Die Frage nach dem Vorsatz Prozess um zu Tode geschütteltes Baby: Plädoyer für Haftentlassung

Von Ulrich Eckseler

Das Landgericht in Osnabrück. Hier wird der Tod eines Babys verhandelt. Foto: Ulrich EckselerDas Landgericht in Osnabrück. Hier wird der Tod eines Babys verhandelt. Foto: Ulrich Eckseler

Osnabrück. Wird der 31-jährige Angeklagte im Prozess um ein zu Tode geschütteltes Baby zwar verurteilt, darf den Gerichtssaal dann aber als freier Mann verlassen? Vor dem Landgericht Osnabrück plädierte die Verteidigung am Mittwoch dafür, die Tat juristisch als fahrlässige Tötung einzuordnen und den Angeklagten nach Prozessende aus der Haft zu entlassen.

„Eine gerechte Strafe gibt es nicht“, betonte der Verteidiger. Das Strafrecht könne das Leid nicht aufwiegen. „Auge um Auge, Zahn um Zahn – da sind wir im Alten Testament, und das ist nicht unser Rechtssystem.“ Ferner unterstrich der Rechtsanwalt das Leid der Mutter. Aber auch das Leben seines Mandanten sei zerstört. Eine tragische Verkettung von Umständen habe zu dem Tod des Babys geführt, an dem der 31-Jährige letztlich die Schuld trage.

Vorsatz oder nicht?

Entscheidend ist bei der juristischen Würdigung die Frage nach dem Vorsatz. Konnte der Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat wissen, dass ein Schütteln diese Konsequenzen hat. Anders als die Staatsanwaltschaft meint die Verteidigung: „Nein“. Dem Mann seien die Gefahren nicht bewusst gewesen. Er habe keine medizinischen Kenntnisse und auch keinen Geburtsvorbereitungskurs besucht, da er nicht der leibliche Vater ist. „Er wusste, wie ein Baby zu halten ist, aber nicht warum“, erklärte der Verteidiger. Er verwies auf eine aktuelle Studie, nach der 25 Prozent der Deutschen der Meinung seien, dass es einem anhaltend schreienden Baby nicht schade, wenn man es schüttele.

Aus Überforderung habe sein Mandant schließlich die Nerven verloren und das Kind geschüttelt. Wie genau dies geschah und wie stark, sei jedoch nicht genau klar geworden. „Nervenbahnen sind dünn wie Grashalme. Es reicht schon, den Hals zwei Mal zu überstrecken“, betonte er. Zudem betonte er, dass der 31-Jährige sonst in keiner Weise gewalttätig geworden sei und wie ein Ersatzvater für den Jungen gewesen sei.

Nachdem er das Kind geschüttelt habe, habe er zunächst nichts bemerkt. Erst später seien ihm Symptome wie eine Atemveränderung aufgefallen. Er habe darauf Rettungsmaßnahmen eingeleitet und das Baby ins Krankenhaus gefahren.

Ein Handeln ohne Vorsatz sei juristisch letztlich als fahrlässige Tötung zu werten. Die Strafe hierfür sei durch die Untersuchungshaft aber bereits verbüßt.

Weitere Umstände

Der Verteidiger schilderte die Umstände rund um die Tatnacht. Das Kind habe unter einer Hauterkrankung gelitten. Diese führte dazu, dass der Junge zu dieser Zeit nicht gut geschlafen habe. Auch dass die Mutter zu einer Bekannten gegangen sei, um zu feiern, reihe sich in die Kette unglücklicher Umstände ein, so der Verteidiger. Er betonte dabei ausdrücklich, dass dies kein Vorwurf an die Frau sei. Sein Mandant habe die Lebensgefährtin gegen Mitternacht angerufen, um sie zu fragen, wann sie nach Hause kommen würde. „Ich komme gleich“, seien ihre Worte gewesen. Jedoch sei sie erst nach zwei Uhr zurückgekehrt. Kurz zuvor war der Junge unruhig geworden und der Angeklagte hatte ihn geschüttelt.

Einen konkreten Antrag stellte der Verteidiger letztlich nicht. Sollte die Kammer jedoch von einer Körperverletzung mit Todesfolge ausgehen, wie die Staatsanwaltschaft plädierte, sprach sich der Jurist aus den genannten Gründen für einen minder schweren Fall aus. Die Mindestfreiheitsstrafe hierfür liegt bei einem Jahr.

Der Prozess wird am 10. April fortgesetzt.