Osnabrücker Zeitzeugen gesucht Verfolgung Schwuler in Nachkriegsdeutschland

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Osnabrück. Zwischen 1949 und 1994 wurden homosexuelle Männer in Deutschland verfolgt und ausgegrenzt. Erst dann wurde der §175 im Strafgesetzbuch aufgehoben. Ein Projekt der Universität Osnabrück untersucht nun die Verfolgung Schwuler im Osnabrück der Nachkriegszeit.

Den Anstoß dazu hatte ein einstimmiger Ratsbeschluss im August 2016 gegeben. Der damalige grüne Ratsherr Felix Wurm hatte beantragt, die Verfolgung schwuler Männer in Osnabrück aufzuarbeiten. Wie geschieht die Ausgrenzung, Diskriminierung und Kriminalisierung von sozialen Gruppen in der Gesellschaft? Welche Folgen erleiden die Opfer? Mit diesen Fragen befassen sich nun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Historischen Seminar der Universität Osnabrück. Dazu werden noch Zeitzeugen gesucht.

„Wir klagen nicht an“

„Wir wollen herauszufinden, wie sich die Lebenswirklichkeit homosexueller Menschen mit den einhergehenden Diskriminierungen ganz konkret am Beispiel einer Stadtgesellschaft untersuchen lässt“, umreißt Christoph Rass, Professor für Neueste Geschichte, die Zielsetzung. Er betont, dass es sich bei der Forschung nicht um eine Anklageerhebung handele. Vielmehr gehe es um „einen Verständigungsprozess von Gesellschaft über ihren historischen und gegenwärtigen Zustand“.

Stadt als Studie geeignet

Osnabrück eigne sich als Fallstudie besonders gut, da das Leben in mittelgroßen Städten viel typischer für die deutsche Gesellschaft sei als das der Metropolen. Zudem öffne sich die Friedensstadt auch schwierigen Themen. Das unterstreiche der Ratsbeschluss aus dem Jahr 2016. Die Ausgrenzung von schwulen Männern und lesbischen Frauen in der Nachkriegszeit sollen in der Erinnerungskultur und in der Darstellung der Stadtgeschichte berücksichtigt werden.

Auswertung von Akten

Während der sechsmonatigen Pilotstudie wertet Sebastian Weitkamp Akten von Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichten und anderen Institutionen aus. Zudem werden Interviews mit Betroffenen und Zeitzeugen geführt. „Wir beginnen mit einer Generation über ihre Erfahrungen zu sprechen, die bisher kaum über ihre Diskriminierungs- und Lebenserfahrungen befragt worden ist“, erläutert Frank Wolff die Bedeutung der Gespräche.

Ergebnisse präsentieren

Die Osnabrücker Historiker verstehen ihre Forschungen als Beitrag zu einer kritischen Gesellschaftsgeschichte: „Unsere Idealvorstellung wäre es, in der Stadt einen Dialog über die Lebensverhältnisse ausgegrenzter Minderheiten anzustoßen, einen Dialog, der Verstehen und Lernen ermöglicht und nicht vorschnell als Anklage verstanden wird“, sagt Christoph Rass. Das Forscherteam möchte die ersten Untersuchungsergebnisse in öffentlichen Veranstaltungen zur Diskussion stellen. Gefördert wird das Projekt in der Pilotphase durch das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung über das Queere Netzwerk Niedersachsen.

Felix Wurm, der mit seinem Ratsantrag das Forschungsprojekt initiiert hat, wird die Arbeit weiter begleiten: „Es ist wichtig, deutlich zu machen, dass es auch im demokratischen Rechtsstaat zu Menschenrechtsverletzungen kommen kann, wenn die Mehrheitsgesellschaft keine Rücksicht auf die Belange ihrer Minderheiten nimmt.“

Anonymität zugesagt

Das Projektteam sucht noch Kontakt zu Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die sich in biografischen Interviews über ihre Erfahrungen äußern möchten. „Die Interviews werden selbstverständlich anonymisiert“, betonen die Forscher. Auch Dokumente oder Aufzeichnungen sind willkommen. Telefonischer Kontakt ist jeden Donnerstag zwischen 10 und 14 Uhr unter der Nummer 0541/969-4158 möglich, jederzeit unter der Email Adresse forschung-nghm@uos.de.


Den § 175 des deutschen Strafgesetzbuches gab es von 1872 bis 1994. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. Die Nationalsozialisten verschärften den § 175. Nach dem Krieg hielt die Bundesrepublik zwei Jahrzehnte an den Fassungen aus der Zeit des Nationalsozialismus fest. Nach zwei Gesetzesreformen waren ab 1973 noch sexuelle Handlungen mit männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren strafbar. Auch hier gab es weiter eine Diskriminierung Homosexueller, denn das Schutzalter bei lesbischen und heterosexuellen Handlungen lag bei 14 Jahren. 1994 wurde der § 175 ersatzlos aufgehoben. Im Volksmund wurden Homosexuelle gelegentlich als „175er“ bezeichnet.

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