Neue Dienstleistungen sollen entlasten Wie die Pflege der Zukunft im Kreis Osnabrück aussehen soll

Von Jean-Charles Fays

Der Osnabrücker Chef des Living Lab, Martin Schnellhammer, warnt davor, dass in den kommenden Jahren weniger junge Menschen viel mehr Pflegebedürftige versorgen müssen: „Um diese nicht zu überfordern, müssen wir alle Möglichkeiten ausschöpfen.“ Daher entwickelt das Living Lab Konzepte für neue Dienstleistungen. Foto: David EbenerDer Osnabrücker Chef des Living Lab, Martin Schnellhammer, warnt davor, dass in den kommenden Jahren weniger junge Menschen viel mehr Pflegebedürftige versorgen müssen: „Um diese nicht zu überfordern, müssen wir alle Möglichkeiten ausschöpfen.“ Daher entwickelt das Living Lab Konzepte für neue Dienstleistungen. Foto: David Ebener

Osnabrück. Der Osnabrücker Chef des „Lebenden Labors“ (Living Lab) für die Pflege der Zukunft, Martin Schnellhammer, entwickelt Konzepte für Dienstleistungen, um bei der hauswirtschaftlichen Versorgung von Pflegebedürftigen zu entlasten. Allerdings klagt er, „dass es eine ausgesprochen geringe Bereitschaft gibt, für Dienstleistungen zu zahlen, die bislang eher von Hausfrauen erbracht wurden“.

Welche innovativen Modelle gibt es, die Versorgung der Älteren in der eigenen Wohnung sicherzustellen?

Wir beschäftigen uns momentan mit der Frage der hauswirtschaftlichen Versorgung. Wenn Menschen aus dem Krankenhaus entlassen oder wenn sie pflegebedürftig werden, muss hauswirtschaftliche Hilfe sichergestellt werden. Die größere Herausforderung ist aktuell, dass es dafür sehr wenige Anbieter gibt. Es gibt viel zu wenig Information über diese Angebote und wie etwa Pflegekassen da unterstützen können. Im Projekt Sozialer Landkreis, das wir mit den Samtgemeinden Artland und Bersenbrück, sowie dem Landkreis Osnabrück durchführen, widmen wir uns nach der Entlassung der Patienten aus den Krankenhäusern sehr stark der Frage: „Was brauchen die Menschen ganz konkret und wie können wir helfen, das sicherzustellen?“

Und wie helfen Sie?

Neben einkaufen, kochen und putzen ist es wichtig, dass die Menschen nicht vereinsamen und zum Beispiel die Mülltonne an die Straße kommt. Angebote wie etwa „Essen auf Rädern“, sind hilfreich, lösen aber nur einen Teil des Problems. Es bedarf aber einer kompletten Rundumversorgung, weil sonst das Leben in der eigenen Wohnung nicht möglich ist. Wenn keine Milch in den Kühlschrank kommt, können sie nicht zu Hause bleiben. Im Rahmen des Projektes Sozialer Landkreis haben wir zum Beispiel ein Angebot für die Wäscheversorgung entwickelt. Waschmaschine und Trockner laufen für einen Durchgang gut drei Stunden. Mit einem kurzen Besuch lässt sich das also nicht erledigen. Mit einer Großwäscherei für Seniorenwäsche, bieten wir das komplette Wäschepaket an. Die Besucher der Tagespflege können die schmutzige Wäsche abgeben und werden quasi im Umlaufverfahren wieder mit frischer Kleidung versorgt.

Gibt es dieses Angebot nur für Tagespflegeeinrichtungen oder auch für Privathaushalte?

Zunächst haben wir uns auf die Tagespflege konzentriert, weil dort der Transport in den Privathaushalt leicht zu regeln ist, weil es ohnehin einen Fahrdienst zur Wohnung gibt. Zudem haben wir den Vorteil, dass mehrere Leute den gleichen Bedarf haben, dadurch wird es preiswerter. Wir hoffen so, ein günstiges Angebot für die Wäscheversorgung machen zu können. Leider ist die Nachfrage sehr dürftig. Ich würde mir wünschen, dass solche Dienstleistungen häufiger angenommen werden, auch um die Angehörigen besser vor überzogenen Erwartungshaltungen und Überforderung zu schützen. Auch die Versorgung mit Bargeld ist vor allem in den ländlichen Regionen eine Herausforderung. So wurde etwa in der Gemeinde Eggermühlen der letzte Bargeldautomat abgebaut. Mit der Kreissparkasse Bersenbrück haben wir die Idee entwickelt, dass der Mahlzeitendienst „Essen auf Rädern“ mobilitätseingeschränkten Menschen Bargeld mitbringt. Mit dem nächsten Essen kommt dann auch Geld.

Sehen Sie Lösungen für die Pflege der Zukunft in besseren Netzwerken und Kooperationen von bestehenden Dienstleistungen?

Genau. Dienstleistungen müssen vor allem auf dem Lande gemeinsam und grenzüberschreitend erbracht werden. Warum sollte man nicht auch in der Apotheke Geld abheben können, wie das auch schon bei einigen Supermärkten oder Tankstellen möglich ist. Das Problem ist, dass es offensichtlich eine ausgesprochen geringe Bereitschaft gibt, für Dienstleistungen zu zahlen, die bislang eher von Hausfrauen erbracht wurden. In Zukunft werden immer mehr Frauen berufstätig sein und für hauswirtschaftliche Arbeiten weniger zur Verfügung stehen. Wir sind gut beraten, schon jetzt Konzepte zu entwickeln, wie wir in Zukunft die Versorgung sicherstellen können. Natürlich müssen diese Leistungen dann bezahlt werden. In Ländern wie Dänemark, Niederlande und Großbritannien ist das bereits heute vielfach selbstverständlich.

Sind die Menschen hierzulande wirklich nicht bereit, für Dienstleistungen zu bezahlen, weil Hausfrauen sie sonst quasi umsonst nebenbei erledigt haben?

Ja, das scheint die Hauptursache dafür zu sein, dass wir unsere Konzepte bislang nicht als Massengeschäft etablieren können. Wir haben mehr als 200 Pflegebedürftigen die Wäscheversorgung angeboten, aber die Resonanz ist trotz des attraktiven Angebots wirklich ernüchternd. Wenn den pflegenden Angehörigen die komplette Wäscheversorgung abgenommen wird, dann müssten sie doch eigentlich bereit sein, für diese Entlastung 30 Euro im Monat zu bezahlen. Schließlich ist es unser Ziel, die Angehörigen zu entlasten. Wenn diese dauerhaft überfordert werden, wird auch ihre Bereitschaft zur Pflege abnehmen.

Wo liegt neben dem Preis das Problem?

Grundsätzlich glaube ich, es ist eine Mentalitätsfrage in Deutschland. Für Dienstleistungen, die typischerweise erst mal Frauen zugesprochen werden, sind viele Deutsche nicht bereit, das entsprechende Geld zu bezahlen. Es wird erwartet, dass solche Dinge im häuslichen Umfeld und nicht von externen Dienstleistern erledigt werden. Da gibt es ganz deutliche Barrieren.

Muss die Not Ihrer Meinung nach noch größer werden, damit ein Umdenken stattfindet?

Gott sei Dank haben wir, trotz Armut und Einsamkeit, im Vergleich zu anderen Ländern eine sehr gute Absicherung für Pflegebedürftigkeit und die Bereitschaft sich um Angehörige zu kümmern ist sehr groß. Es ist aber augenfällig, dass wir dort, wo wir in Mitteleuropa die schlechteste Absicherung für Pflege haben, nämlich in Großbritannien, den höchsten Technikeinsatz verzeichnen. Es geht darum, uns darauf vorzubereiten, dass in den nächsten Jahren weniger junge Menschen viel mehr Pflegebedürftige versorgen müssen. Um diese nicht zu überfordern, müssen wir alle Möglichkeiten ausschöpfen. Das ist einerseits eine Frage der Generationengerechtigkeit, andererseits der Weitsicht.

Was meinen Sie mit dem von Ihnen genannten „höchsten Technikeinsatz“ konkret?

Das fängt bei einfachen Dingen wie der Verbreitung von Medikamentenspendern an, aber auch das Konzept der Wäscheversorgung, das wir versuchen, auch hier einzuführen, findet in Ländern wie Dänemark und England eine viel größere Akzeptanz. Wir Deutschen hingegen sind eher technikfeindlich. In Großbritannien und in den Niederlanden gibt es das berühmte Schlagwort von „German Angst“, das dort als Fremdwort eingeführt wurde, weil es einfach beschreibt, dass wir uns in Deutschland, gerade was das private Umfeld angeht, sehr schwer tun mit Veränderungen und technischen Lösungen. Auch bei der Nutzung von Bargeldautomaten waren wir lange Schlusslicht in Europa, genauso wie bei den Geldkarten.

Warum wird etwa das Pilotprojekt „Hausarzt mit Telemedizin“, in dem Arzthelferinnen routinemäßige Hausbesuche in der Region übernehmen, dennoch angenommen?

Projekte wie dieses zeigen, dass auch hochbetagte Pflegebedürftige Spaß an Technik haben können – etwa wenn sich der Arzt per Tablet-PC hinzuschaltet und so zugleich in der Arztpraxis, aber per Videotelefonie auch im heimischen Wohnzimmer sein kann. Durch so ein System können Patienten einerseits gut versorgt werden und andererseits kann die hausärztliche Betreuung effizienter gestaltet werden. Das Projekt zeigt auch, dass es wichtig ist, Technik mit menschlicher Zuwendung zu kombinieren. Patienten haben durchaus Spaß daran, sich mit der dafür notwendigen Technik auseinander zu setzen. Das andere Problem ist leider, dass der Breitbandausbau noch etwas hinterherhinkt, um datengetriebene Technik problemlos auch in sehr ländlichen Bereichen einsetzen zu können. Deshalb freut es mich, dass wir jetzt in Niedersachsen einen Staatssekretär für Digitalisierung haben, der diese Dinge voranbringt.


Das ist das Living Lab:

Das Living Lab (Das Lebende Labor) wurde 2014 auf Initiative von Bistum und Landkreis Osnabrück unter Beteiligung von Uni und Hochschule Osnabrück gegründet. Die Trägerschaft übernahm die Science to Business GmbH. Es soll Technik und Dienstleistungen entwickeln, die es Menschen ermöglichen, länger in der eigenen Wohnung zu bleiben, wenn sie pflegebedürftig sind. Das Living Lab soll einen regionalen Beitrag zu den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft leisten. Dazu soll es die Praxis mit der Wissenschaft zusammenbringen und Testumgebungen schaffen, in der Technik und Dienstleistungen unter realen Bedingungen erprobt und weiterentwickelt werden können. Es finanziert sich aus Zuschüssen von Bistum und Landkreis Osnabrück sowie Projektmitteln und nutzt Räume und Strukturen von Uni und Hochschule. Sitz ist der Campus Westerberg (Albert-Einstein-Straße 1). Homepage: www.living-lab.org, E-Mail: M.Schnellhammer@HS-Osnabrueck.de, Telefon: 05419692006