahrtszeiten zu den Patienten verzichten.

Hausbesuche der Arzthelferinnen werden nicht bezahlt

Schnepper und ihr Kollege Udo Groeneveld in der Meller Gemeinschaftspraxis halten das Projekt insgesamt für eine gute Sache. Allerdings müsse noch etliches verbessert werden. So könne es nicht sein, dass Krankenkassen es nicht honorieren, wenn Hausbesuche von Arzthelferinnen durchgeführt werden. Genau darum möchte sich nun Bojara kümmern und kündigt ein Gespräch mit der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachen an, in dem er das Thema angehen will, wie die im Rahmen dieses Telemedizin-Projekts erbrachten Leistungen künftig abgerechnet werden können. Bojara betont: „Es ist doch klar, dass das Ganze künftig mindestens kostendeckend für die teilnehmenden Arztpraxen sein muss.“

„Telemedizin kann Notaufnahmen entlasten“

Bojara zufolge könnte die Telemedizin sogar helfen, die mit Bagatellfällen völlig überlasteten Notaufnahmen der Kliniken zu entlasten. Tele-Verahs wie Christine Landwehr, die die oft chronisch kranken Patienten von Hausbesuchen schon seit Jahren kennen, könnten vor Ort einschätzen, ob ein Krankenhausaufenthalt wirklich nötig ist. Diese Einschätzung könne dann auch noch zusätzlich abgesichert werden, indem der Hausarzt per Videokonferenz aus der Praxis hinzugeschaltet wird. Bojara ist zuversichtlich, dass die Probleme mit der Datenübertragung und der Videotelefonie mit dem zunehmenden Breitbandausbau in der Region bald nicht mehr auftreten werden. Bislang seien die Schwierigkeiten vornehmlich aufgetreten, weil die besonders gesicherte Verbindung mit dem Tablet eine konstante Internetverbindung benötige. „Ist das nicht der Fall und gibt es eine kurze Unterbrechung bei der Datenübermittlung, wird die komplette Übertragung abgebrochen und muss von vorne beginnen“, erklärt Bojara nach entsprechenden Gesprächen zur Problemanalyse mit den am Projekt beteiligten Praxen und dem telemedizinischen Dienstleister Vitaphone.

Bojara: Arztrecht anpassen

Darüber hinaus fordert der Leiter des Gesundheitsdienstes für die Region, das Arztrecht anzupassen und sich der Telemedizin noch stärker zu öffnen. Die Fernbehandlung könne dazu beitragen, das in Bereichen wie Melle, wo mehrere Hausarztsitze nicht besetzt werden können, so drängende Problem des Landarztmangels zu lösen. Noch ist es Ärzten aber verboten, Patienten über das Internet eine Diagnose zu stellen. Bislang sieht die Bundesärztekammer vor, dass der Arzt seinen Patienten vor sich haben muss, um ihn zu beraten und zu behandeln. Das Pilotprojekt, das im September in unserer Region begann, ist so angelegt, dass eine Arzthelferin den Arzt nicht ersetzt, sondern lediglich die Aufgaben übernimmt, die nicht zwingend ein Arzt durchführen muss und ein Arzt bei Bedarf per Videotelefonie zugeschaltet werden kann. In Baden-Württemberg gestattete die Landesärztekammer in diesem Jahr bundesweit aber erstmalig auch ein Modellprojekt zur telemedizinischen Beratung über das Internet. Fraglich bleibt, inwiefern beim nächsten Deutschen Ärztetag im Mai auch die Musterberufsordnung der Bundesärztekammer bald zugunsten der Fernbehandlung reformiert wird. Immerhin haben sich CDU und SPD im Koalitionsvertrag bereits dafür ausgesprochen, dass Anwendung und Abrechenbarkeit telemedizinischer Leistungen ausgebaut werden soll. Bojara will beim Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit im Juni für den Modellversuch aus unserer Region werben und hofft, bei einer Fortsetzung des Projekts dann auch auf Fördermittel des Bundes setzen zu können.


Teilnehmende Arztpraxen:

Diese Praxen nehmen an dem Pilotprojekt „Telemedizin“ in Stadt und Landkreis Osnabrück teil:

1. In Berge und Nortrup:

Die Landpraxis Dr. Brands

2. In Melle:

Praxis Schnepper und Groeneveld

3. In Melle:

Praxis Dr. Herzig

4. In Osnabrück: Praxis

Dr. Diekhoff

5. In Osnabrück: Praxis

Dr. Metreveli/Dr. Metreveli-Wiese.

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