Aufklärungskampagne der Aidshilfe Aus der Tabuzone: Flüchtlinge sprechen in Osnabrück über Sex und Aids

Von Sandra Dorn

Badreldeen Babiker arbeitet bei der Aidshilfe Osnabrück. In Gemeinschaftsunterkünften informiert er Flüchtlinge über HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten. Foto: Michael GründelBadreldeen Babiker arbeitet bei der Aidshilfe Osnabrück. In Gemeinschaftsunterkünften informiert er Flüchtlinge über HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Kondome zu verteilen ist in seiner Heimat verboten, offen über Sex zu reden undenkbar. Badreldeen Babiker stammt aus dem Sudan und kam 2014 nach Deutschland. In Osnabrück klärt er andere Flüchtlinge auf.

„Viele nehmen hier zum ersten Mal ein Kondom in die Hand“, sagt der 42-jährige Mitarbeiter der Osnabrücker Aidshilfe. Regelmäßig ist er in den Flüchtlingsunterkünften unterwegs und bietet dort Informationsveranstaltungen an. Die Gemütsregungen der Teilnehmer seien fast immer die gleichen: Erst Scham, dann befreiendes Lachen und irgendwann arbeiteten sie mit. „Ich war am Anfang selbst schüchtern“, erinnert sich der Sudanese.

Am Anfang: Das war nicht etwa in Deutschland, sondern in seinem Heimatland Sudan. Ein Freund, der Medizin studiert hatte, gründete dort 2005 eine kleine Aidshilfe, erzählt Badreldeen Babiker. Als Gruppe von sechs Freunden halfen sie HIV-Positiven und versuchten, über die Krankheit aufzuklären. „Wir machten das heimlich und illegal.“ Dieses Engagement war jedoch nicht der Grund, warum der Lehrer seine Heimat verließ. 1999 habe er mit Freunden eine politische Gruppierung gegründet, die gegen die Regierung vorgegangen sei, erzählt der Sudanese. „Dreimal hat die Regierung versucht, mich umzubringen.“ Mehrmals sei er im Gefängnis gewesen. In Osnabrück hat er sich ein neues Leben aufgebaut und zum zweiten Mal geheiratet.

Als er erfuhr, dass es hier eine Aidshilfe gibt, meldete er sich dort und arbeitete zunächst ehrenamtlich mit. Seit 2017 wird seine Stelle von der deutschen Aidsstiftung finanziert. Für die Osnabrücker Aidshilfe ist das ein Glücksfall. Schon zuvor hätten sie versucht, Flüchtlinge aufzuklären, sagt Mitarbeiterin Kristina Hesse, doch das ging immer nur mittels Dolmetscher. Babiker hingegen ist einer von ihnen. „Ich weiß, wie die Menschen aus arabischen Ländern denken“, sagt er.

Es gehe vor allem darum, die Geflüchteten vor sexuell übertragbaren Krankheiten zu schützen, erläutert Hesse, die Babiker bei seinen Einsätzen in den Flüchtlingsunterkünften oft begleitet. Sie vermitteln den Teilnehmern, dass nicht jeder, der in Deutschland gesund aussieht, auch tatsächlich gesund ist. Und dass hier niemand verfolgt wird, wenn er HIV-positiv ist. Die Zahl der Beratungen für Flüchtlinge sei gestiegen, sagt Hesse. „Die Leute haben weniger Hemmungen und es hat sich herumgesprochen, dass wir einen Kollegen haben, der Arabisch spricht.“ Seit Mai 2017 bietet die Aidshilfe in der Möserstraße 44 außerdem einen gesonderten Termin zum Aidstest für Flüchtlinge. Jeden dritten Dienstag im Monat können sie sich von 15 bis 17 Uhr testen lassen, dann ist auch ein Dolmetscher für Englisch und Arabisch dabei.