Komposition von Sidney Corbett Theater Osnabrück bringt Oper über Pasolini auf die Bühne

Von Ralf Döring

Machen Religion zum Thema einer Oper:  Sidney Corbett (links) und Theaterintendant Ralf Waldschmidt. Foto: David EbenerMachen Religion zum Thema einer Oper: Sidney Corbett (links) und Theaterintendant Ralf Waldschmidt. Foto: David Ebener

Osnabrück. Komponist Sidney Corbett und Intendant Ralf Waldschmidt setzen ihre Zusammenarbeit fort. Diesmal haben sie eine Oper über Pasolini verfasst.

Wenn Sidney Corbett und Ralf Waldschmidt über Pier Paolo Pasolini sprechen, geraten sie richtig in Begeisterung. Dann verhaspelt sich Corbett fast in seinem Lob, und was Waldschmidt über Bücher und Filme des italienischen Regisseurs und Autoren erzählt, begleitet ein feines Lächeln. Man spürt: Die beiden teilen ihre Leidenschaft für Pasolini, und sie ergänzen sich perfekt in ihrem Wissen über ihn. Macht es das alleine schon unausweichlich, dass sie zusammen eine Pasolini-Oper schreiben? Vielleicht. Weiterlesen: Studierende aus Sidney Corbetts Kompositionsklassen beim Festival „Spieltriebe“

Paulus oder Pasolini?

Fest steht: Nach dem Erfolg der Oper „Das große Heft“ nach dem gleichnamigen Roman von Ágota Kristóf, wollten die beiden ihre Zusammenarbeit fortsetzen. Und wenn man sich „Das große Heft“ in Erinnerung ruft, kommt man kaum auf die Idee, die beiden würden jetzt eine Operette auf die Bühne des Osnabrücker Theaters bringen. Zwar erzählt Waldschmidt von Humor und der Ironie, die in Pasolinis Werk immer wieder aufblitzen. Die Oper „San Paolo“ aber sei „eine harte Geschichte“, sagt Waldschmidt.

Grundlage der Oper ist reinster Pasolini: das Drehbuch zu einem Film über den Apostel Paulus, den Pasolini aber nicht realisiert hat. Waldschmidt hat daraus das Libretto zur Oper destilliert; Corbett hat dazu die Musik komponiert und den Text noch weiter „radikalisiert und zugespitzt“, wie Waldschmidt sagt. Weiterlesen: Sidney Corbett im Porträt

Dabei hat Pasolini seine Person und die des Apostels eng verschränkt, wird Pier Paolo Pasolini zum Apostel Paolo und umgekehrt. Gleichzeitig hat Pasolini die Stationen auf dem Lebensweg Paulus‘ in die heutige Welt übertragen: Jerusalem wird zu Paris, Rom zu New York und so weiter. So wird aus der biblischen Apostelgeschichte eine Geschichte über Pasolini und über die Welt von heute, über Religion, über die Kämpfe, die Pasolini ausgetragen hat: Die Kommunisten schlossen den Filmemacher und Autoren wegen seiner Homosexualität aus ihrer Partei aus, die katholische Kirche verbannte ihn wegen seines Bekenntnisses zum Kommunismus. „Pasolini war ein hochpolitischer Mensch mit dem Blick nach oben“, sagt Waldschmidt, „und er hat immer gehofft, die katholische Kirche möge sich reformieren.“

„Unbedingtheit der Humanität“

Die Entscheidung für Paulus als Filmstoff hat Pasolini nicht zufällig gewählt: Er hat sich stark mit dem Apostel identifiziert, mit dessen „Unbedingtheit der Humanität“, sagt Waldschmidt. Und er stellt Fragen, die uns auch heute betreffen: nach dem Ende des Konsums, nach der Omnipotenz des Kapitals.

Corbett hat nun versucht, für diese Fragen und für die Figur des doppelten Paolo die passende Musik zu finden. Ein Blick in die Partitur offenbart komplexe rhythmische Strukturen und eine Melodik, die sich vor allem auf die Gesangsstimmen konzentriert – eine Herangehensweise, die Corbett bereits im „großen Heft“ gepflegt hat. Nun hat er natürlich für Pasolini und Paulus eine eigene musikalische Welt entworfen. Aber in seiner Art des Minimalismus bleibt er sich treu, in dem Anspruch, jede überflüssige Note zu vermeiden. Für den Hauptdarsteller ist trotzdem eine große, anspruchsvolle Rolle zustande gekommen. Übernommen hat sie Jan Friedrich Eggers; „er singt achtzig Prozent der Oper“, sagt Waldschmidt. Und zwar „wie in jeder guten Oper auf italienisch“, sagt Waldschmidt mit einem Lächeln. Weiterlesen: „Das große Heft“ am Theater Osnabrück

Dabei sind sich Komponist und Librettist sicher, keinen gefälligen Abend zu präsentieren. Im Gegenteil: Sie wollen zur Diskussion herausfordern. „Es gibt Widersprüche bei Paulus“, sagt Waldschmidt und ergänzt, der Abend werde „Widerspruch herausfordern“. Auch seien die Widersprüche in Pasolinis Denken und Leben Thema der Oper. Und so meint er mit dem Satz, „es wichtig, dass wir uns so etwas zumuten“, nicht nur das Theater, das sich der Herausforderung der Neuen Musik stellt. Gemeint ist damit auch das Publikum, das sich auf einen Stoff einlassen muss, der sicher Kontroversen herausfordert. Denn bei aller Religiosität versucht die Oper „einen Menschen zu zeichnen, der einer von uns sein könnte“, sagt Sidney Corbett. Und Menschen sind nun einmal widersprüchliche Wesen.


„San Paolo“: Premiere am 28. April im Theater am Domhof. Weitere Infos und Tickets gibt es hier.